Stand: 06.01.2020 17:32 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

"Gorch Fock": Chronologie einer Instandsetzung

Dezember 2015: Die "Gorch Fock" soll turnusmäßig von Grund auf überholt werden, die Arbeiten werden von der Elsflether Werft (Kreis Wesermarsch) durchgeführt. Bei einer Überprüfung wird festgestellt, dass die Masten marode sind und ersetzt werden müssen.

Januar 2016: Das Schiff wird planmäßig in ein Schwimmdock bei der Bremerhavener Bredo-Werft verlegt. Die Kosten, um die Schäden zu reparieren, werden auf knapp zehn Millionen Euro geschätzt.

Oktober 2016: Noch immer liegt die "Gorch Fock" in der Werft. Immer wieder tauchen neue Schäden auf, so zum Beispiel ein marodes Oderdeck und alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf nie erneuert wurden. Die Kostenerwartungen für Reparaturen erhöhen sich um mehr als das dreifache auf 35 Millionen Euro.

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Ein Hingucker bei jeder Kieler Woche: Wann die "Gorch Fock" wieder auf der Förde segelt, ist weiter unklar.

Der Bund der Steuerzahler führt in seinem Schwarzbuch die "Gorch Fock" auf.

26. Januar 2017: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verkündet: Das Schiff soll wieder flott gemacht werden und über 2030 hinaus als Segelschulschiff der Marine fahren. Die Kostenschätzung ist schon wieder enorm gestiegen: "Die Fortführung des Instandsetzungsvorhabens bedingt geschätzte Kosten von insgesamt bis zu 75 Millionen Euro", teilt das Verteidigungsministerium mit. Parallel soll an einem Konzept für den Neubau eines Segelschulschiffes gearbeitet werden.

11. August 2017: Die Deutsche Marine verlegt ihre Offiziersausbildung vorrübergehend auf den rumänischen Großsegler "Mircea". 55 deutsche Kadetten verlassen mit dem baugleichen Schwesterschiff der "Gorch Fock" den Marinestützpunkt Wilhelmshaven.

16. Oktober 2017: Die Sanierung der Dreimastbark verlängert sich voraussichtlich um bis zu sechs weitere Monate. 80 Prozent der Außenhaut der "Gorch Fock", das komplette Oberdeck und das Zwischendeck müssen neu gemacht werden. Auch das Deckshaus muss komplett neu aufgebaut werden. Weitere Kosten sollen aber nicht entstehen, die Marine geht weiterhin von 75 Millionen Euro aus.

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Der ganze Stolz der Deutschen Marine: Die Gorch Fock unter vollen Segeln im Jahr 1976.

30. Januar 2018: Die "Gorch Fock" liegt seit gut zwei Jahren in Bremerhaven im Schwimmdock. Die veranschlagten 75 Millionen Euro sind bereits fast komplett von der Sanierung verschlungen. Ein Marinesprecher korrigiert die Kalkulation erneut nach oben. Erstmals wird von mehr als 100 Millionen Euro gesprochen. Nach den Arbeiten sei die Dreimastbark quasi ein Neubau, über einen Nachfolger müsse sehr lange nicht nachgedacht werden, so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

20. März 2018: Die Instandsetzung soll inzwischen bis zu 135 Millionen Euro kosten. Das Verteidigungsministerium hat trotz der Kosten-"Explosion" entschieden, die Arbeiten an der "Gorch Fock" weiter durchführen zu lassen. Sie waren zwischenzeitlich gestoppt worden, nachdem im Januar - nicht zum ersten Mal - deutlich geworden war, dass die Sanierung deutlich teurer wird als geplant.

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Derzeit ist die "Gorch Fock" eine einzige Großbaustelle. Ein schnelles Ende der Arbeiten ist nicht in Sicht.

13. Dezember 2018: Es gibt einen Korruptionsverdacht gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven. Für ein privates Bauprojekt soll er ein vergünstigtes Darlehen erhalten haben - von mindestens einem an der Schiffssanierung beteiligten Unternehmen. Der Mann war mitverantwortlich für die Preisprüfung der "Gorch Fock"-Reparatur. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück nimmt Ermittlungen wegen möglicher Vorteilsnahme und Bestechlichkeit gegen den Marine-Mitarbeiter auf. Das 60-jährige Indienststellungs-Jubiläum der "Gorch Fock" in der Marineschule Mürwik wird abgesagt.

21. Dezember 2018: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) stellt die Zahlungen für die Sanierung der "Gorch Fock" vorerst ein. Sie möchte, dass zuerst die Korruptionsvorwürfe geklärt werden.

