Stand: 20.04.2019 20:39 Uhr

Tapete trifft Bauhaus: Wandschmuck aus Bramsche

von Ruth Hunfeld

Der Aufstieg von Maria Rasch

Die Idee, gemeinsam mit dem Bauhaus eine Tapetenkollektion zu entwerfen, hatte ein weiteres Mitglied der Familie Rasch gehabt: Maria, geboren 1897, als Frau ohne Chance auf einen führenden Posten im väterlichen Unternehmen, aber dennoch interessiert am wirtschaftlichen Erfolg der Fabrik, der letztlich auch ihre Existenz sicherte. Maria Rasch galt als künstlerisch begabt und wurde zunächst auf eine Kunstgewerbeschule in Breslau geschickt, von wo sie 1919 an das neugegründete fortschrittlichere Bauhaus wechselte. Dort war sie am Puls der Zeit und ahnte vermutlich die enormen Möglichkeiten, die der zunehmende Siedlungsbau mit sich brachte: Wer es als Unternehmer schaffte, praktische und moderne Produkte für die Massen anzubieten, hatte gute Karten.

Cover-Collage von zwei Büchern zum Thema "Bauhaus und Frauen" © Elisabeth Sandmann Verlag bei Hirmer / Knesebeck Verlag

"Frauen am Bauhaus" und "Bauhausfrauen"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Die Bildbände "Frauen am Bauhaus" und "Bauhausfrauen" liefern Porträts ausgewählter Schülerinnen und Meister-Frauen und erzählen vielfältige, aufregende Geschichten.

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Tapeten als Baustoff?

Zusammen mit Hinnerk Scheper, Leiter der Wandmalerei in Dessau, vermittelte Maria Rasch den Kontakt zwischen ihrem Bruder Emil und dem damaligen Direktor des Bauhaus, Hannes Meyer. Doch der war zunächst skeptisch. Burckhard Kieselbach, ehemaliger Grafiker bei Rasch und heute für das Firmenarchiv zuständig, hat viel geforscht zur Geschichte der Kooperation zwischen den Bramschern und den Bauhäuslern: "Wie viele Architekten der Moderne stand auch das Bauhaus rein dekorativen Elementen in der Tapete feindlich gegenüber. Tapeten aber als Baustoff zu betrachten, überzeugte Meyer, zumal das Bauhaus eine Zusammenarbeit mit der Industrie anstrebte, um die wirtschaftliche Basis für das Bauhaus zu erweitern. Seine Bedingung war: Sie sollten vornehmlich für die 'Volkswohnung' bestimmt sein."

Langsam kommt das Geschäft in Gang

Bevor aber die Bauhaus-Tapete ein gigantischer kommerzieller Erfolg wurde, galt es noch eine Hürde zu überwinden: Der Handel war nicht überzeugt. "Nichts drauf und nichts dran!", so erinnerte sich Emil Rasch später an die Reaktionen von Vertretern und Fachhändlern. Zu schlicht schienen die Designs aus Dessau. Nachdem Rasch eine beispiellose Reklamekampagne gestartet hatte, kam das Geschäft endlich in Gang. Die Mühe hatte sich gelohnt. Der Vertrag vom 1. März 1929 regelte die Details der Kooperation. 150 Reichsmark zahlte Rasch dem Bauhaus pro Entwurf, zuzüglich einer achtprozentigen Umsatzbeteiligung. Auch die Spesen der Meister oder Studenten, die zur Überwachung der Produktion nach Bramsche reisten, waren festgeschrieben.

Tapeten-Tradition: Bauhaus für die Wand

Ein überlegter Schritt zur Nazi-Zeit

Nach nur vier Jahren schien das Ende der Erfolgsgeschichte mit sechs Millionen verkauften Rollen besiegelt zu sein - denn die Machtergreifung durch die Nazis bedeutet das Ende des Bauhauses. Doch der Bramscher Tapetenfabrikant Emil Rasch unternahm einen vermutlich kühl überlegten Schritt, der für ein kulturhistorisches Kuriosum sorgen sollte, nämlich für den Umstand, dass das Bauhaus die Nazi-Zeit eben irgendwie doch überlebte: Rasch kaufte dem letzten Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe die Markenrechte an der Bauhaus-Tapete kurzerhand ab - für 6.000 Reichsmark. Dadurch erloschen gemäß Vertragstext "alle Beziehungen zwischen der (...) Tapetenfabrik und dem Bauhaus". Losgelöst von den Wirkungsstätten Weimar, Dessau und Berlin existierte ein Stück Bauhaus weiter und war auch nicht totzukriegen. Vermutlich sahen die nationalsozialistischen Kulturjäger auch keine Notwendigkeit, sich an einer ideologisch unverdächtigen Tapetenfabrik abzuarbeiten.

"Große Verantwortung, großes Erbe"

Rasch wiederum hätte fortan unter dem Namen Bauhaus alles herausbringen können - auch pinke Flamingos oder silberne Ornamente. Tatsächlich aber haben sich die Bramscher Designer der Dessauer Tradition immer verpflichtet gefühlt. Zumindest, was die Bauhaus-Kollektion angeht. Die ist bei Rasch zwar eine von vielen, aber sie ist nicht nur im Bauhaus-Jubiläumsjahr die wohl imageträchtigste.

Frederik Rasch streicht fast ehrfürchtig über eine blassblaue Mustertafel mit einer Fischgrät-Struktur: "Ein Original-Walter-Gropius-Entwurf", sagt er stolz und spricht von der "großen Verantwortung" und dem "großen Erbe", mit dem er aufgewachsen sei. Dass der Name Bauhaus in erster Linie ein Wirtschaftsfaktor sei, sagt der Unternehmer auch: "Wir verdienen Geld damit." Wenn er könnte, wie er wollte, würde er sowieso auch noch ganz andere Tapeten produzieren, verrät der Mann im Tweed-Sakko. Und wenn er verlegen grinsend, erzählt, wie er sich jeden Morgen beim Aufwachen freut über den Anblick von Meisen im Eichengeäst, dann nimmt man ihm die Leidenschaft für sein Metier ab. Denn Frederik Raschs morgendlicher Blick richtet sich nicht aus dem Schlafzimmerfenster, sondern auf die Tapete an der Wand.

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Hallo Niedersachsen | 20.04.2019 | 19:30 Uhr

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