1 Jahr Corona und wir: Unternehmen! Die Lasten für die Wirtschaft

Stand: 01.03.2021 15:30 Uhr

Die Innenstädte sind so etwas wie ein sichtbarer Gradmesser der Corona-Krise. Gähnende Leere in Rostock, Schwerin, Greifswald und Neubrandenburg. Viele Einzelhändler und Unternehmer hätten schon längst aufgeben müssen, hingen sie nicht am finanziellen Tropf des Staates. Doch wie sehr hat Corona unsere Wirtschaft verändert - und wird sie noch verändern?

von Frank Breuner

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, als wir die Ladenbesitzerin Sandra Hardtke vor ihrem Modegeschäft in Schwerin treffen. Die Türen sind verschlossen, im Fenster hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift: "Kauft nach Corona vor Ort". Es herrscht der erste Lockdown, die Innenstadt ist verwaist, fast alle Läden in der Mecklenburgstraße geschlossen. Sandra Hardtke ist verzweifelt: "Die Kosten laufen weiter. Wir haben alle unser Tun, wir wissen nicht mehr ein noch aus." Dass die Corona-Krise ein Jahr anhalten würde, dass es einen weiteren monatelangen Lockdown geben würde, daran dachte damals noch niemand. Und auch im zweiten Lockdown leiden die kleinen Geschäfte und Betriebe - und genau die bilden das Rückgrat der Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern: Nur 0,3 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in Betrieben mit mehr als 250 Beschäftigten, aber fast 90 Prozent in Kleinst- oder Kleinbetrieben mit bis zu gerade mal neun Beschäftigten.

Expertin: Corona wirkt sich fatal auf Wirtschaft in MV aus

Für die Rostocker Professorin für angewandte Makroökonomie, Britta Gehrke, wirkt sich die Pandemie deshalb auch besonders fatal auf die Wirtschaft im Nordosten aus. Denn gerade der Tourismus, die Gastronomie und der Einzelhandel seien oft kleinere Unternehmen, die jetzt in existenzielle Probleme geraten. Auch für Henning Vöpel, den Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), ist entscheidend, welche Branchen besonders durch die Krise betroffen sind. Der Ökonom, der außerdem Vorsitzender des Zukunftsrats MV ist, einer Expertenkommission, glaubt nicht daran, dass es beim Überlebenskampf allein auf die Größe des Betriebs ankommt.

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Es werde sicherlich Bereiche geben, die nach dem Ende der Pandemie schnell wieder hochfahren könnten und sich dann vollständig erholen würden. "Demgegenüber gibt es aber andere Bereiche, die werden nachhaltig leiden. Wir reden über den Einzelhandel. Wir reden über Bereiche auch des Maschinenbaus, zum Beispiel von Investitionsgütern. Das sind Bereiche, die sich darauf einstellen müssen, nur unter sehr stark veränderten strukturellen Bedingungen überhaupt weitermachen zu können", so Henning Vöpel.

AIDA Cruises und MV-Werften: "Wird sehr, sehr schwer werden"

Die im Bau befindliche Expeditionsjacht "Crystal Endeavor" liegt am teilweise vereisten Ausrüstungskai der MV-Werften am Standort Stralsund. (Luftaufnahme mit einer Drohne) © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner
Experten sehen große Schwierigkeiten auf die Werften und Reedereien in MV zukommen.

Für ein strukturschwaches Land wie Mecklenburg-Vorpommern ist das eine besondere Herausforderung. Das Wirtschaftswachstum ging nach einigen Jahren im leichten Plus im vergangenen Jahr Corona-bedingt deutlich in den Keller, minus 5,2 Prozent - das ist etwa im Bundesdurchschnitt (minus 5,1 Prozent). Ein so starker Einbruch bringt auch die wirtschaftlichen Leuchttürme Mecklenburg-Vorpommerns ins Wanken.

