Stand: 03.08.2018 20:50 Uhr

Metal-Medizin in der Großstadt Wacken

von Kai Salander

Wacken ist für eine Woche zur "Metal-Metropolis" geworden, mit vielen Verletzungsrisiken auf den staubigen Campingplätzen oder beim Pogen vor den Bühnen: Verbrennungen beim Grillen, Beinbrüchen und kleinen Schnittverletzungen. Um die 75.000 Fans zu verarzten, haben die Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein und das Deutsche Rote Kreuz Zelte auf dem Behandlungsplatz aufgeschlagen.

Zeltklinik im Großstadtstil

In den Zelten befindet sich das DRK-Krankenhaus Wacken - eine Zeltklinik im Großstadtstil für etwa 100.000 Einwohner sowie eine Kantine. Seite an Seite arbeiten dort 700 Ärzte, Pfleger und Sanitäter. Die Untersuchungsräume der provisorischen Notaufnahme sind abgesteckt, mit Bauzäunen über denen schwarze und weiße Planen hängen. Am Zelteingang wartet Christian Wiese auf die Patienten. In seiner Hand hält er ein Klemmbrett, macht Notizen wann immer ein Metallhead seine Verletzung vorzeigt. Er beurteilt den Schweregrad der Blessuren und entscheidet, welcher Patient zuerst behandelt wird: "Grundlage ist das Manchester Triage System. Das legt Prioritäten fest. Wenn jemand akut erstickt, hat dieser die Kategorie rot und wird sofort behandelt. Jemand mit einem Hautausschlag seit 10 Tagen ist Kategorie blau und darf auch zwei Stunden warten."

Wendige Fahrzeuge

Auf den vergangenen Wacken Open Air Festivals haben die Sanitäter auch Besucher mit schweren Verbrennungen und Schädelhirntrauma eingeliefert, andere mussten wiederbelebt werden. In diesem Jahr erlitt ein Festivalgänger einen Herzinfarkt. Für solche Fälle hält das DRK Fahrzeuge vor, die schnell und wendig genug sind, um in wenigen Minuten über den Acker zur Unfallstelle zu fahren. Seit fast einem Jahrzehnt gehören auch mindestens zwei Quads, motorisierte Vierräder, zum Fuhrpark.

Notarzt-Ausrüstung auf dem Quad

Unfallchirurg David Eschmann schwingt sich auf den Beifahrersitz. Der Fahrer dreht den Zündschlüssel, startet die Maschine. Knatternd fahren beide zusammen über das staubige Festivalgelände. Der Arzt erklärt: "Wir haben eine komplette Notarzt-Ausrüstung auf dem Quad, mit EKG, Defibrilator, Beatmungsgerät. Wir können vor Ort versorgen, aber nicht transportieren."

In vergangen Jahren waren Quads oft die einzigen Fahrzeugen, die im Matsch vorankamen. "Bei viel Regen und Matsch, schlecht befahrbaren Wegen, da sind die Quads besser, um schnell Helfer an die  Unfallstelle zu bekommen", erklärt Christian Mandel von der RKiSH.

Die Behandlung am Einsatzort hat Vorrang. Wie der Krankentransport organisiert wird, ist die zweite Aufgabe. Dafür gibt es die Rettungswagen.

Fahrende Intensivstation auf dem Wacken-Gelände

Das Standardfahrzeug der RKiSH ist der Rettungswagen. Mandel beschreibt sie als fahrende Intensivstation - ein Vielzweckfahrzeug. Er fährt Metalhedas mit gebrochenen Beinen oder Herzinfarkt zum Krankenzelt. Zur Bordausstattung gehören Blutdruckmanschetten sowie Beatmungsschläuche für narkotisierte Patienten. Im Wagen können die Sanitäter die Herzfrequenz oder die Sauerstoffsättigung auf einem Monitor überwachen. Hier geht alles, was man außerhalb des Krankenhauses leisten kann, auch im Rettungswagen.

Erste Hilfe mit dem Quad

RTW in XXL

Während des Festivals fahren meist dreiköpfige Teams mit den Rettungswagen. "Zwei Einsatzkräfte sowie zusätzlich Auszubildende oder Kollegen von anderen Rettungsdiensten, die hier mal reinschnuppern wollen", sagt Mandel.

Den RTW gibt es aber auch in XXL. Der Schwerlastrettungswagen ist in Rendsburg stationiert und transportiert besonders gewichtige Patienten mit mehr als 180 Kilogramm Körpergewicht. In den Vorjahren war der 7,5 Tonnen Lkw bereits auf dem Festivalgelände im Einsatz. Auf der extrabreiten Trage und über die Ladebordwand können die Sanitäter die Patienten in den Wagen hieven, "ein sicherer und menschenwürdiger Transporter", versichert Mandel. Der Schwerlastrettungswagen müsse allerdings frühzeitig nach dem Unfall alarmiert werden, weil er erst von Rendsburg nach Wacken fahren muss.

Heli wirbelt zu viel Staub auf

Das Gleiche gilt für den Rettungshubschrauber. "Wenn man mit der Behandlung vor Ort fertig ist und dann erst einen Helikopter bestellt, ist der Zeitvorteil des Luftransports verloren, erklärt Mandel vom RKiSH. In Wacken ist seit etwa zwei Jahren ein spezieller Landeplatz für den Helikopter ausgewiesen. "Bei Tage und guter Sicht können die Piloten auf jeder Kreuzung landen, das ist in Wacken anders. Hier liegt viel Staub. Wir bringen unseren Auszubildenden bei: Fenster zu, wenn der Heli kommt. Der wirbelt einfach zu viel Staub auf." Deshalb sollen die Rettungshubschrauber gerade bei dieser Trockenheit auf Plätzen außerhalb des Campingbereichs landen. Durch den Abwind der stark kreisenden Rotorblätter könnten die Zelte hochfliegen. Dadurch seien Besucher gefährdet. Deshalb landet der Hubschrauber im Notfall auf dem Sportplatz der Grundschule Wacken.  Die endgültige Entscheidung über den Landeplatz fällt aber dennoch der Pilot.

Weitere Informationen
Podcast
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Podcast: Ein Dorf sieht Schwarz

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Die NDR Reporter berichten im Podcast direkt vom Acker aus Wacken. Sie gehen auch der Frage nach, wie das größte Heavy-Metal-Festival der Welt das kleine Dorf verändert. mehr

Blog: Das war das Wacken Open Air 2018

Das Wacken Open Air ist zu Ende. Während das Musikfestival in den Vorjahren als Schlammschlacht bekannt war, blieb es diesmal komplett trocken. Unseren Blog gibt es hier zum Nachlesen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 03.08.2018 | 12:00 Uhr

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