Stand: 18.04.2017 20:36 Uhr  | Archiv

Leichte Sprache: Land-Tag statt Landtag

Schleswig-Holsteiner, die mit dem Begriff Leichte Sprache bislang nichts anfangen konnten, haben aktuell gute Chancen dies zu ändern - vorausgesetzt, sie sind wahlberechtigt. Die Benachrichtigungen für die Landtagswahl am 7. Mai sind in Leichter Sprache verfasst worden. Kurze Sätze prägen die Unterlagen. Viele Wörter sind durch einen Bindestrich getrennt. Der Landtag wird zum Land-Tag, der Stimmzettel zum Stimm-Zettel, der Briefwahlantrag zum Brief-Wahl-Antrag. Vielerorts haben die Änderungen für Spott gesorgt - im "Büro Leichte Sprache" in Lübeck sicher nicht. Dort übersetzen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Texte in Leichte Sprache.

Übersetzung: "Das Geld heißt: Arbeits-Förderungs-Geld"

Ein Beispiel aus dem Büro zeigt, wie ein Gesetzestext von zwei Heilerzieherinnen und drei Menschen mit Lernschwierigkeiten verändert wurde:

Original-TextLeichte Sprache
"Werkstätten für behinderte Menschen erhalten vom zuständigen Rehabilitationsträger zur Auszahlung an die im Arbeitsbereich beschäftigten Menschen mit Behinderungen zusätzlich zu den Vergütungen nach § 58 Absatz 3 SGB IX ein Arbeitsförderungsgeld.""Seit 2017 bekommt jeder Werkstatt-Mitarbeiter mehr Geld. Das Geld bekommt man zum Arbeits-Lohn dazu. Das Geld heißt: Arbeits-Förderungs-Geld. Jeder Werkstatt-Mitarbeiter bekommt jetzt 52 Euro Arbeits-Förderungs-Geld."

Werkstattmitarbeiter: Fremdwörter grenzen mich aus

Das Büro gehört zur Vorwerker Diakonie. Es berät zu dem Thema, überarbeitet aber auch Flyer, Informationsschreiben oder Formulare. Er fühle sich durch komplizierte Texte und Fremdwörter ausgegrenzt, sagt Werkstattmitarbeiter Frank Borowski. Er arbeitet also auch in eigener Sache in dem Büro. Behördendeutsch ist häufig allerdings nicht nur für Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistigen Beeinträchtigungen oder geringen Sprachkenntnissen schwer verständlich. Schleswig-Holsteins Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten, Samiah El Samadoni, berichtet von einer Frau, die jüngst mit Fragen zu einem Formular zu ihr kam: "Da hätte ich mir selbst eine Beratung gewünscht."

Bürgerbeauftragte: Behörden fehlen oft Kapazitäten

Viele Behörden beriefen sich auf die Rechtssicherheit, wenn sie auf Bandwurm-Sätze in ihren Schreiben angesprochen werden, sagt El Samadoni. Diese Begründung sei aber oft nur vorgeschoben. Vielen Ämtern fehlten einfach Kapazitäten, um Texte anders aufzubereiten oder Fragen in persönlichen Gesprächen zu klären, so die Bürgerbeauftragte. Sie berichtet von wütenden Bürgern, die in ihre Sprechstunden kommen.

Gleichstellungsgesetz schreibt Leichte Sprache bald vor

Das Lübecker "Büro Leichte Sprache" will das ändern. Bislang bearbeiten die Mitarbeiter nur Texte, die in der Vorwerker Diakonie wichtig sind. Ihr Ziel ist es, dass Behörden und Verwaltungen immer auch in Leichter Sprache schreiben, damit mehr Menschen zum Beispiel amtliche Mitteilungen lesen und vor allem verstehen können. Das Ziel ist gar nicht weit entfernt: Das Gleichstellungsgesetz schreibt Behörden Informationen in Leichter Sprache vom kommenden Jahr an vor.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.04.2017 | 19:30 Uhr

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