Stand: 04.03.2019 09:25 Uhr

Flughafen Parchim: Keine Starts, keine Landungen

von Knut Benzner
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Der Passagierterminal am Parchim International Airport ist in die Jahre gekommen.

Am Passagier-Terminal des Parchim International Airports wehen keine Fahnen mehr. Die wurden abgehängt. Der Wind pfeift um eine Informationstafel, der Parkplatz ist bis auf drei Pkw leer, das graue Gras zwischen den Parkbuchten steht hoch. Wegen Umbauarbeiten, so ein Hinweis, sei der Terminal momentan geschlossen.

Eigentlich sollten jedes Jahr chinesische Touristen nach Parchim kommen, das wurde zumindest den Einwohnern der Stadt versprochen, als der chinesische Investor Jonathan Pang den Flughafen Schwerin-Parchim 2007 übernahm und hier ein Outlet-Center errichten wollte. Doch weit und breit sind keine chinesischen Urlauber zu sehen - und auch sonst keine Passagiere.

Dabei hat der Parchim International Airport eine 3.000 Meter lange Lande- und Startbahn sowie eine 24-Stunden-Start- und Landeerlaubnis - ein Novum bundesdeutscher Flughäfen. Doch Anfang 2019 arbeiten am Flughafen Parchim nur noch fünf Mitarbeiter des chinesischen Investors, die für den Flugbetrieb zuständig sind. 20 Mitarbeitern wurde im Dezember 2018 gekündigt.

Bewegte Geschichte

Eberhart Schultze hat zwei Bücher über den Flughafen Parchim geschrieben. Der 84-Jährige erzählt, dass hier im Zweiten Weltkrieg fünf Flugzeughallen standen. "In jede Halle gingen zwölf Maschinen rein." Doch die Hallen wurden durch Bombenangriffe zerstört oder halb zerstört. Dann war der Krieg vorbei und die Truppen der UdSSR kamen. Sie errichteten beim Flughafen Wohnblöcke und unter anderem eine Kaufhalle. Sie blieben bis zur Wende. Am 13. November 1992 wurden die russischen Streitkräfte vom Flugplatz verabschiedet, am 1. Dezember des gleichen Jahres begann die Privatnutzung.

Plan für Transrapidverbindung scheitert

Wie diese aussehen sollte, dafür gab es mehrere Ideen. Der ehemalige Landrat Rolf Christiansen erzählt, dass eine davon eine Transrapidverbindung von Hamburg nach Berlin mit Schwenk Parchim war, um Parchim zum Großflughafen zu machen. Der damalige Verkehrsminister Günther Krause und Forschungsminister Heinz Riesenhuber (beide CDU), haben das forciert. Ein Plan, der genial scheiterte.

Anschließend wollte die britische Wiggins-Group den Flughafen übernehmen. Der Kaufvertrag wurde allerdings wieder abgewickelt. Die Group blieb aber Teile des Kaufpreises schuldig.

Modernisierung des Flughafens

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Seit 1992 gibt es Versuche, den Flughafen Parchim zu beleben.

Dazwischen oder parallel riss die FPM Flughafen Parchim Mecklenburg GmbH die maroden Rollbahnen ab, die weder die erforderliche Breite noch Tragfähigkeit für moderne zivile Verkehrsflugzeuge hatten. Zugleich begann der Aufbau neuer Rollbahnen und die Installation der Anflug- und Abflugsbefeuerung. Auch ein provisorischer Tower wurde errichtet, eine neue Flugabfertigungshalle entstand. Der Flughafen wurde in dieser Zeit viel für Trainingsflüge genutzt. In Spitzenzeiten trainierten bis zu drei Fluggesellschaften pro Tag, manchmal zwei Gesellschaften gleichzeitig.

März 2005: Landkreis wird neuer Betreiber

Neckermann Reisen bot nach der Modernisierung Flüge nach Monastir und Palma de Mallorca an. Doch aufgrund schlechter Nachfrage blieb bald das einzige wöchentlich angeflogene Ziel Palma de Mallorca. Ab September 2000 wurde der Flughafen zudem im internationalen Luftfrachtverkehr genutzt. 2005 zählte der Flughafen 4.600 Passagiere. Die Kosten für Fördermittel des Landes beziehungsweise der Nord LB beliefen sich bis dahin auf mehr als 36 Millionen Euro. So wird es erzählt. Im März 2005 wurde der Landkreis neuer Betreiber des Flughafens.

2007 kommen die Chinesen

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Chronologie: Der Flughafen Parchim

Mit großen Versprechungen hat der chinesische Investor Jonathan Pang 2007 den Flughafen Parchim übernommen. Schon bald zeigten sich Finanzierungsprobleme, nun ist er insolvent. Ein Rückblick. mehr

Als sich im Juli 2007 der chinesische Investor Jonathan Pang meldete, wurden Erwartungen geweckt, erzählt Christiansen. "Dass das alles innerhalb von zwei, drei Jahren passieren könnte, da hab ich mir gedacht, das ist vollkommen unrealistisch." Der Flughafen ging für 30 Millionen Euro in den Besitz von Pangs in Peking beheimateter LinkGlobal Logistics Co. Ltd. über. Die Gesellschaft kündigte an, Frachttransporte zwischen Schwerin-Parchim und Zhengzhou in China durchzuführen. Der Kreis Parchim rechnete mit zusätzlich 1.000 Arbeitsplätzen. Indessen ließ LinkGlobal Zahlungstermine verstreichen und führte erforderliche bauliche Maßnahmen nicht aus. Das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns prüfte 2010 einen weitgehenden Forderungsverzicht.

