Stand: 06.12.2019 14:57 Uhr

Berufsbild Imam - mehr als ein Prediger

von Ita Niehaus

Imame made in Germany - der Weg dahin ist lang. Noch immer kommt die große Mehrheit der muslimischen Geistlichen in den rund 2.500 Moscheegemeinden bundesweit aus dem Ausland. Doch es tut sich etwas, seitdem die Imamausbildung ein Schwerpunkt-Thema der Deutschen Islam Konferenz ist. Am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie etwa ist man dabei, mit einigen islamischen Verbänden ein Islamkolleg aufzubauen. Was bisher jedoch kaum bekannt ist: Es gibt bereits einige Imamausbildungen in Deutschland - getragen von muslimischen Verbänden.

Erol Pürlü © imago
"Man darf einen Imam nicht mit zu vielen Aufgaben überfrachten", findet Erol Pürlü.

"Unsere Imame, die wir ausbilden, sind hier sozialisiert, beherrschen die deutsche Sprache - da sind wir im Vorteil", sagt Erol Pürlü, Sprecher des Verbandes der Islamischen Kulturzentren, kurz VIKZ. Der Moscheeverband hat bereits vor mehr als 30 Jahren angefangen, muslimische Geistliche auszubilden. "Es geht um die Vermittlung der Glaubensinhalte und der Glaubenspraxis", fährt Pürlü fort. "Die Glaubensinhalte richten sich nach der sunnitischen Lehre und die Glaubenspraxis nach der hanafitischen Rechtsschule."

Drei Jahre dauert die nichtakademische Ausbildung in Köln, und dann folgt noch ein Praktikum. Ein Imam ist nämlich viel mehr als nur ein Vorbeter. Er leitet die Gemeinde, gibt Koranunterricht, ist Prediger, Seelsorger und auch Brückenbauer. Ein einheitliches Berufsbild existiert nicht, die Erwartungen sind oft hoch - auch in der Politik. "Manchmal möchte man auch, dass der Imam ein Integrationslotse ist. Man darf einen Imam nicht mit zu vielen Aufgaben überfrachten", warnt Pürlü. "Man muss sehen, was machbar ist und über welche Qualifikationen er verfügen muss."

"DITIB ist politisch immer neutral gewesen"

Ein Imam in einer Moschee © picture alliance / dpa

AUDIO: Berufsbild Imam - mehr als ein Vorbeter und Prediger (5 Min)

Nicht nur für Erol Pürlü ist die Ausbildung des religiösen Personals vor allem eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Seit 2014 etwa gibt es die "Berufsfachschule Muslimischer Führungskräfte" der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Mainz. Und im Januar 2020 eröffnet DITIB, der größte Islamverband bundesweit, eine eigene Akademie in der Eiffel. Die zweijährige Ausbildung setze ein abgeschlossenes Studium der Islamischen Theologie voraus, sagt Zekeriya Altug, zuständig bei DITIB für Außenbeziehungen: "Sie sollen zu Gemeindepädagogen und Religionsbeauftragten ausgebildet werden. Unsere Gemeinden werden im Rahmen der Jugend-, der Kinderbetreuung, auch der sozialen Angebote eine viel stärkere Unterstützung durch die Religionsbeauftragten bekommen. Für uns ist das ein sehr großer Schritt.

Die Berufsausbildung werde DITIB aus eigenen Mitteln finanzieren, man wolle aber auch künftig mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet zusammenarbeiten. Immer wieder wird jedoch gefordert, der Islamverband solle sich von der Türkei lösen. "DITIB ist politisch immer neutral gewesen", erklärt er. "Natürlich gab es in letzter Zeit viele Debatten - unsere Ausbildung für Imame ist schon seit Jahren ganz losgelöst davon.

"Verbindung zur türkischen Politik ist nicht von der Hand zu weisen"

Rauf Ceylan © Rauf Ceylan
Rauf Ceylan ist Professor am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück.

Rauf Ceylan, Religionspädagoge am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück, sieht das etwas anders: "Die Strukturen sind die gleichen. Das Gesicht wird sich ändern - heute wird mehr Deutsch gesprochen. Aber das ist nicht die Lösung. Das Problem der engen Verbindung zur türkischen Politik ist nicht von der Hand zu weisen."

Ceylan findet es gut, dass sich die Vielfalt des Islam auch in der Qualifizierung des religiösen Personals widerspiegelt. Doch er hält nichts davon, jeden einzelnen Verband mit staatlichen Mitteln zu fördern. Sinnvoller sei es, eine unabhängige Ausbildungsstätte für alle zu schaffen. Das Osnabrücker Institut für Islamische Theologie hat deshalb mit einigen muslimischen Verbänden die Initiative ergriffen und ist dabei, ein Islamkolleg aufzubauen.

"Die Inhalte sind ja mehr oder weniger gleich, die werden auch nicht von der Universität vorgegeben", erklärt Ceylan. "Aber da kann jeder zusammen die praktische Ausbildung absolvieren, man kann kritisch gemeinsam diskutieren, es ist pluralistisch - und das müssen wir haben." Das zweijährige bundesweite Modellprojekt wird vom Bund gefördert. Es soll, so Ceylan, zum Wintersemester 2020 starten: "Es wird eine Konkurrenzsituation sein, umso mehr müssen wir überzeugen."

Wie erfolgreich werden die neuen Ausbildungsmodelle?

Der Verband der Islamischen Kulturzentren allerdings will auch künftig seine Geistlichen selbst unterrichten und abwarten, wie sich das Osnabrücker Islamkolleg entwickelt. "Man muss sehen, welche Anforderungen Moscheegemeinden haben und welchen Bedarf es an Imamen gibt", so Pürlü.

Wie erfolgreich die neuen Ausbildungsmodelle sind, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Und zwar spätestens dann, wenn sich die jungen Imame in den Moscheen bewerben.

Rückblick
Der Religionswissenschaftler und Lehrer im neuen Studiengang, Rauf Ceylan, steht in einem Seminarraum der Hochschule in Osnabrück. © picture alliance / dpa Foto: Carmen Jaspersen

"Die Imamausbildung der DITIB ist keine Lösung"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.12.2019 | 15:20 Uhr

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