Stand: 30.11.2016 17:00 Uhr

Fake-Websites: "Spiegel"-Klon wirbt bei Facebook

von Fiete Stegers und André Kroll

Sie kopieren das Aussehen seriöser Medien wie "Spiegel Online", stehlen Fotos normaler Nutzer und locken mit irreführenden Anzeigen: ein Ausflug in die bizarre Welt dubioser Internetseiten, die auch über bekannte Medienmarken verbreitet werden. Offenbar reicht die Kontrolle über die bei Google und Facebook geschalteten Anzeigen nicht aus.

 

Diverse Internetanzeigen.

Anzeigenbetrug mit gefälschten Medienseiten

ZAPP -

Auf Fake-Nachrichtenseiten, die teils die Logos etablierter Medienmarken nutzen, werden dubiose Produkte angepriesen. Kurios: Werbung für die Fakes läuft auch auf etablierten Medienseiten.

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Ein "Pokémon Go"-Spieler, der plötzlich Hunderttausende verdient. Ein syrischer Flüchtling, der eine Stange Geld gewinnt. Oder ein einfacher Arbeitnehmer, der durch Börsentricks zum Millionär wird. Geschichten von plötzlichem Glück und großem Geld tauchen bei Facebook-Nutzern im Nachrichtenfeed auf. Und nicht nur dort: Die Fake-News schaffen es per Anzeigenschaltung auch auf seriöse Medienseiten wie "Spiegel Online", "Zeit Online" oder die "Mopo". Wer steckt dahinter?

Websites nutzen Logos seriöser Medienmarken

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"27-jähriger macht 254.712,56€ und ist damit der reichste Pokémon Go Trainer Deutschlands" - nur auf den ersten Blick eine Nachricht von "Spiegel Online".

Wer auf eine solche Geschichte beziehungsweise Anzeige klickt, landet auf einer Seite, die auf den ersten Blick an ein seriöses Online-Medium erinnert. Im Fall des "Pokémon Go"-Spielers gaukelte die Seite vor, "Spiegel Online" zu sein. In einem anderen Fall wurde eine Seite von "Heute" gefälscht. Geübte Internetnutzer merken bei den betreffenden Seiten schnell an Inhalt und Form, dass hier etwas nicht stimmt. Es handelt sich um schlichte Web-Auftritte, die den Anschein von Seriosität erwecken wollen. Die Internet-Adressen sind nicht die echten des "Spiegel" oder des ZDF, sondern sollen nur daran erinnern. Doch ob allen Internetnutzern das auch sofort auffällt?

Werbung für Online-Casinos und risikoreiche Finanzgeschäfte

Die Betreiber der Websites sind nicht auszumachen, weil sie sich hinter Firmen verstecken, die diesen Service anonym anbieten. Schlau gemacht sind auch die sich automatisch aktualisierenden Datumsangaben, die dem Nutzer vorgaukeln, einen aktuellen Text zu lesen. Doch die Sensationsgeschichten, die sich auf den Seiten befinden, sind natürlich keine journalistischen Artikel, sondern preisen Online-Casinos und risikoreiche Finanzgeschäfte an. Die Geschichten sind erfunden und sprachlich teilweise fehlerhaft.

Fotos auf den Websites sind geklaut

Auch die verwendeten Bilder sind natürlich nicht echt. Um die Anzeige für den gefälschten "Spiegel Online"-Artikel bei Facebook zu schalten, wurde ein Facebook-Konto namens "Excess Entertainment Media" benutzt. Das Profilbild dieser angeblichen Firma zeigt eine junge Frau - in Wirklichkeit ist sie das Haarmodell einer Friseurin aus Los Angeles. "Ich habe niemanden erlaubt, das Foto zu benutzten. Wenn es gebraucht wird, um Leute zu betrügen, ist das schrecklich", schreibt die Friseurin ZAPP. Sie hatte ihr Foto lediglich einem US-Online-Magazin zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich wurde es von dort geklaut.

