Filmtheater in Ludwigslust, Christian Quis: "Wieder selbst etwas tun können"

Stand: 18.06.2021 08:23 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Thomas Naedler

Noch verhängt ein großes Plakat den Zugang zum Saal im Filmtheater Luna in Ludwigslust. Es kündigt den Film an "Vor mir der Süden". Ein Auto fährt dem Horizont entgegen und deshalb sieht das Plakat aus, wie eine Metapher für den Aufbruch. Vor der Tür des Luna: Gartenstühle, sorgsam aufgestapelt. Christian Quis nimmt einen nach dem anderen und in wenigen Minuten wird die kleine Terrasse unter dem Sonnensegel zu einem gastfreundlichen Ort. Die Tische nummeriert, QR-Codes laden die Gäste ein, mit der Luca-App einzuchecken. Seit dem 1. Juni ist das kleine Café vor dem Kino geöffnet, Flammkuchen und Espresso, Tee mit frischer Minze - das alles soll signalisieren: Wir kommen bald wieder.

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Bedingungen für den Neustart noch unklar

Noch allerdings machen Bettina Westermann und Christian Quis die Vorgaben der Landesregierung Sorgen. Kino nur mit Test, oder geimpft, mit Maske auch im Saal. Die Daten der Gäste penibel notieren - über die Luca-App, aber auch auf Zetteln, denn um zu wissen, wer im Kinosaal auf welchem Platz gesessen hat, ist das nötig. Digital funktioniert die platzgenaue Dokumentation nicht. Eine eigene Teststation könnten sie vor dem Eingang zwar einrichten, für die Wochenenden, wenn die Testzentren in der Stadt geschlossen sind, doch für all diese Vorsichtsmaßnahmen zusammen genommen bräuchten sie Personal - mit mehr Personal aber, so sagen die beiden, ist das kleine Kino nicht wirtschaftlich zu betreiben. 

"Wir können wieder selbst etwas tun"

Trotz der Sorgenfalten: die Stimmung ist nicht schlecht. "Bis zu einer Wirtschaftlichkeit wird wohl noch einige Zeit vergehen, doch wir können wieder selbst etwas dafür tun", sagt Christian Quis. Flammkuchen - Ofen an um 17 Uhr. Während der Pandemie haben die beiden die Zeit genutzt. Haben sich durch die Programme der Verleiher geschaut - vor der großen Leinwand, als einzige Gäste in den roten Sesseln im Saal. Neue Plakate liegen auch schon bereit, das Programm für den Neustart stellen sie gerade zusammen. Außerdem wollen sie eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Kinos installieren lassen - die Genehmigungen haben sie, nur das Material ist derzeit schwer zu bekommen.

Genervt von frühen Lockerungen

"Wenn wir im Dezember nur ein bisschen länger durchgehalten hätten", sagt Christian Quis, "wir hätten uns die dritte Welle sparen können." "Populismus" will er die Entscheidungen zur frühzeitigen Öffnung einiger Bereiche nicht nennen, aber die Lockerungen im Winter, die seien der falsche Schritt gewesen, sind beide überzeugt. Laut sich aufzuregen ist ihre Sache nicht, mit norddeutscher Zurückhaltung haben sie auch die Vorgaben für den Neustart hingenommen, wollen aber versuchen, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. "Wir haben so ein bisschen das Gefühl, dass wir nun wieder die letzten sind, obwohl wir uns die ganze Zeit an alles gehalten haben", sagt der Kinochef leise. 

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2020: weniger Zuschauer - viel Unterstützung

Im vergangenen Jahr hatte das Luna Glück. Das Gebäude gehört der Stadt Ludwigslust, es ist mehr als 100 Jahre alt und damit eines der ältesten bereits in seinem Ursprung als Kino gebauten Lichtspielhäuser im Land. Um die Folgen der Pandemie zu mildern, hat die Stadt die Miete gestundet, die staatlichen Finanzspritzen haben ebenfalls geholfen, das Traditionshaus über Wasser zu halten. Darüber hinaus ist das Luna mit dem Kinokulturpreis des Landes ausgezeichnet worden - noch einmal 10.000 Euro zum Überleben. Die Sitzreihen haben sie auch schon im vergangenen Jahr umgebaut - auf 1,5 Meter Abstand. Dabei sind fast keine Plätze weggefallen, aber die erste Reihe ist deutlich dichter an die Leinwand gerückt. Gut 100 Plätze hat das Luna insgesamt. 

"Wir warten auf Euch"

Hinter dem Tresen im Foyer, vorbei an der leeren Popcornmaschine, geht es in eine winzige Küche. Die Abluftanlage ist neu, der Ofen für den Flammkuchen auch. Bettina Westermann nimmt ein Klappschild aus der Ecke. "Ofen an um 17 Uhr". Sie trägt es über die Brücke, die vom Luna über einen kleinen Kanal zur Straße führt. Dort stellt sie es unter die Schaukästen, in denen sonst die Ankündigungsplakate hängen. Eines dieser Plakate ist anders - es zeigt viele kleine Fotos aus Kinosälen in Mecklenburg-Vorpommern: "Kinos in MV - Wir warten auf Euch" steht darüber. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.06.2021 | 19:30 Uhr

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