Gesetzlicher Vormund für Geflüchtete: Ehrenamt für Fortgeschrittene

Stand: 10.07.2022 12:45 Uhr

Ehrenamtliche Vormunde helfen jungen, minderjährigen Geflüchteten bei ihrem Neustart in Deutschland. Sie regeln Behördenangelegenheiten und sind dazu häufig wichtige Bezugspersonen.

von Astrid Wulf

Vormundschaft: Mit dem Begriff verbinden viele Entmündigung, Übergriffigkeit, Familienstreit wie im Hause Britney Spears. Hierzulande steht er vor allem für die Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen einen Erwachsenen an die Seite zu stellen. Dann, wenn Eltern ihre Aufgaben als gesetzliche Vertreter nicht erfüllen können weil sie schwer erkrankt oder verstorben sind. Auch unbegleitete Jugendliche, die beispielsweise aus Kriegsgebieten wie Syrien geflüchtet sind, haben Anspruch auf einen Vormund.  

Zeugnisse, Behördenpost: Alles läuft über den Vormund

Links Edgar Manthei, sitzt gegenüber von Muhammed und seinem großen Bruder an einem Holztisch auf dem Papiere ausgebreitet liegen. © NDR Foto: Astrid Wulf
Edgar Manthei spricht mit Muhammed, dessen großer Bruder (M.) bei den Gesprächen übersetzt.

Edgar Manthei, pensionierter Polizist aus Lübeck, hat die Vormundschaft für Muhammad übernommen. Vor etwa einem halben Jahr fand die Flucht des 16-jährigen Syrers hier ein Ende. Er war seinem älteren Bruder gefolgt, der schon seit einigen Jahren hier lebt und bei den Treffen zwischen ihm und seinem Vormund übersetzt. Auf dem großen Holztisch in der betreuten WG im ostholsteinischen Eutin liegen mehrere Papiere verteilt - Edgar Manthei erklärt, dass die Antwort auf den Asylantrag eingetroffen ist. "Wir warten noch auf den Termin, dann fahren wir gemeinsam dahin." Der Vormund hat auch Muhammads Halbjahreszeugnis dabei. "Du beteiligst dich gut am Unterricht, alles ist super". Muhammads Bruder übersetzt - Muhammad nickt lächelnd.

Kriegserlebnisse und Flucht: Viele Jugendliche sind traumatisiert

Der 66-Jährige ist als Muhammads gesetzlicher Vertreter vom Amtsgericht berufen. Er soll sich beispielsweise um das Asylverfahren und Schulangelegenheiten kümmern, oder darum, ein Bankkonto einzurichten und er hilft dabei, Arzttermine zu machen. Seit vier Jahren betreut er junge Geflüchtete, die durch Kriege oder Hunger in Not geraten und nach ihrer Flucht in Schleswig-Holstein gelandet sind. Viele von ihnen sind traumatisiert, allerdings würden nur wenige darüber sprechen, sagt Edgar Manthei. Er erinnert sich an einen Jugendlichen aus dem Senegal. "Der muss über das Mittelmeer geflüchtet sein. Wir wollten ihm etwas Gutes tun und sind nach Niendorf zum Brodtener Ufer gefahren. An der der Steilküste schaute aufs Meer und fing dann plötzlich an zu weinen."

Engagierte werden dringend gesucht

Als Vormund ist Edgar Manthei kein Vaterersatz. Muhammads erwachsene Bezugsperson ist zunächst der Betreuer in seiner Wohngruppe, sagt Manthei. Er selbst kümmere sich vor allem ums Organisatorische, spricht und korrespondiert mit Ämtern und Behörden. Manthei kennt sich mit dem Asylrecht aus und kümmert sich bei Bedarf auch um die Mitgliedschaft im nächstgelegenen Fitnesscenter - oder eben auch um einen Therapieplatz. Gefestigt, verantwortungsvoll, gut organisiert - wer ehrenamtlich Vormundschaften für junge Geflüchtete übernehmen möchte, muss einige Qualitäten mitbringen.