"Fake News" in den USA

Nach dem Wahlsieg von Donald Trump wird in den USA über die Bedeutung von "Fake News" diskutiert. Gemeint sind extrem parteiische oder schlichtweg erfundene Artikel, die optisch auf den ersten Blick den Eindruck erwecken sollen, aus einer seriösen Quelle zu stammen. Über Facebook und andere soziale Netzwerke finden sie teilweise enorme Verbreitung. Die Schaltung von Anzeigen für diese Inhalte spielt dabei aber nur eine untergeordnete Rolle.

"Wenn eine Seite gesperrt wurde, kommt schon die nächste"

Ein anderes Bild in dem Artikel zeigt einen Supermarkt-Angestellten aus den Niederlanden, der mal zu einem ganz anderen Thema ein Zeitungsinterview gegeben hatte. Dass sein Bild auch in dem gefälschten "Spiegel"-Artikel vorkommt, wusste er bis zur Anfrage von ZAPP nicht. Aber er hat schon leidige Erfahrung als unfreiwilliger Testimonial für Online-Casinos auf anderen Seiten: "Ich versuche seit einem Jahr, mithilfe der Polizei und von Anwälten dagegen vorzugehen. Wenn eine Seite gesperrt wurde, kommt schon die nächste", sagt er. Immerhin wurde nicht sein echter Name verwendet.

Erfundene Kommentare sollen Glaubwürdigkeit vermitteln

Auch andere Gesichter tauchen immer wieder auf: Wie echte Online-Artikel haben die Fake-Artikel eine Kommentarspalte - inklusive kritischer Anmerkungen zum Artikel, die dann aber von folgenden Kommentatoren trickreich wieder beschwichtigt werden. Sämtliche Nutzer-Kommentare sind erfunden. Wer sich die Profilbilder einprägt, kann ihnen auf anderen Fake-Seiten unter anderem Namen begegnen. "Thomas Schüller" heißt dann "Jan von Himmelen", "Ellen Muller" wird "Helga Fried" und "Sandra Weidemann" hat das gleiche Profilbild wie "Sophie Wagner". Ob diese Bilder ebenfalls gestohlen wurden oder legitim verwendet werden, konnten wir nicht klären. Aber bei der Suche nach ihnen an anderen Orten im Netz wird klar, dass die Erstellung solcher Fake-Seiten System hat.

Internationale Betrugsmasche

Deutsch, englisch, italienisch, niederländisch - die verdächtigen Kommentatoren-Bilder und ähnliche Texte sind auf Dutzenden anderer Internet-Seiten zu finden, ähnlich gebaut und mehr oder weniger gelungen in verschiedene Sprachen übersetzt.

Fleißige Kommentatoren: Das Bild dieses Pärchens taucht als vermeintliches Nutzer-Profilfoto auf etlichen Seiten auf, wie die Google-Bildersuche zeigt.

Wer die Server dieser Seite untersucht, stellt fest, dass dort weitere angebliche Medien-Seiten gehostet werden, mit Fantasie-Namen und mit meist in den letzten Monaten anonym registrierten Domains. Andere sind schon wieder aus dem Netz verschwunden. Ob hinter all denen die gleiche Fake-Medien-Fabrik steckt oder es sich um eine ganze Industrie handelt, können wir nicht klären. Daher wenden wir uns der Frage zu, wie diese offensichtlichen Betrugsseiten es schaffen, Werbeanzeigen schalten zu können - schließlich wird doch jede Werbung überprüft, oder nicht? Dazu haben wir unter anderem bei Facebook, Google und "Zeit Online" nachgefragt. Die Antworten gibt's auf der folgenden Seite.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.11.2016 | 23:20 Uhr

Link

"Programmatic Advertising" - das Hintertürchen für die Fakes

Testbericht.de hat 100 deutsche Nachrichtenportale auf eingeschleuste FakeNews im Anzeigenbereich untersucht. Auf 72 wurden solche Lügengeschichten gefunden. extern

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