Stand: 14.03.2018 17:40 Uhr

Was bleibt von Stephen Hawking?

Der britische Astrophysiker Stephen Hawking ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Er war für seine bahnbrechenden Erkenntnisse zu Schwarzen Löchern und der Relativitätstheorie bekannt. Welche Erkenntnisse das sind, die nun sein wissenschaftliches Erbe ausmachen, darüber spricht NDR Kultur mit der Astrophysikerin, Philosophin und Autorin Sibylle Anderl.

Stephen Hawking war der wohl berühmteste Wissenschaftler unserer Zeit. Wie erklären Sie sich seine große Popularität?

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Sibylle Anderl forscht zu den Themen Sternenentstehung und Astrochemie und schreibt als Wissenschaftsautorin für die "FAZ".

Sibylle Anderl: Stephen Hawking ist zum einen deswegen populär, weil er sich mit den Fragen der Kosmologie beschäftigt hat, die eigentlich alle Menschen interessieren: die Frage nach dem Ursprung unseres Universums und die Frage, wie schwarze Löcher funktionieren, wie wir sie uns vorzustellen haben. Insofern sind das inhaltlich schon die Fragen, die uns Menschen am allermeisten faszinieren.

Dazu kommt bei Stephen Hawking natürlich die Tatsache, dass er mit seinem Leben und seinem lebenslangen Aufbäumen gegen seine Krankheit so etwas wie ein Vorbild für den Triumph des menschlichen Geistes über körperliche und menschliche Beeinträchtigungen darstellt. Stephen Hawking hat wirklich sein ganzes Leben lang bewiesen, was ein menschlicher Geist leisten kann trotz massiver körperlicher Beeinträchtigungen. Und ich glaube, das hat neben der Faszination seiner Themen ganz entscheidend dazu beigetragen, dass Stephen Hawking so eine unglaubliche Bekanntheit erlangt hat.

Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte

Urknall, Schwarze Löcher, Quantenphysik - für die meisten Menschen sind das nur Begriffe, die Sie gerade angerissen haben. Wenn wir nur eine Sache richtig verstanden haben sollten, die Stephen Hawking hinterlässt, welche, denken Sie, sollte das sein?

Anderl: Ich glaube, das ist die Idee, dass wir eine vereinheitlichte Theorie finden sollten, die sowohl den Makrokosmos als auch den Mikrokosmos beschreibt. Das ist etwas, das hat schon Einstein umgetrieben und das treibt auch heute noch die meisten Physiker um.

Einstein, der heute (am 14. März) übrigens Geburtstag hat.

Anderl: Genau. Ein erstaunlicher Zufall, dass Hawking am Geburtstag Galileis geboren wurde und nun an Einsteins Geburtstag gestorben ist. Also insofern selbst eingerahmt ist von zwei Physikern, die sein eigenes Wirken sehr entscheidend mitgeprägt haben. Aber sein Beitrag, diese beiden Bereiche der Physik - den Bereich, der den Makrokosmos, das Große, beschreibt - zusammenzubringen mit dem Bereich, der das ganz Kleine beschreibt, das ist, glaube ich, das, was Hawking und seine Ideen letztendlich unsterblich macht. Und da war eben seine entscheidende Idee, dass diese beiden Bereiche - also die Allgemeine Relativitätstheorie auf der einen Seite und die Quantentheorie auf der anderen Seite - beide relevant und wichtig sind, wenn wir versuchen zu verstehen, wie schwarze Löcher funktionieren.

In dem Bereich, in dem Stephen Hawking geforscht und nachgedacht hat, konnte ja nur ein recht überschaubarer Kreis überhaupt nachvollziehen, was gemeint ist und was diese Arbeit bedeutet. Stephen Hawking war es wiederum offenbar sehr wichtig, seine Erkenntnisse mit anderen zu teilen und seine Wissenschaft verständlich darzustellen, zum Beispiel in Büchern.

