Stand: 11.08.2019 18:22 Uhr  - Hallo Niedersachsen

M'era Luna bizarr: Date mit einer Hexe

von Tino Nowitzki
Sieht nicht aus wie eine Hexe, ist aber eine: Die Hildesheimerin Amara Sonnenberg.

Das mit dem Zaubern klappt schon mal: Sprichwörtlich gebannt richten sich die Blicke der rund 500 Besucher des Hexen-Workshops auf die junge Frau auf der Bühne. Mit ihrer modernen, kinnlangen Frisur, der roten Stoffhose und vor einer Powerpoint-Präsentation stehend will man kaum glauben, dass es sich bei ihr um eine waschechte Hexe handelt. Und so offenbart sich Amara Sonnenberg gleich zu Anfang dem M'era-Luna-Publikum: "Ja, ich bin eine Hexe!" Und das ist anscheinend auch gut so. Naja, vielleicht nicht immer.

Keiner springt nackt ums Feuer

Denn als Hexe habe man es oft nicht leicht, sagt die 36-jährige Hildesheimerin. Kein Wunder: Der Ruf, der ihrer Zunft vorauseilt, ist auch alles andere als sonnig. Schließlich springen Hexen nackt ums Feuer, bringen rituelle Opfer dar und finden den Teufel ziemlich cool - richtig? Falscher geht es gar nicht, erklärt Amara Sonnenberg ihren immer noch verdutzten Zuhörern. Und tatsächlich: Je länger man der jungen Frau lauscht, desto eher hat man den Eindruck, Hexen sind ökologisch bewussten Mittelschichtlern, die ihr Kreuz bevorzugt bei den Grünen machen, gar nicht so unähnlich.

Hexen - irgendwie öko?

Voll bis fast auf den letzten Platz: Das Thema moderne Hexen übt ganz offenbar eine große Faszination auf die Besucher des M'era-Luna-Festivals aus.

Natur und Umwelt - das sei das Heiligste überhaupt für viele Hexen: "Wir glauben an eine belebte Natur", sagt Sonnenberg. Das bedeute: In jedem Tier, jeder Pflanze, in jedem Stein wohnt Energie - eine Seele sozusagen. Und damit ist selbst ein Halm Schnittlauch dem Menschen gar nicht so unähnlich. Besonders hohe Feiertage sind daher beispielsweise auch traditionelle heidnische Naturfeste wie die Winter- und Sommersonnenwende. "Die gehören zu unseren Hexen-Sabbaten", erklärt Sonnenberg. Hexen-Sabbat? Spätestens jetzt wird's langsam gruselig.

Magie auf dem Bahnhofs-Klo

Und tatsächlich komme es dabei regelmäßig zu Ritualen, sagt Sonnenberg, die sich selbst der Religion "Wicca" zugehörig fühlt, in der vor allem in Großbritannien und den USA viele moderne Hexen ein Zuhause haben. Nur, dass diese Rituale so gar nichts Dämonisches an sich haben: Stattdessen zündet sich die Hildesheimerin dabei gerne ein paar Räucherstäbchen an, verschüttet zur Sicherheit ein bisschen Salzwasser und meditiert. "Zu Hause, im Wald, auf dem Bahnhofs-Klo - ich kann das überall machen", sagt sie. "Ach ja, und Babys gefressen werden dabei auch nicht." Mit ihrer lockeren Art hat Sonnenberg das Publikum beim M'era Luna ziemlich schnell auf ihrer Seite.

"Wie hältst du's mit dem Teufel?"

Und das mit dem Teufel? "Völliger Humbug", findet sie. Denn der Teufel komme aus der christlichen Mythologie und damit hätten Hexen ja herzlich wenig am Hut. Gottlos sei ihre Zunft aber auch nicht: Nicht nur die Natur würde verehrt sondern neben einer schier unerschöpflichen Schar von Gottheiten - von dem einer nur rein zufällig Hörner auf dem Kopf trage - vor allem das selbstbestimmte Ich. Und spätestens da kommt waschechte Zauberei ins Spiel.

Hexerei: Ein bisschen wie Yoga

Denn das mit der Magie - das könne jeder, ist Sonnenberg überzeugt. Jeder Mensch habe seine eigene Wahrnehmung, seine eigene Realität: "Das ist sogar wissenschaftlich belegt", sagt die niedersächsische Hexe. Und um seine eigene Situation zu verändern und heimliche Wünsche zu erfüllen, müsse man sich nur richtig fokussieren und fließende Energien lenken. Auch das werde in den Ritualen regelmäßig gemacht, die damit ziemlich viel gemein haben mit einer Donnerstag-Abend-Yoga-Gruppe - plus Zauberstab.

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Die Anziehung der Freiheit

Selbstbestimmt sein, Verantwortung für sich selbst übernehmen, das Leben und die Liebe leben - das mache das Hexentum überall auf der Welt auch für Feministinnen oder auch transsexuelle Menschen attraktiv, erklärt Sonnenberg. Sprich: Für alle, die sich in den großen Weltreligionen mit ihren für häufig dogmatischen Geschlechterrollen und rigiden Lebens-Vorschriften nicht wohl fühlen.

Zum Glauben an Hexen bekehrt

Und auch die Zuhörer in Sonnenbergs Workshop sind ziemlich überzeugt: "Das Grundprinzip ist schon echt reizvoll", findet beispielsweise Festivalbesucherin Raphaela. "Vorher hätte ich nicht im Traum an Hexen geglaubt", sagt Felix, der die ganzen Stereotype aus dem Fernsehen jetzt mit anderen Augen sieht. Genau das wollte Hexe Amara Sonnenberg erreichen. Sie kann nach dem Workshop zufrieden die Heimreise antreten. Ob mit dem Besen oder irdischen Verkehrsmitteln ist nicht bekannt - auf einem Festival wie dem dem M'era Luna würde allerdings beides nicht überraschen.

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Hallo Niedersachsen | 11.08.2019 | 19:30 Uhr

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