Stand: 03.03.2020 14:26 Uhr

Melodiöser West Coast Pop

von Ralf Dorschel, NDR Info Nachtclub & Nightlounge
Cover der CD "Canyons" © Légère
Das dritte Album von Young Gun Silver Fox wurde im eigenen Studio des Duos aufgenommen.

Natürlich war früher nicht alles besser, aber manches war verdammt gut. Und gilt heute ganz zu Unrecht als vergilbt. Fleetwood Mac zum Beispiel: Skandalnudeln mit Ohrwurm-Abo. Hall & Oates – längst ein Fall fürs Oldie-Radio. America – Schmuse-Lieder für ewige Romantiker. Oder Steely Dan – ein Ruf wie Donnerhall bei Gourmets, aber ansonsten weitgehend abgehakt. Außer für Young Gun Silver Fox: Das Duo hält das Erbe der US-Westcoast am Leben. Und weil man heute im Rückblick auch noch schlauer ist und sich weniger Koks durch die Schleimhäute zieht, sind es nur die guten Seiten der alten Tage: die unwiderstehlichen Songs voller himmlischer Harmonien und höllischer kleiner Widerhaken. Plus dieses Gefühl tiefer Gelassenheit, das nur beim Surfen entlang der kalifornischen Westküste entstehen mag.

Westküstensound wie aus dem Laurel Canyon

Für ihr drittes Album sind Andy Platts und Shawn Lee jetzt tief in die Topographie des US-Rock anno 1977 eingedrungen: in die Canyons. Laurel Canyon, das war die Heimstatt der Stars und Sternchen, hier fanden Hippies und Barden zusammen, hier wurden ein paar spektakulär erfolgreiche Jahre lang Songs gespielt und gesungen, die die Welt veränderten: von Joni Mitchell und den Eagles kamen die, von Crosby, Stills & Nash und James Taylor. Und bisschen weiter westlich der Topanga Canyon, die Heimstatt von Neil Young, Woody Guthrie und Lowell George. "Canyons" also, die Klammer der elf Songs, die – darauf bestehen Platts und Lee – als Album verstanden werden sollen: Also genau diese Songs in genau dieser Reihenfolge – in der Ära von Spotify und Shuffle Play muss man dieses Konzept ja auch schon erklären.

Wobei Young Gun Silver Fox ihren Sound sogar noch mal kräftig aufgebohrt haben: Der britische Posaunist Nichol Thomsen, der sonst für Robbie Williams, Grace Jones oder Jamie Cullum die Bläser setzt, treibt das nostalgische Spiel endgültig auf die Spitze - Earth, Wind & Fire leisteten sich damals diese grenzenlose Eleganz, später klaute sich Phil Collins dort seine Phoenix Horns weg. Aber das ist eine andere Geschichte und hier geht es ja nicht nur um diese alten Geschichten, sondern eben auch um neue Songs: Platts und Lee schreiben über Fernbeziehungen, Traumfrauen, das private Paradies und ganz viel Liebe. Das Alte wieder aufleben lassen

Also zugegeben: eigentlich auch alles wie damals. Nur taten das in jenen Tagen in jenen Canyons alle. Verdienten sich mit ihren Klassikern eine gepuderte Goldnase - und gerieten dann Anfang der 80er unter die Räder der Charts, mussten sich HipHop, Punk und Wave geschlagen geben. Weshalb die Alben von Young Gun Silver Fox heute natürlich nicht einfach diese Geschichten fortschreiben können. Weil das Umfeld ein drastisch anderes ist, weil die Zeit nicht stehen geblieben ist – und nun von einem Briten und einem US-Amerikaner mit Wahlheimat London erst mühsam zurückgedreht werden muss. Warum sie das eigentlich tun, und ob sie den Altvorderen aus den Canyons wirklich durchweg das kreative Wasser reichen können, lassen wir jetzt mal offen. Ganz allein, weil es furchtbar guttut, mit so viel Liebe und Sachverstand an diese Ära erinnert zu werden.

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Canyons

Label:
Légère
Veröffentlichungsdatum:
21.02.2020
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 02.03.2020 | 23:05 Uhr