Erst im Mai 2015 wurde der provisorische Tower durch einen 36 Meter hohen neuen Tower ersetzt. Passagiere waren nur wenige zu sehen. 2017 wurde der Flughafen wiederum von großen deutschen Fluggesellschaften für Schulungsflüge genutzt und verzeichnete 54 abgefertigte Passagiere - im ganzen Jahr.

Flughafen Parchim: Hoffnung made in China

Ideen: Ein Outlet-Center und die Seidenstraße

Es seien, sagt Christiansen, keine sprachlichen Barrieren gewesen. Er habe nicht verstanden, warum Hunderttausende von Menschen aus Asien in einen Flieger steigen sollten, um nach Parchim zu fliegen, um dort dann in einem Outlet-Center einzukaufen. "Aber wen zieht es in diese Region? Wenn man aus Millionenzentren in China kommt, da will man Hamburg, Berlin, München, Frankfurt, London, Paris, Parchim, ja, gut."

Die zweite Idee von Pang waren Frachtflüge entlang der alten Seidenstraße, mit Parchim als deren Endpunkt in Deutschland. Dafür gingen Pang und Pangs Vize Hoffmann Chang mit Kommunalpolitikern und Wirtschaftsvertretern auf Werbetour. Udo Mitzlaff, Lokalredakteur, erinnert sich: "Es sind ja viele Dinge. Wir haben gehört von Kakao aus Ghana, von Weinflügen, von Holz für Möbelverarbeitung nach Russland, es gab Flugangebote, Saudi-Arabien, Afrika, Urlaubsangebote, die nie stattgefunden haben."

Mitzlaff erinnert sich an die Charterflüge, die vorübergehend nach Mallorca gingen: "Das lief ja dann alles sehr familiär ab, da kamen Hamburger, stellten ihren Pkw ab, gingen zu Fuß aufs Flugfeld, dann sagte der Pilot: 'So, kommt, ihr seid die Letzten, wir fliegen los'", erzählt Mitzlaff. Drei Flüge habe es gegeben, dann gab es nicht genug Passagiere für den Direktanflug zurück nach Parchim, folglich wurden die Fluggäste in Hamburg abgesetzt und mussten den Rest mit dem Bus fahren.

Jonathan Pang: "Ein sympathischer Mann ohne Allüren"

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Jonathan Pang hatte große Pläne für den Flughafen.

Pang habe damals wochenlang in Parchim in einem Hotel gewohnt, einem normalen Hotel in der Innenstadt, erinnert sich Mitzlaff. "Man sah den mit seinen Begleitern jeden Morgen zu Fuß zum Büro im Landratsamt gehen, also gar keine Allüren, ein offener Mensch, der scheinbar auch nicht irgendwie taktisch rangeht. Ich muss auch unterstreichen, durchaus sympathisch." Jeden Monat erschien ein Zeitungsartikel, erinnert er sich, große Geschichten, kleine Geschichten, über scheinbar Wichtiges, über scheinbar Unwichtiges, über eine Luxus-Mall, die auf dem Flughafen-Areal entstehen sollte, daneben ein Luxus-Hotel, über eine Spielbank, überhaupt über Geld, viel Geld.

Der Tower steht noch immer da. Die Landebahn ist auch vorhanden. 60 Millionen Euro haben die LinkGlobal Group und chinesische Banken nach eigenen Angaben seit Juli 2007 in das Flughafenprojekt gesteckt. Drei Millionen Euro pro Jahr zahlen sie, damit der Parchim International Airport in Betrieb bleibt. Werner Knan war es schließlich, der Pang Grundstücke für mindestens 13 Millionen Euro abkaufte, um einen Industriepark zu bauen. Von diesem Industriepark am Rande des Flughafens ist bis heute nichts zu sehen, die Grundstücke sind inzwischen im Besitz einer australischen Anlagefirma.

Udo Mitzlaff erzählt, dass es unter "Parchim International Airport" etwas wie eine Internet-Verkaufsplattform gegeben habe. Auf der habe Pang unter dem Label "Parchim" Baby-Milchpulver zum Verkauf in China angeboten. "Und es gab damals zumindest einen Verkaufsraum in China unter dem Label 'Parchim'."

Die Zukunft?

Parchims Bürgermeister Dirk Flörke erklärt, dass der momentane Stand nicht erfreulich sei. "Wir hoffen sehr, dass der Flughafen in eine Entwicklung kommt, und wir hoffen, dass die jetzt eingeleiteten Maßnahmen nicht zum Verlust des Status für den Flughafen führen, sprich die 24-Stunden-Fluggenehmigung." Mit den "eingeleiteten Maßnahmen" meint Flörke die letzten Kündigungen. Der Status der 24-Stunden-Fluggenehmigung ist eben auch abhängig von der personellen Besetzung, die der Flughafen hat.

Es gebe zurzeit keinen Anlass, genehmigungsrechtliche Schritte einzuleiten, informiert das Infrastrukturministerium Mecklenburg-Vorpommerns. Dennoch gebe es eine "erhöhte Aufsichtsintensität". Und die Geschäftsführung beziehungsweise Betriebsleitung ist durch die oberste Luftfahrtbehörde angewiesen worden, über beabsichtigte Veränderungen im Flugbetrieb umgehend zu informieren.

Pang ist immer noch involviert. Der Flughafen habe Potenzial, Parchim insgesamt zu entwickeln. Der Stadt und den Kreis kostet der Flughafen nichts, nur Nerven.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Rolf Christiansen sei noch Landrat. Er war von 1994 bis 2011 Landrat des Landkreises Ludwigslust und nach dessen Reform bis Oktober 2018 der des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Mittlerweile ist er in Rente. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 03.03.2019 | 06:30 Uhr

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