Stand: 08.07.2020 19:54 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Landesrabbiner William Wolff mit 93 Jahren gestorben

von Axel Seitz, NDR 1 Radio MV

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Am Mittwochmorgen starb Rabbi Wolff in seiner britischen Heimat. Er wurde 93 Jahre alt.

"Ich bin einfach nur ein Rabbiner, der mit Trauen und Trauer zu tun hat." Dieser einfache und doch prägnante Satz stammt von William Wolff. Mit wenigen Worten hatte er damit den Sinn seines Lebens beschrieben. Ein Leben, das geprägt war von den großen gesellschaftlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mit seinen Auswirkungen bis in die Gegenwart.

"Abraham war Optimist" - so heißt ein Buch über die Jüdische Gemeinde in Schwerin und William Wolff. Er selbst sah sich als Optimisten: "Ich nehme an, der Optimismus ist angeboren, er gehört einfach zu mir. Woher er kommt, ich habe keine Ahnung, aber ich bin sehr froh und sehr dankbar, dass er da ist." Zeit seines Lebens hat dieser Optimismus William Wolff begleitet und er hat ihn auf andere übertragen. Es gibt kaum einen Menschen, der nicht angetan war von William Wolff - von seiner unnachahmlichen Art, Menschen für sich zu begeistern, von seiner Lebensfreude, von seinem Humor.

Vor den Nazis geflohen, als Rabbiner zurückgekehrt

"Man fühlt sich beim ihm gut aufgehoben, er hat keine falsche Seiten und ich muss bekennen, ich bin auch gefangen von seinem Lächeln. Das hat eine besondere Qualität - Humor und Zufriedenheit. Ich mag ihn einfach, ich mag ihn wirklich." So hat einmal Rabbiner Henry Brandt seinen Freund William Wolff beschrieben. Beide Männer einte nicht nur die Freundschaft, sondern auch Ereignisse in ihrem Leben: Beide wurden 1927 in Deutschland geboren, die Familien flohen vor den Nationalsozialisten nach Großbritannien und beide Männer kamen als Rabbiner wieder zurück nach Deutschland.

1927 in Berlin geboren

William Wolff wurde als Wilhelm Wolff am 13. Februar 1927 in Berlin geboren. Bereits im Herbst 1933 emigrierte die Familie zunächst in die Niederlande, sechs Jahre später mit dem Kriegsbeginn flohen die Wolffs nach Großbritannien. Zeitig wusste William Wolff, was er später machen wollte: "Als ich 16 war, wurde ich von einer Lehrerin gefragt, was willst du werden - da habe ich gesagt, entweder Rabbiner oder Journalist." Und weil sich die Familie die kostspielige Ausbildung zum Rabbiner nicht leisten konnte, begann William Wolff 1944 als Journalist zu arbeiten.

Erst Journalist, dann Rabbiner

Rund 35 Jahre lang schrieb er für englische Tageszeitungen, vor allem für den "Daily Mirror". Ende der 1960er Jahre entstand rein zufällig über die deutsche Botschaft in London auch der Kontakt zur ARD-Fernsehsendung "Internationaler Frühschoppen", in der William Wolff bis 1974 mehrfach als Korrespondent zu Gast war. 1979 erfüllt sich William Wolff dann noch seinen zweiten Berufswunsch - er begann am Leo Baeck College eine Ausbildung zum Rabbiner, die er nach fünf Jahren mit der rabbinischen Ordination abschloss: "Als Journalist war ich schließlich nur Beobachter und ich hatte immer den Wunsch, auch etwas zu tun in der Gesellschaft."

Seit 2002 Landesrabbiner für Mecklenburg-Vorpommern

16 Jahre lang wirkte William Wolff als Rabbiner in verschiedenen jüdischen Gemeinden in Großbritannien, bevor er im April 2002 das Amt des Landesrabbiners in Mecklenburg-Vorpommern antrat. Bereits fünf Jahre zuvor hatte es einen ersten Kontakt zu den beiden jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock gegeben. Sie hatten William Wolff anlässlich der jährlichen Gedenkfeierlichkeiten zum 9. November eingeladen. Gerade während dieser Tage, an denen an die Judenverfolgung rund um die Pogromnacht 1938 in Deutschland erinnert wird, war es immer der Jude William Wolff, der auch ausgleichend wirken wollte.

