VIDEO: Ignorierte Jugendamt Hinweise auf Missbrauch? (31.05.2016) (8 Min)

Nach "Power for Kids": Mehr Kinderschutz in Schwerin

Stand: 07.10.2020 13:07 Uhr

Schwerin hat aus dem Missbrauchsfall "Power for Kids" Lehren gezogen und Vieles in der Kinder- und Jugendarbeit überarbeitet. Mit einem Childhood-Haus will die Stadt eine Vorreiterrolle einnehmen.

Vor rund fünf Jahren hat ein Missbrauchsskandal Schwerin erschüttert. Ein Mitbegründer des Jugendtreffs Power for Kids hat sich über Jahre an mehr als 20 Kindern vergangen. Damals hätte der Täter früher gestoppt werden können, wäre das Jugendamt Hinweisen konsequenter nachgegangen - und damals hat der Schweriner Sozialdezernent Andreas Ruhl versprochen, dass sich die Stadt in Sachen Kinderschutz neu aufstellt. Inzwischen gibt es eine Mitarbeiterin im Fachbereich, die sich nur um das Thema Kinderschutz kümmert: Nadine Schirrmacher hat vorher beim Kinderschutzbund gearbeitet und kennt sich mit dem Fall "Power for Kids" genau aus. Denn sie hat die Opfer bei den Prozessen begleitet.

Meldungen werden umfassender und schneller bearbeitet

Jetzt arbeitet Nadine Schirrmacher als Fachkraft Kinderschutz für die Stadt Schwerin und achtet unter anderem darauf, dass im Jugendamt Meldungen zur Kindeswohlgefährdung schneller und umfassender bearbeitet werden als früher: "Wenn ein Verdacht der Kindeswohlgefährdung beim Bereitschaftsdienst des Jugendamtes eingeht, dann sind wir verpflichtet, jede Mitteilung - auch wenn sie noch so unwichtig erscheint, zu prüfen, ob es eine Kindeswohlgefährdung ist oder nicht." Das mache nicht eine einzelne Mitarbeiterin, sondern ein Team aus Fachleuten, erklärt Schirrmacher: "Im Idealfall wird dann auch der Träger, die Kita, die Schule mit einbezogen."

Zusätzliche Mitarbeiter für Kontrollen

Im Gegensatz zu früher ist jetzt auch das Jugendamt rund um die Uhr erreichbar. Außerdem werden die Jugendtreffs und deren Mitarbeiter nun besser kontrolliert. Laut Sozialdezernent Ruhl wurden dafür zusätzliche Kräfte eingestellt. Wer mit Kindern arbeiten möchte, auch ehrenamtlich, braucht zum Beispiel ein polizeiliches Führungszeugnis.

Verpflichtende Schutzkonzepte für alle Jugendtreffs

Jeder Jugendtreff muss nun ein Schutzkonzept vorweisen. Viele Sozialträger haben auch vorher schon mit solchen Konzepten gearbeitet, Vereine wie "Power for Kids", die nicht auf Geld von der Stadt angewiesen waren, mussten sich darum aber nicht kümmern. Das ist jetzt anders. Die Schutzkonzepte werden speziell auf den jeweiligen Jugendtreff zugeschnitten. Darin steht dann zum Beispiel, bei wem sich Kinder melden können, wenn sie etwas beobachtet haben. Wie die Mitarbeiter vor Ort in gewissen Situationen zu reagieren haben. Es geht auch darum, wie die Räume gestaltet werden: So darf es keine abschließbaren Büros oder nichteinsehbare Ecken auf Außenanlagen geben.

Sozialdezernent: "Lehren aus 'Power for Kids' gezogen"

Trotz der vielen Maßnahmen, lässt sich Kindesmissbrauch nie vollständig verhindern, räumt der Sozialdezernent ein: Man könne aber die Rahmenbedingungen verändern, um die Gefahr zu minimieren. "Ich glaube was zumindest das Regelwerk angeht, haben wir auch entsprechende Lehren draus gezogen", so Ruhl. Auch die neuen Strukturen und Prozesse müssten immer wieder bewertet und angepasst werden. "Ich glaube, dass wir in Schwerin gemerkt haben, es war Handlungsbedarf und dem haben wir uns gestellt."

Schwerin mit Childhood-Haus in Vorreiterrolle

Derzeit plant die Stadt den Aufbau eines "Childhood-Hauses", eine Art Kinderschutzhaus. Dort sollen unter anderem Opfer in einer kindgerechten Umgebung ihre Aussage machen können. Bei den "Power for Kids"-Prozessen mussten die Kinder noch vor Gericht aussagen, berichtet die Kinderschützerin Schirrmacher: "Von der Anzeige bis zur Aussage vor Gericht, Glaubhaftigkeitsgutachten, wo sie dann nochmal in allen Einzelheiten ausführlich darüber sprechen müssen." Das sei sehr, sehr belastend - und die Verfahren könnten sehr lange dauern. Wenn der Aufbau des Childhood-Hauses gelingt, wäre Schwerin laut Ruhl eine der ersten Städte in Norddeutschland, die eine derartige Einrichtung hat.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 07.10.2020 | 19:30 Uhr

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