13. Januar 2019: Ein Prüfbericht des Bundesrechnungshofs besagt, dass das Bundesverteidigungsministerium mitverantwortlich sein soll für die Kostenexplosion bei der Sanierung der "Gorch Fock". Ein Bericht des Havariebeauftragten aus dem Jahr 2011 über den schlechten Zustand des Segelschulschiffs sei ignoriert worden, Bundesverteidigungsministerin Ursula Von der Leyen (CDU) seien falsche Informationen vorgelegt worden.

30. Januar 2019: Der Verteidigungsausschuss einigt sich darauf, die Sanierung der "Gorch Fock" vorerst fortzusetzen. Der Plan ist, die "Gorch Fock" bis 2020 wieder seetauglich zu bekommen. Ministerin von der Leyen will, dass die Elsflether Werft den Rumpf des Schiffes spätestens im April zu Wasser lässt. So soll die Werft beweisen, dass die Stahlarbeiten erfolgreich waren. Wenn das klappt, will das Bundesverteidigungsministerium im Anschluss über die weiteren Sanierungsarbeiten entscheiden. Unterdessen hat die zuständige Trägerstiftung der Elsflether Werft den Vorstand und den Aufsichtsrat der Werft fristlos entlassen. Sie stehen unter dem Anfangsverdacht, erhebliche Pflichtverletzungen zu Lasten der Werft und damit auch des Stiftungsvermögens begangen zu haben.

20. Februar 2019: Die Elsflether Werft AG ist zahlungsunfähig: Vorstandschef Axel Birk und sein Anwalt haben am Amtsgericht Nordenham den Insolvenzantrag für das Unternehmen eingereicht. Das Gericht hat den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung genehmigt. Das bedeutet, dass der neue Vorstand bestimmt, wie es für das Unternehmen weitergeht. Möglicherweise können die Sanierung des Marineschulschiffs "Gorch Fock" und weitere Aufträge der Marine fortgesetzt werden. Zudem soll es Gespräche mit Investoren geben.

14. März 2019: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kündigt an, den seit 21. Dezember 2018 geltenenden Zahlungsstopp wieder aufzuheben. Diese Entscheidung sei nach Gesprächen mit der neuen Werftspitze gefallen. Die Arbeiten an der "Gorch Fock" sollen laut von der Leyen schnell wieder starten. "Es gibt eine gute Chance, dass das Schiff wieder segeln wird", sagte die Ministerin.

18. März 2019: Die Arbeiten an der "Gorch Fock" werden wieder aufgenommen. Das Segelschulschiff soll zunächst für elf Millionen Euro bis zum Sommer wieder schwimmfähig gemacht werden.

12. April 2019: Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen im Fall der Sanierung der "Gorch Fock" aus. Nun geht es auch um den Vorwurf des Betrugs - zu Lasten der Marine.

30. April 2019: Verteidigungsministerin von der Leyen (CDU) macht deutlich, dass sie die "Gorch Fock" nicht um jeden Preis sanieren lassen will. Sollte die Werft den Kostenrahmen von 135 Millionen Euro nicht einhalten können, werde die "Gorch Fock" in ein Museumsschiff umgewandelt, sagte von der Leyen.

2. Mai 2019: Das Vermögen der beiden ehemaligen Vorstände der Elsflether Werft wird gepfändet. Dabei geht es um Beträge in insgesamt zweistelliger Millionenhöhe. Gegen die Männer ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Untreue. Das Vermögen ist eingefroren, bis ein Gericht über den Fall entscheidet. Je nach Urteil könnte es in die Insolvenzmasse der Werft fließen.

5. Mai 2019: Der Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven, der ein privates Darlehen von der Elsflether Werft bekommen hat, muss diesen jetzt vorzeitig zurückzahlen. Das hat das Landgericht Bremen nach NDR Informationen entschieden. Der Mann war als Preisprüfer der Marine unter anderem für die "Gorch Fock" zuständig. Die Werft hatte dem Mitarbeiter des Marinearsenals 2016 einen privaten Kredit über 400.000 Euro zu besonders günstigen Konditionen gewährt.

7. Mai 2019: In einem Interview mit dem NDR räumt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein, dass die wahren Kosten für die Reparatur der "Gorch Fock" am Anfang deutlich unterschätzt worden sind. Bei der Sanierung des Segelschulschiffs habe es eine Kette von Fehlern in ihrem Ministerium gegeben.

