Sendedatum: 13.12.2016 21:15 Uhr  | Archiv

Frau angezündet: Die Hintergründe der Tat

von Mareike Burgschat & Dörte Petsch

Delali A. erleidet einen grausamen Tod: Am 7. Dezember übergießt sie ihr Ehemann mit Benzin und zündet sie auf offener Straße in Kronshagen an, so die Staatsanwaltschaft in Kiel. Später erliegt die 38-Jährige in einer Spezialklinik in Lübeck ihren Brandverletzungen. Ihr Mann kann noch am Tatort festgenommen werden, ist geständig und sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

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Mutmaßungen und Spekulationen

In den sozialen Netzwerken wird direkt nach Bekanntwerden der Tat fleißig diskutiert. Man könnte auch sagen: Spekuliert. Täter und Opfer kommen aus Togo. In den Kommentaren ist von "Ehrenmord" die Rede. Von "Integration, die versagt habe", "Islam-naher Kulturraum" und Deutschland als "Gehege für ...Experimentalpolitik".

Die Geschichte hinter dem Drama kennt niemand. Außer der Familie, Freunden und Arbeitskollegen, die Delali und Koffi kennen und begleitet haben. Und dennoch wird gemutmaßt und unterstellt.

Kämpferin für die Rechte von Frauen

Delali und Koffi stammen aus dem westafrikanischen Togo, sind lange in Deutschland und Christen. Die 38-jährige Dela, wie sie von ihren Freunden genannt wird, wird von ihrem Umfeld als selbstbewusst, engagiert und aufgeschlossen beschrieben. Liberal erzogen, modern denkend. Ihren Mann Koffi lernt sie vor sieben Jahren in Deutschland kennen, sie heiraten, ihre gemeinsamen Söhne lieben beide über alles.

Dela kämpft in Kiel für die Rechte von Frauen und Mädchen in Afrika. Und sie setzt sich für die Integration afrikanischer Frauen in Deutschland ein. In Togo hatte sie Jura studiert und in Kiel vor 13 Jahren noch ein Pädagogikstudium angehängt. Sie trifft in Kiel Frauen, die für die gleichen Ziele kämpfen wie sie. Gemeinsam rufen sie das Projekt "Sisters"  ins Leben. "Sie war eine wundervolle, sprühende Frau die hier in Deutschland super angekommen ist mit ihrer Familie und gleichzeitig sich immer auf ihre Herkunft besonnen hat", beschreibt Andrea Bastian, eine langjährige Freundin und Arbeitskollegin, Dela.

Angstzustände und Verfolgungswahn

Ihr Mann arbeitet als Schlosser. Er selbst ist schon seit 20 Jahren in Deutschland. Vor einigen Jahren verändert er sich, berichtet sein Umfeld. Er zieht sich mehr und mehr zurück, hat Ängste, surft viel im Internet, spricht von Menschen, die ihn verfolgen. "Ich hab ihn sehr friedlich erlebt. Am Anfang wusste ich nicht, dass er psychisch krank ist. Dela hat mir das irgendwann gesagt", berichtet Fadime Zala, eine Freundin aus dem Sisters-Projekt.

Als Schlosser kann er nicht mehr arbeiten. Dela übernimmt seine Rolle und ernährt die Familie. Doch irgendwann geht es nicht mehr. Im August kommt es zu lautstarken Auseinandersetzungen in der Wohnung. Die junge Frau muss in die Nachbarwohnung fliehen, und die Polizei rufen. Die nimmt Koffi mit und lässt ihn in die Psychiatrie einweisen. Die Familie macht sich Sorgen. "Warum lässt du ihn in deiner Wohnung leben?", fragt die Tante. Offenbar hatte Dela manchmal Sorge auf die Toilette zu gehen. Aus Angst, er könnte ihr etwas antun. Als Christin wollte sie aber zu ihrem Mann stehen. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie scheint ihr Mann auch verändert, nimmt regelmäßig Medikamente und geht mit ihr und den Kindern in den Gottesdienst.

Wie geht es weiter?

Erst später entdecken Freunde auf dem Facebook-Account verstörende Einträge. Er solle getötet werden, habe Gift im Körper. Heute deuten sie sie als aufkeimende Wahnvorstellungen.

Und dann, am Morgen des 7. Dezembers, kommt es während einer gemeinsamen Autofahrt zu der entsetzlichen Tat. Offenbar überschüttet Koffi seine Frau mit Benzin und zündet sie an.

Die Kinder leben jetzt erst einmal bei einer Pflegefamilie. Freunde und Verwandte sind mit dem Jugendamt im Gespräch, bei wem die Kinder zukünftig leben sollen. Die Beerdigung wird noch diese Woche sein. Noch sammeln sie Geld dafür.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.12.2016 | 21:15 Uhr

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