Stand: 13.12.2018 17:38 Uhr

Christlich-muslimische Paare: "Jeder lebt seine eigene Religion"

Von Michael Hollenbach

Ein Paar - zwei Religionen. Eine ganz besondere Beziehung. Wie viele bireligiöse Paare genau in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Denn die Religionszugehörigkeit wird beim Standesamt nicht erfasst. Doch es werden immer mehr - angesichts der wachsenden religiösen Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland. Unter den bireligiösen Paaren sind auch zahlreiche muslimisch-christliche Partnerschaften. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie gelingt es ihnen, sie zu bewältigen?

Müzeyyen  kam mit ihren Eltern 1969 aus der Türkei nach Deutschland. Als sie mit 22 zu Hause ihren deutschen Freund vorstellte, war das für die Eltern ein Schock: "Der Traum der ersten Generation war immer, dass sie zurückkehren werden", erzählt Müzeyyen. "Wenn die Tochter einen Deutschen und noch dazu einen Theologen heiratet – da hatten sie Angst, dass sie diesen Traum nicht mit der ganzen Familie zusammen verwirklichen können, und dass die Tochter der eigenen Religion verloren geht."

Ihr Freund, Thomas Dreessen, war evangelischer Theologe, Vikar. Für ihn war damals klar: seine Kirche akzeptiert für einen Pfarrer keine muslimische Ehefrau. Rückendeckung bekam er von seinem Vater: "Er sagte, du musst dich jetzt entscheiden zwischen deiner Karriere und deiner Liebe. Ich hoffe, du entscheidest dich für deine Liebe."

"Zwei Kulturen wissen mehr als eine. Und so ist das mit den Religionen auch"

Die beiden entschieden sich für die Liebe. Thomas Dreessen wurde nicht Gemeindepfarrer, sondern arbeitete als Sozialsekretär der westfälischen Kirche. Das bireligiöse Paar heiratete vor einem evangelischen Traualtar. Sie fragten aber auch später den Imam, ob er die Ehe anerkennen könne, berichtet Thomas Dreessen. "Nach vier Monaten kam eine Antwort: `Für jede Mauer, die der Prophet gesetzt hat, gibt es eine Tür. Die Tür ist die Liebe`. Damit konnten wir gut leben."

Auch Gisela Groß-Ikkache lebt in einer christlich-muslimischen Ehe. Ihr Mann Benali kommt aus Tunesien: "Das ist auf jeden Fall bereichernd. Zwei Kulturen wissen mehr als eine. Und so ist das mit den Religionen auch." Für Gisela Groß-Ikkache, Pastorin der Evangelischen Studierendengemeinde in Hamburg, und für ihren muslimischen Mann war immer klar: auch in der Ehe lebt jeder seine eigene Religion. Je stärker man gegenseitig die religiöse Identität anerkennt, so Gisela Groß-Ikkache, und je gefestigter jeder der Partner ist in seinem eigenen Leben, desto weniger konfliktreich ist eine Beziehung.

Zwischen Moschee und Kirche - mit zwei Religionen aufwachsen

Das Freitagsfforum zum Nachhören
04:00

Christlich-muslimische Paare: "Jeder lebt seine eigene Religion"

Ein Paar – zwei Religionen. Unter den bireligiösen Paaren sind auch viele muslimisch-christliche Partnerschaften. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie gelingt es ihnen, sie zu bewältigen? Audio (04:00 min)

Aber wie hält man es mit der Religion des eigenen Nachwuchses?  Müzeyyen und Thomas Dreessen haben drei Kinder. "Die wurden weder getauft noch beschnitten", sagt Müzeyyen Dreessen. "Wir haben versucht, sie in beiden Glaubensrichtungen zu erziehen. Ich hab sie mit in die Moschee genommen, genauso sind wir regelmäßig in die Kirche gegangen." Heute ist ein Kind christlich; die anderen beiden sind noch religiös auf der Suche. Auch die elfjährige Tochter von Gisela Groß-Ikkache wächst mit beiden Religionen auf – mit Moschee und Kirche, mit Zuckerfest und Weihnachten: "Die kann immer doppelt feiern und das findet sie auch sehr gut."

Auch mit dem Trennenden umgehen lernen

Doch die Hamburger Pastorin weiß auch, dass in ihrer Ehe manchmal zwei Religionen aufeinanderstoßen. In einigen Punkten denke ihr Mann sehr traditionell. "Wenn es zum Beispiel um das Verhältnis von Naturwissenschaften und Schöpfung geht", sagt sie. "Da ist er manchen christlich-konservativen Positionen viel näher als ich. Oder wenn es darum geht, ob gleichgeschlechtliche Lebensformen wirklich von Gott gewollt sind. Da vertritt er eine andere Position als ich."

Gisela Groß-Ikkache hat lange Zeit bireligiöse Paare beraten. Ihre Erfahrung: "Typische Konfliktpunkte sind, dass man häufig nicht unterscheiden kann: Worum geht es eigentlich? Geht es tatsächlich um etwas, was religiös begründet ist? Oder geht es um was Anderes?  Häufig geht es um Machtfragen, es geht um kulturelle Prägungen, die unterschiedlich sind."

Kein einfacher Weg

Die meisten bireligiösen Paare wissen, so Gisela Groß-Ikkache: "Es ist kein einfacher Weg, er erfordert viel Fähigkeit zur gemeinsamen Kommunikation." Doch wenn man religiös zweigleisig fährt, kann das auch eine Chance sein, meint Müzeyyen Dreessen mit einem Schmunzeln: "Vielleicht ist sein Weg richtig und er holt mich aus der Hölle ins Paradies, vielleicht ist auch mein Weg richtig. Also bleiben wir auf unseren Wegen. Und diese Toleranz, die wünsche ich mir oft von den Angehörigen der Religionsgemeinschaften. Wir wissen nicht, welcher Weg der richtige ist. Gott weiß es allein."

 

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 14.12.2018 | 15:20 Uhr