20. Mai 2019: Die Bredo-Werft, bei der die "Gorch Fock" im Dock liegt, droht damit, das Schiff als Pfand zu behalten. Der Grund: Die Werft ist der größte Gläubiger der insolventen Elsflether Werft. Sollte diese nicht die geforderten 4,3 Millionen Euro zahlen, werde das Schiff nicht freigegeben. Die Elsflether Werft sieht jedoch keinen Grund, für die Altschulden der ehemaligen Vorstände aufzukommen. Dazu gehören auch die ausstehenden Millionen für die Bredo-Werft. Auch die Marine sieht sich nicht in der Pflicht.

31 Mai 2019: Die Elsflether Werft legt der Marine eine neue Kalkulation für die Reparatur der "Gorch Fock" vor. Die Werft kündigt darin an, dass die vorgegebene Kostenobergrenze von 135 Millionen Euro eingehalten werde. Als Ablieferungstermin an die Marine sei September 2020 vorgesehen, heißt es.

21. Juni 2019: Nach mehr als drei Jahren wird die "Gorch Fock" aus dem Trockendock ausgedockt und zu Wasser gelassen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist beim ersten Wasserkontakt des Segelschulschiffs nach langer Zeit dabei. Erst am Vortag hatten sich Werft und Ministerium darauf geeinigt, dass der Großsegler wie geplant ausgedockt wird. Die Bredo-Werft in Bremerhaven wollte das Schiff zunächst als Pfand behalten, weil sie Millionen fordert.

25. Juni 2019: Das Bundesverteidigungsministerium entscheidet: Die "Gorch Fock" wird fertig saniert.

27. Juni 2019: Die "Gorch Fock" geht auf ihre erste kleine Reise nach mehr als drei Jahren. Schlepper nehmen das Segelschulschiff der Deutschen Marine an die Haken und bringen es 50 Kilometer Richtung Berne (Landkreis Wesermarsch). Dort liegt der Großsegler nun in der Fassmer-Werft. Weil die insolvente Elsflether Werft kein geeignetes Dock hat, muss entschieden werden, wo die Sanierung weitergeht.

"Gorch Fock": Traditionsschiff in der Werft

08. Juli 2019: Die Entscheidung ist gefallen: Die "Gorch Fock" wird in Berne bei der Fassmer-Werft bleiben. Die Elsflether Werft ist Hauptauftragnehmerin für die Sanierung der "Gorch Fock". Sie hat sich für das Angebot der Werft entschieden. Rund drei Monate bleibt das Segelschulschiff für weitere Arbeiten in Berne.

11. Juli 2019: Die Sanierung des Großseglers geht weiter. Das Schiff wird aus dem Wasser geholt und wieder aufs Trockene gelegt. Das Schiff soll zunächst gereinigt und anschließend weiß gestrichen werden, sagte eine Sprecherin der Werft. Danach ist die Verlegung von Kabeln und Rohren geplant.

9. Oktober 2019: Die Marine entscheidet: Rund 200 angehende Offiziere an der Marineschule im Flensburger Stadtteil Mürwik sollen 2020 auf der "Alexander von Humboldt II" ausgebildet werden. Das erst acht Jahre alte Schiff aus Bremerhaven löst die rumänische "Mircea" als Übergangslösung ab.

25. Oktober 2019: Das Bundeskartellamt gibt bekannt: Die Bremer Lürssen-Werft darf die insolventen Elsflether Werft übernehmen. Vier Tage später wird der Vertrag unterzeichnet.

30. Oktober 2019: Die Reise geht weiter: Die "Gorch Fock" wird von Berne zu einem Gelände der Lürssen-Werft geschleppt. Hier soll die Sanierung des maroden Seglers weitergehen. Mit der Schleppfahrt übernimmt Lürssen endgültig die insolvente Elsflether Werft, die zuvor den Generalauftrag zur Sanierung hatte. "Das ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung", sagte Kapitän Niels Brandt kurz vor der Abfahrt. In den kommenden Tagen wird das Schiff verlegt.

3. Januar 2020: Die Offiziersanwärter der deutschen Marine gehen an Bord der "Alexander von Humboldt II" für ihre Segelausbildung - eine Zwischenlösung, bis die "Gorch Fock" wieder zur Verfügung steht. Die ersten 40 Kadetten legen am Tag darauf in Las Palmas auf den Kanaren ab.

Weitere Informationen

"Gorch Fock": Vom Schulschiff zum Sanierungsfall

13.11.2018 06:00 Uhr

Kaum ein deutsches Schiff ist bekannter als die "Gorch Fock". Ab 1959 bereiste das Marine-Schulschiff die Meere - doch die Sanierung des Seglers nach 55 Jahren wird zum Debakel. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.01.2020 | 12:00 Uhr

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