Stand: 31.05.2016 15:31 Uhr  | Archiv

"Power for Kids": Schaute ein weiteres Amt weg?

von Lena Gürtler und Philip Schroeder

Zur Wiedereröffnung gibt es einen Erste-Hilfe-Kasten von der Ortsbeiratsvorsitzenden, zwei Jungs rappen und einige Erwachsene kämpfen mit den Tränen. Die Stimmung schwankt bei der Wiedereröffnung von "Power for Kids" in Schwerin im April zwischen Beklemmung und Freude. Drei Monate waren die Türen des Kinder- und Jugendclubs geschlossen. Jetzt sind sie wieder offen. Einer fehlt: Peter B., Gründer und Chef des Vereins. Im Februar verurteilte ihn das Landgericht Schwerin zu sechseinhalb Jahren Haft. Jahrelang hatte er Kinder und Jugendliche sexuell belästigt, missbraucht und vergewaltigt.

Power for Kids

Ignorierte Jugendamt Hinweise auf Missbrauch?

Panorama 3 -

Schon früh soll auch das Jugendamt Ludwigslust Hinweise erhalten haben, dass Peter B. Kinder im Jugendclub "Power for Kids" missbraucht. Doch die wurden offenbar ignoriert.

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Schweriner Jugendamt handelte trotz Hinweisen nicht

Dass Peter B. den Verein für den Missbrauch von Kindern nutzte, wollte zunächst niemand wissen, selbst das Schweriner Jugendamt nicht. Die Behörde hatte schon im Januar 2015 Hinweise von zwei Jugendlichen erhalten, dass Peter B. sie sexuell belästigt habe. Doch niemand handelte. Peter B. vergewaltigte einen Jungen noch mehrere Male, bevor einen neue Anzeige ihn vor Gericht brachte. Ein Untersuchungsausschuss arbeitet seitdem das Behördenversagen des Jugendamtes auf. Ein Jugendamtsmitarbeiter musste seinen Posten wechseln. Panorama 3 liegen jetzt Hinweise vor, dass noch ein anderes Jugendamt von den Vorwürfen gegen Peter B. wusste.

Landrat streitet Vorwürfe ab

Schon im Sommer 2014 will sich Ina K. an das Jugendamt Ludwigslust-Parchim gewandt haben. Sie kennt "Power for Kids" fast von Anfang an, arbeitet jahrelang ehrenamtlich in dem Verein. Dann zieht sie ins rund 40 Kilometer entfernte Hagenow. Ihr Sohn geht aber weiter zu "Power for Kids" in Schwerin. Solange, bis er immer aggressiver wird und sich ihr offenbart. Peter B. soll auch ihn missbraucht haben. Sie sei unsicher gewesen, was sie tun solle, erzählt sie. Sie habe sich an das Jugendamt in Parchim gewandt. Im Herbst 2014 sei ein Mitarbeiter zum Hausbesuch gekommen. Als sie ihm vom Missbrauch an ihrem Sohn berichtet, reagiert der Jugendamtsmitarbeiter anderes als erwartet: "Er saß vor mir. Hat dann erzählt, dass er Herrn B. kennt. Er kennt auch den Verein und dann war wirklich Ruhe, da war Totenstille. Da kam nichts mehr." Nach ihren Angaben bietet der Jugendamtsmitarbeiter zwar Hilfen für den Sohn an, doch ihre Hinweise auf den Verein übergeht er einfach.

Hat also nicht nur das Schweriner Jugendamt gewusst, dass bei "Power for Kids" etwas falsch läuft, sondern auch das Jugendamt Ludwigslust-Parchim? Der zuständige Landrat Rolf Christiansen streitet das ab. Es habe Kontakt gegeben, aber der Verein habe keine Rolle gespielt, sagt er.