Anderl: Ja, das ist auch etwas, was ihn ganz entscheidend ausmacht. Er ist ja mehrfacher Bestsellerautor. Seine bekannte "Kurze Geschichte der Zeit" ist nach wie vor auf Top 1 der Bestsellerlisten. Das Buch wurde einmal von dem Soziologen Harry Collins als "vollständig unverständlicher Bestseller" bezeichnet, denn in der Tat ist es angeblich das Buch, das die meisten Menschen weitgehend ungelesen in ihrem Regal stehen haben. Weil das, was darin beschrieben ist, sehr abstrakt und theoretisch ist und für die meisten Menschen unverständlich bleibt, auch wenn Stephen Hawking sich sehr bemüht hat, diesen Bereich seiner Arbeit allen zugänglich zu machen. Seine Motivation, die dahintersteckte, war natürlich, dass er sich dachte, die Forschung, die er macht, wird von der Allgemeinheit, von der Öffentlichkeit finanziert, insofern muss er als Wissenschaftler etwas zurückgeben, indem er seine Erkenntnisse mitteilt.

Sie selbst sind Astrophysikerin und Philosophin, Frau Anderl, Ihr Buch "Das Universum und ich: Die Philosophie der Astrophysik" ist im Hanser Verlag erschienen. War Stephen Hawking für Sie ein Vorbild als Wissenschaftlerin?

Anderl: Das ist eine spannende Frage, weil Stephen Hawking gerade am Ende seines Lebens der Philosophie sehr feindlich entgegenstand. Er hat mehrfach geäußert, die Philosophie, so wie sie heute betrieben wird, sei tot. Gleichzeitig muss man sagen, wenn man seine Texte und Bücher liest, dass er selbst durchaus philosophisch gedacht hat und philosophische Diskussionen auch in gewissem Maße mitgeprägt hat. Denn die entscheidende philosophische Frage, die sich an die theoretische Physik anschließt, ist die Frage, inwieweit müssen wir immer noch experimentelle Anhaltspunkte für das Zutreffen für die Wahrheit von Theorien haben. Oder reicht es uns irgendwann zu sagen, eine Theorie kann auch dann stimmen, wenn sie einfach konsistent, widerspruchsfrei und schön ist.

Er hat sich immer dafür eingesetzt, dass wir - egal, wie abstrakt und theoretisch die Theorien sind - immer darauf achten müssen, dass sie sich immer noch auf experimentelle Resultate zurückbeziehen lassen, damit wir überprüfen können, ob die Theorien stimmen oder nicht. Also ganz im Popperschen Sinne. Insofern gibt es bei ihm diese interessante Spannung, dass er auf der einen Seite ein sehr scharfer Kritiker der Philosophie war, aber auf der anderen Seite, sich selbst sehr massiv mit erkenntnistheoretischen und wissenschaftstheoretischen Fragen auseinandergesetzt hat.

Es kann einen schon wundern, dass Stephen Hawking nie den Nobelpreis bekommen hat.

Anderl: Was Stephen Hawking selber als Grund angeführt hat oder vermutet hat, dass es der Grund sein könnte, war, dass seine Theorien bislang noch nicht bestätigt wurden. Es ist noch nicht gelungen, wirklich zu messen, was er vorhergesagt hat. Und zwar, dass schwarze Löcher eine Strahlung, die sogenannte Hawking-Strahlung, imitieren. Also, dass aus schwarzen Löchern auch wieder etwas herauskommen kann, dass sie nicht nur alles schlucken, sondern auch etwas abgeben. Und wenn diese Messungen gelungen wären, dann hätte man davon ausgehen können, dass es auch einen Nobelpreis für Stephen Hawking gegeben hätte.

Gibt es überhaupt ein Nachfolge-Publikum, das soweit in diesem Bereich drin ist, das eines Tages überprüfen zu können? Oder das in der Lage wäre, überhaupt an dieser Arbeit weiter zu forschen? Ist damit jetzt etwas beendet oder gibt es ein Vermächtnis, das anderen zugänglich ist?

Anderl: Bei Stephen Hawking ist es ganz klar, dass er etwas in Gang gesetzt hat und insofern am Anfang einer Bewegung stand. Der Versuch, Quantentheorie und Relativitätstheorie zusammenzuführen, eine Quanten-Gravitation zu entwickeln, das ist etwas, woran viel Physiker forschen. Es gibt viele Programme, die versuchen, empirische Anhaltspunkte zu finden. Es gibt unheimlich viele Theoretiker, die versuchen, solch eine vereinheitlichte Theorie zu entwickeln. Insofern ist Stephen Hawking ein Anfangspunkt in einer Entwicklung gewesen, die immer noch stärker wird und auf gar keinen Fall mit seinem Tod beendet ist.

Das Interview führte Philipp Cavert.

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NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.03.2018 | 17:40 Uhr