Der langjährige Vorsitzende des Fördervereins für ein neues jüdisches Gemeindezentrum in Schwerin, Armin Jäger, hebt nicht zuletzt Wolffs versöhnende Eigenschaft hervor, ein Mann der darauf hinwies, "dass die Deutschen damals in der dunklen Zeit nicht alle nur Verbrecher waren, dass es auch einige gab, die Juden beschützt haben".

Ein Leben zwischen London und MV

Seit 2002 war nunmehr Mecklenburg-Vorpommern - neben London - die zweite Heimat von William Wolff. Er engagierte sich bei der religiösen Betreuung der jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock, gab den jüdischen Emigranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in der Bundesrepublik Gesicht und Stimme. Er suchte den Dialog zu den Nichtjuden, war Gesprächspartner, Zuhörer und Ratgeber zugleich. Innerhalb kürzester Zeit machte sich William Wolff in Mecklenburg-Vorpommern einen anerkannten Namen. Sein Wort, seine Ansichten waren in Schulen ebenso gefragt wie in Kirchen, bei Vorträgen und in politischen Diskussionen: "Es scheint mir doch wichtig, besonders, wegen unserer Vergangenheit mit zwei Diktaturen, in beiden war Religion und besonders Judentum ja nicht gern gesehen, dass sich jetzt Religion wieder positiv in der Gesellschaft bemerkbar macht." Hier leistete William Wolff einen beachtlichen Beitrag.

Zahlreiche Auszeichnungen für sein Engagement

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Zahlreiche Ehrungen zeugen von seinem außergewöhnlichen gesellschaftlichen Engagement.

Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt William Wolff 2006 in Neubrandenburg den Siemerling-Sozialpreis, die Theologische Fakultät der Greifswalder Universität verlieh ihm im selben Jahr die Ehrendoktorwürde. 2007 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet und die Union Progressiver Juden ehrte den liberalen Rabbiner mit dem Israel-Jacobson-Preis.

"Ich bin ein Schweriner"

In Schwerin konnte William Wolff 2008 miterleben, wie auf historischen Grund wieder eine Synagoge gebaut wurde. Er nannte das Gotteshaus ein "architektonisch ein kleines Meisterwerk, das ein wunderbarer Zusatz zu dem schon enormen Bauschatz der Stadt Schwerin ist". Und diese Stadt machte ihn Anfang 2014 zu ihrem Ehrenbürger. Bei der Feier nahm sich der gebürtige Berliner das Recht heraus, den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und dessen Rede 1963 vor dem Schöneberger Rathaus in abgewandelter Form zu zitieren: "Ich bin ein Schweriner." 2017 verlieh ihm auch die Hansestadt Rostock die Ehrenbürgerschaft.

Die jüdischen Gemeinden waren seine Familie

Seit dem Frühjahr 2015 fungierte William Wolff zwar nicht mehr als hauptamtlicher, dafür als ehrenamtlicher Landesrabbiner von MV. Was zwar eine Entlastung für ihn bedeutete, doch noch lange keinen Ruhestand, denn den konnte sich William Wolff auch im hohen Alter nicht vorstellen. Die jüdischen Gemeinden seien eben seine Familie: "Ich habe leider keine Ehefrau, keine Kinder und Enkelkinder und irgendetwas muss ich in nützlicher Weise noch mit meiner Zeit anfangen." Dass er viel Freude an seiner Arbeit hatte, war William Wolff ebenso wie den Gemeindemitgliedern anzumerken, egal ob den ganz jungen oder den älteren. Der Rostocker Gemeindevorsitzende Juri Rosov sah in dem Rabbiner einen "weisen Mann, der ausgleichen könne zwischen liberalen und orthodoxen Strömungen innerhalb der Gemeinde, zwischen jungen und alten".

"Drang des Menschen zum Guten überwiegt"

Der Rabbiner bezog seine Beurteilungen der Gegenwart auch immer auf das religiöse Judentum. Dieses "spricht davon, dass es in den Menschen einen Drang zum Guten und einen Drang zum Bösen gibt. Und ich bin mir sicher, dass der Drang zum Guten im Menschen überwiegt." William Wolff betonte zudem immer wieder aufs Neue, wie viel Freude er am Umgang mit Menschen hat: "Ohne das kann ich mir mein Leben eigentlich nicht vorstellen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum ich nicht Schriftsteller geworden bin, weil es so einsam ist." William Wolff ist am 8. Juli 2020 im Alter von 93 Jahren in seiner britischen Heimat gestorben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.07.2020 | 11:00 Uhr

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