Verein "Power for Kids" galt als Vorbild

Aussage steht gegen Aussage. Ina K. hat gegen die Behörde Anzeige erstatten lassen. Lange Jahre galt der Verein als Vorbild. Ehrenamtliche Jugendarbeit im Plattenbauviertel und ohne Fördergeld, wie Peter B. gerne betonte. Das kam an. Auch Politiker ließen sich gern bei "Power for Kids" fotografieren.

Zur Wiedereröffnung im April ist auch der Sozialdezernent der Stadt Schwerin Andreas Ruhl gekommen - mit gemischten Gefühlen: "Auf der einen Seite haben in diesen Räumen schwerste Straftaten stattgefunden, auf der anderen Seite haben mich viele Kinder und Erwachsene gebeten, dass die Räumlichkeiten wiedereröffnet werden" sagt er. Rechtlich habe er das sowieso nicht verhindern können. Der Verein ist privat. Allein bei akuter Kindeswohlgefährdung könne er eingreifen, so Ruhl. 

Niemand will etwas bemerkt haben

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Florian Stolz, Mitglied im neuen Vorstand von "Power for Kids", sagt, dass keiner ahnte, was am Ende herauskam.

Doch die sei mit Peter B. verschwunden. Das zumindest meinen offenbar die, die den Verein unbedingt wiedereröffnen wollten. Warum sollten die Kinder büßen, "weil eine Person Scheiße gebaut hat", sagt Maria Leitzke. Sie ist die Tanztrainerin des Vereins. Neben ihr sitzt Florian Stolz. Er gehört zum neuen Vorstand, der auch die Vergangenheit aufarbeiten soll. Stolz kam schon als siebenjähriger Junge in den Verein, später arbeitete er auch als Tanztrainer und Aufsicht. So oft war er im Verein, wie Familie sei das gewesen, sagt Stolz. "Was nachher rauskam, das konnte ja keiner ahnen."

Nichts, aber auch gar nichts wollen Maria Leitzke und Florian Stolz bemerkt haben von den Belästigungen des Peter B. "Man hat es überhaupt nicht gesehen. Man hat es nicht gesehen", sagt Stolz und Maria Leitzke nickt.

"Kollegen müssen was gesehen haben"

Ina K. sieht das anders. Für sie bekam die Vertrautheit im Verein irgendwann Risse. Denn sie beobachtete das sogenannte "Schüchtern-Spiel" von Peter B. mit den Kindern und Jugendlichen: "Dann hat er ein Kind auf das Knie gefasst und gefragt, ob es schüchtern sei. Und ist dann, wenn es gesagt hat: 'Nee, ich bin nicht schüchtern', immer weiter hochgerutscht bis in den Intimbereich." Prüde habe man sie damals genannt als sie ihre Bedenken äußerte: "Es müssen andere Kollegen auch gesehen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das alleine war", sagt sie heute.

"Nicht aufgearbeitete Strukturen"

Inzwischen haben immer mehr Kinder und Jugendliche über neue Details der Missbrauchsserie des Peter B. berichtet. Im Herbst soll es eine neue Anklage gegen ihn geben. Unter den Betroffenen ist auch Ina K.s Sohn. Seine Anwältin findet, dass der Verein noch viel zu wenig im Fokus der Ermittlungen stand: "Derartige Straftaten, Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch, die passieren in einem Umfeld. Und dieses Umfeld ist hier ein Verein. Und da muss ich doch hinterfragen, was sind das für Strukturen"? Das alles sei ihrer Kenntnis nach noch nicht richtig ermittelt worden. Die Schweriner Staatsanwaltschaft hält dagegen: Es gäbe keine Anhaltspunkte dafür, dass andere von dem Missbrauch gewusst hätten.

Schwerins Kommunalpolitiker sind sich da nicht so sicher. Der Jugendhilfeausschuss hat dem Verein einen Brief geschrieben, der Panorama 3 vorliegt. Darin heißt es: "Aufgrund der nicht aufgearbeiteten Strukturen sehen wir sogar weiterhin eine mögliche Kindeswohlgefährdung."

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 31.05.2016 | 21:15 Uhr

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