Zu den wenigen Großbetrieben im Land gehören AIDA Cruises in Rostock und die MV-Werften mit ihren Standorten in Rostock, Wismar und Stralsund. Für die Rostocker Ökonomin Britta Gehrke stellt gerade die Branche, in dem diese beiden Riesen aktiv sind, ein Problem dar. Denn das sind Unternehmen, die vom internationalen Tourismusmarkt und der Kreuzfahrtindustrie abhängen. Der innerdeutsche Tourismus habe sich im vergangenen Jahr zwar sehr schnell erholt, aber so Britta Gehrke: "Ich denke, da werden wir noch sehr, sehr langfristige Auswirkungen sehen. Und das wird dann auch für diese Unternehmen sehr, sehr schwer werden."

Experte: Nach dem Ende der Staatshilfen folgen Firmenpleiten

In den Behörden wie dem Landesförderinstitut in Schwerin stapelten sich im vergangenen Jahr die Anträge auf staatliche Finanzhilfen. Schleppende Auszahlungen und immer neue bürokratische Hürden sorgen für schlechte Stimmung bei den Unternehmern und Selbständigen. Sowohl Henning Vögel vom HWWI als auch Britta Gehrke von der Uni Rostock kritisieren die schlechte Performance bei der Bereitstellung der Hilfen. Doch grundsätzlich sei das von der Bundesregierung aufgelegte Programm für die Wirtschaft "angemessen, ja einzigartig" gewesen. Doch wenn diese Zahlungen wegfallen, dürfte es erst richtig eng werden. Henning Vöpel erwartet Firmenpleiten, wenn die Hilfsprogramme von Bund und Land eingestellt werden: "Dann entscheidet sich in Wahrheit erst, wie groß der strukturelle Schaden sein wird." Jetzt schon müsse man sich als Unternehmen bereits fragen: Wie muss ich mich restrukturieren? Was muss ich an meinem Geschäftsmodell ändern, damit ich nach der Krise, wenn diese schützende Hand der Finanzhilfen wegfällt, wirklich wettbewerbsfähig bin? "Daran entscheidet sich dann, mit welcher Geschwindigkeit wir tatsächlich aus der Krise herausgehen", so Henning Vöpel.

Auch die Lage auf dem Jobmarkt in Mecklenburg-Vorpommern dürfte sich durch die Corona-Krise dramatisch ändern. Schon jetzt hat sich die Arbeitslosenquote deutlich erhöht - von 7,7 Prozent im Januar vergangenen Jahres auf 8,6 Prozent im Januar 2021. Und das trotz Kurzarbeit in nie gekannten Zahlen. Für viele Arbeitnehmer, die jetzt noch in Kurzarbeit sind, wird es keine Rückkehr in den alten Job geben, meint Britta Gehrke. Darauf müsse sich der Staat jetzt schon vorbereiten. "Arbeitslosigkeit ist nie schön. Aber wir haben halt dann das bessere Szenario der Arbeitslosigkeit. Wenn wir es schaffen, den Personen in Arbeitslosigkeit eine Perspektive zu eröffnen, sodass sie eben nur kurze Zeit arbeitslos sind und nicht langfristig. Und das ist es, was wir verhindern müssen." Die Wirtschaftspolitik könne da etwas leisten, so Britta Gehrke, indem sie zum Beispiel über Einstellungszuschüsse Unternehmen das Schaffen von neuen Jobs einfacher mache.

Experten: Die Krise als Herausforderung begreifen

Für beide Experten steht fest: Die Pandemie wird die bisherige Wirtschaftsstruktur radikal verändern. Darin könne aber auch eine Chance für Mecklenburg-Vorpommern im Wettbewerb der Bundesländer liegen, wenn die Krise als Herausforderung gesehen werde, glaubt Vöpel. Denn andere, bisher wirtschaftsstärkere Regionen würden sich zu lange an alten Strukturen und Geschäftsmodellen festklammern. Deshalb liege hier die besondere Chance für MV darin, jetzt konsequenter und schneller zu sein als andere Regionen in Deutschland. Trotz solcher optimistischen Ansichten ist die Sorge bei Experten und Unternehmern groß: Vielen Betrieben dürfte der Überlebenskampf erst noch bevorstehen - selbst nach einem möglichen Ende der Pandemie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.03.2021 | 19:30 Uhr

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