"Es ist kein Ehrenamt, dass man so ohne weiteres nach einem Jahr wieder aufgeben kann - man muss schon dranbleiben", sagt Sandra Birkoben vom Vormundschaftsverein "Nicht allein", einer von zwei Vormundschaftsvereinen in Schleswig-Holstein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden die Ehrenamtler aus und helfen bei Fragen und Schwierigkeiten weiter. Aktuell werden dringend Menschen gesucht, die das Ehrenamt übernehmen wollen, sagt Projektleiterin Sandra Birkoben. Momentan sind alle 18 ehrenamtlichen Vormunde und Vormundinnen, die der Verein betreut, ausgelastet.

Ehrenamtliche Vormunde helfen, sich hier zuhause zu fühlen

In Schleswig-Holstein leben zurzeit nach Angaben des Sozialministeriums 544 unbegleitete Geflüchtete, die zum Zeitpunkt ihrer Ankunft minderjährig waren und teilweise auch seit ihrem 18. Geburtstag weiterhin durch Hilfsangebote des Landes unterstützt werden. Jedem und jeder Betroffenen wird nach Möglichkeit ein ehrenamtlicher Vormund zugeteilt. Stehen keine Ehrenamtler zur Verfügung, übernimmt ein Amtsvormund beim Jugendamt. Die professionellen Vormunde betreuen bis zu 50 sogenannte "Mündel" zur gleichen Zeit - die Ehrenamtlichen höchstens zwei.

Sie könnten eine viel persönlichere Beziehung zu den jungen Leuten aufbauen als die Fachleute vom Jugendamt, sagt Sandra Birkoben vom Vormundschaftsverein "Nicht allein". Die Ehrenamtler und Ehrenamtlerinnen laden die Jugendlichen auch mal nach Hause ein, verbringen Feiertage gemeinsam. Eine große Chance für die jungen Geflüchteten: "Sie haben es leichter, sich beheimatet zu fühlen, emotionale Bindungen auch bei hier Aufgewachsenen zu knüpfen und Deutsch zu lernen."

Auf Vormundschaft folgt Mentorenschaft

Edgar Manthei sitzt in seinem Garten in Lübeck. © NDR
Wird vom Vormund schon mal zum Mentor: Edgar Manthei.

Edgar Manthei besucht Khalid in einem traditionsreichen Lübecker Restaurant, wo der 20-Jährige seine Ausbildung macht. Seitdem er volljährig ist, ist Edgar Manthei nicht mehr sein Vormund, sondern sein Mentor - ein väterlicher Freund. Khalid erinnert sich daran, wie er allein aus Marokko nach Deutschland kam. "Edgar hat mich wirklich unterstützt. Damals konnte ich kein Deutsch, aber wir haben es mit Mimik und Gestik hinbekommen." Edgar Manthei erzählt, dass er Khalid nach einer Rangelei schon einmal zur Polizei begleiten musste - auch das gehört zu seinen Aufgaben als ehrenamtlicher Vormund. Schnell stellte sich heraus, dass Khalid unschuldig war. "Sein Fehler: Als die Polizei kam, ist er weggelaufen", erinnert sich Edgar Manthei. "In Marokko hatte er immer Angst vor der Polizei."

"Ich muss etwas bewegen"

Die meisten der insgesamt sieben Jugendlichen, die Edgar Manthei begleitet hat, wollten etwas aus sich machen, sagt er. Ihnen dabei zu helfen, erfüllt ihn. Dass sein Ehrenamt so verantwortungsvoll und anspruchsvoll ist, macht ihm nichts aus - im Gegenteil. "Ich kann nicht irgendwo im Museum an der Kasse sitzen. Ich muss etwas bewegen." Zu sehen, dass es den jungen Leuten gut geht, sei der beste Lohn für sein Engagement.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.07.2022 | 19:30 Uhr

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