Türschild mit der Aufschrift "geschlossen" © fotolia.com Foto: Friedberg

Kommentar: Wie die Wirtschaft aus der Virus-Falle kommt

Stand: 28.02.2021 00:00 Uhr

Während Großbritannien die Schritte heraus aus dem Corona-Lockdown vor knapp einer Woche sehr genau bis zum Juni festgelegt hat, tut sich die Bundesregierung noch schwer mit solchen Vorhersagen - auch angesichts der unklaren Entwicklung der Infektionszahlen.

Türschild mit der Aufschrift "geschlossen" © fotolia.com Foto: Friedberg
Beitrag anhören 5 Min

Ein Kommentar von Heike Göbel, Ressortleiterin Wirtschaft der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ)

Die deutsche Corona-Debatte hat die Richtung gewechselt. Für die geschlossenen Unternehmen im Handel, Tourismus oder in der Gastronomie ist das ein Hoffnungsschimmer. Obwohl die Infektionszahlen leider wieder ansteigen, geben nicht länger bloß diejenigen den Ton an, die in der weiteren Schließung und in Kontaktverboten den einzig verantwortbaren Weg im Kampf gegen das Coronavirus und seine Mutanten sehen, bis die Bevölkerung genügend Impfschutz hat. Stattdessen hat endlich eine engagierte Suche nach pragmatischen Lösungen begonnen, um auch in Deutschland die sichere Öffnung der ganzen Wirtschaft nach und nach zu ermöglichen.

Großbritannien hat weitreichende Öffnungspläne

Heike Göbel, Redakteurin der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". © FAZ / Frank Röth Foto: Frank Röth
Heike Göbel meint, dass viele Unternehmen immer dringlicher eine belastbare mittelfristige Perspektive brauchen.

Wie das gehen könnte, machen andere Länder innerhalb und außerhalb der EU vor. Die Impf-Champions Israel und Großbritannien tun sich dabei leichter. Ihre Fortschritte im Impfschutz erlauben nun weitreichende Öffnungspläne. Die Briten zeichnen, konkret datiert, Schritt für Schritt die Rückkehr in die Normalität vor, pünktlich zum Sommerbeginn Mitte Juni soll sie erreicht sein.

Doch auch Länder, die wie Deutschland beim Impfen noch weit hinterherhinken, wagen mehr Lockerungen. Frankreich und Österreich behelfen sich dabei auch mit dem Schutz, den Schnelltests bieten können. Diese Tests sind in unterschiedlicher Qualität schon relativ breit verfügbar und teils auch für den Hausgebrauch tauglich. Frankreich hält die Ansteckungsherde in seinen Schulen mit regelmäßigen Tests in Schach, Österreich die Risiken eines Friseurbesuchs und des Geschäftsbummels.

Weitere Informationen
Eine Frau steht vor einem Laden, vor dem eine Tafel steht mit der Aufschrift: "Wegen Corona Lockdown geschlossen." © picture alliance Foto: SvenSimon

Corona-Lockdown: Aktuelle Regeln der "Bundes-Notbremse"

Bundespräsident Steinmeier hat das Infektionsschutzgesetz mit der "Bundes-Notbremse" unterzeichnet. Diese sieht einheitliche Corona-Regeln in ganz Deutschland vor - ab einer Inzidenz von 100. mehr

Hilfen reichen hinten und vorne nicht

Massenhafte Schnelltests können und müssen endlich auch in Deutschland Brücken bauen, um neben einem sicheren Präsenzunterricht in Schulen auch die Öffnung der geschlossenen Branchen einzuleiten. Deren Hilferufe werden mit gutem Grund immer lauter. Sie entspringen nicht nur dem Ärger über die verschleppten und stotternden Überbrückungszahlungen. Gespeist werden sie auch von der Sorge über ein wachsendes Problem: Die staatlichen Corona-Gelder ersetzen ja in den allermeisten Fällen bloß einen Teil der Fixkosten. Daneben haben kleine Selbständige zwar erleichterten Zugang zu Hartz IV, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Insgesamt reichen die Hilfen aber oft hinten und vorne nicht, um die gesamten nötigen Ausgaben zu decken.

Die von der Bundesregierung genährte Ansicht, man könne Unternehmen noch lange im Lockdown halten, sofern nur die versprochenen Hilfen flössen, ist daher falsch. Tatsächlich sind in vielen Unternehmen die Reserven schon angetastet oder gar aufgezehrt, ihre Schulden wachsen. Sie brauchen immer dringlicher eine belastbare mittelfristige Perspektive, um Risiken und Chancen noch abschätzen zu können: Lohnt die weitere Kreditaufnahme überhaupt? Lohnt es, die Belegschaft weiter in Kurzarbeit zu halten? Oder häufen sich Lasten an, die sich nach der Öffnung am Markt realistisch nicht mehr erwirtschaften lassen?

Wirtschaftliche Schäden müssen neu abgewogen werden

Wie schlimm es um die Unternehmen der geschlossenen Branchen wirklich steht, kann man nur mutmaßen. Die Bundesregierung hat wegen der Pandemie vorerst die Pflicht ausgesetzt, Zahlungsunfähigkeit anzuzeigen. Die niedrigen Insolvenzahlen zeichnen vermutlich ein Trugbild.

Die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie müssen also neu abgewogen werden gegen die Gesundheitsschäden. Allerdings ist auch der Wirtschaft nicht an einer überstürzten Öffnung ohne weitere Rücksicht auf den Gesundheitsschutz gelegen. Sie weiß: In ihre Geschäfte, Sportstudios und Hotels werden erst dann wieder genügend Kunden kommen, wenn diese darauf vertrauen, dass keine oder nur sehr geringe Ansteckungsgefahren bestehen. Schon vor dem ersten staatlich verhängten Lockdown im vergangenen Jahr hatten die Kundenströme abgenommen, weil sich die Menschen selbst schützen wollten.

Fixe Öffnungsdaten kann die deutsche Politik noch nicht bieten

Aus der Virus-Falle kommt die deutsche Wirtschaft daher nur durch eine weiterhin vorsichtige Strategie, die keine neue Infektionswelle auslöst. Fixe Öffnungsdaten wie die Briten kann die deutsche Politik wegen der Impfversäumnisse noch nicht bieten, ohne unglaubwürdig zu werden. Aber anders als im Herbst hat sie mit den Schnelltests nun ein weiteres Instrument zur Hand, das ergänzt durch Abstandsregeln und Maskenpflicht viel zusätzlichen Schutz ermöglichen kann. Schnelltests schaffen Transparenz über Infektionsherde und erlauben zumindest für Stunden sichere Kontakte.

Das Treffen der Bundeskanzlerin mit der Ministerpräsidentenkonferenz muss nächste Woche die Frage beantworten, wo und unter welchen Bedingungen Schnelltests zur Öffnung von Geschäften, Restaurants und Dienstleistungen eingesetzt werden dürfen. Im Vordergrund sollten nicht lähmender Perfektionswille, Kontrollen und Einheitlichkeit stehen, sondern Machbarkeit und das breite Sammeln von weiterer Erfahrung im Umgang mit der Pandemie. Wie lange die Unternehmen im Lockdown noch durchhalten, hängt davon ab, ob sie den Eindruck haben, dass die Politik wirklich an ihrer Seite kämpft.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
Aufgeklappter Laptop © Fotolia | Minerva Studio

Die NDR Info Kommentare

Redakteure und Korrespondenten äußern auf NDR Info regelmäßig ihre Meinung zu aktuellen Themen und Sachverhalten. Die Kommentare finden Sie hier zum Nachlesen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 28.02.2021 | 09:25 Uhr