Stand: 02.04.2020 16:55 Uhr

Kommentar: Klimagipfel-Verschiebung ist problematisch

Auch die für den kommenden November geplante Weltklimakonferenz in Glasgow ist wegen der Corona-Krise nun verschoben worden - auf das kommende Jahr. Zehntausende Teilnehmer hätten nach Schottland reisen müssen, darunter Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Ist die Verschiebung ein Rückschlag im Kampf gegen den Klimawandel?

Ein Kommentar von Werner Eckert, Südwestrundfunk

Der Journalist Werner Eckert vom SWR. © SWR Foto: SWR
Die Aussichten, dass das Paris-Abkommen auf Dauer zu einem wirklich wirksamen Instrument wird, verdüstern sich, meint Werner Eckert.

Nun hat das Coronavirus also auch die UN-Klimaverhandlungen erwischt. Es war am Ende wohl unvermeidbar, aber im Ergebnis ist es trotzdem gefährlich, denn es trifft einen mehrfach vorerkrankten Hochrisiko-Patienten.

Die Verschiebung selbst ist wohl unabwendbar gewesen. Das sehen alle Seiten so. Eine solche Konferenz, bei der 20.000 bis 30.000 Menschen aus aller Welt zusammenkommen, stellt auf nicht absehbare Zeit ein Risiko dar. Vor allem aber braucht sie intensive Vorbereitung, um überhaupt ein Ergebnis bringen zu können. Dazu gehören internationale Reisen, Treffen von Gesicht zu Gesicht, die derzeit nicht möglich sind.

Alle müssen mitgenommen werden

Und dazu gehört auch eine ganze Kette von Vorkonferenzen. Die erste hätte im Juni in Bonn stattfinden sollen, das ist ebenfalls unmöglich. Unvorbereitet in eine UN-Klimakonferenz zu gehen, wäre aber fahrlässig. Das höchste Gut der Völkergemeinschaft ist die "Inclusivness" - alle müssen mitgenommen werden. Vom Bevölkerungsriesen China bis zum Wirtschaftszwerg Kiribati.

Mit der Brechstange geht da gar nichts. Dennoch ist die Verschiebung ein großes Problem für den internationalen Klimaschutz. Denn nach dem gefeierten Durchbruch bei der Klimakonferenz in Paris 2015 haben sich die Verhandlungen ohnehin festgefahren. Seitdem hat es mehr Rück- als Fortschritt gegeben. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat dafür gesorgt, dass der Multilateralismus einen schweren Schlag davongetragen hat. Andere haben es ihm nachgemacht und ihr Eigeninteresse - oder das was Bolsonaro, Putin oder Erdogan dafür halten - über eine gemeinsame weltweite Anstrengung gestellt.

In diesem Jahr sollte es einen Fortschritt geben

Da sollte ausgerechnet in diesem Jahr endlich wieder ein Fortschritt gemacht werden. Die Staaten haben sich in Paris verpflichtet, jeweils nach fünf Jahren neue, zusätzliche Selbstverpflichtungen beim Klimaschutz vorzulegen - zur jeweiligen Klimakonferenz Ende des Jahres.

Das hätte in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden sollen. Eine Nagelprobe. Bislang hat der Appell ohnehin nur ein mageres Ergebnis gezeigt. Nur drei Staaten haben etwas vorgelegt. Die Not ist groß. Und die Idee war nun, bei den Vorbereitungen für Glasgow so viel Druck aufzubauen, dass zumindest die wichtigsten Klimasünder im November einigermaßen bedeutende neue Zusagen gemacht hätten.

"Patient Klimaschutz" wird dauerhaft beatmet

Jetzt ist der Druck aus dem Kessel. Auch wenn Klimaschützer fordern, dass die Verpflichtung gilt. Es muss geliefert werden! Wer weiß, wann der UN-Klimagipfel in Glasgow nun stattfindet. Das schwächt die UN-Verhandlungen enorm, verdüstert die Aussichten, dass das Paris-Abkommen auf Dauer zu einem wirklich wirksamen Instrument wird.

Da wirkt es ein bisschen wie das Pfeifen im Wald, dass in Klimaschützer-Kreisen auch ein möglicher positiver Aspekt der Verschiebung diskutiert wird: Im November wäre die Konferenz von der Präsidentschaftswahl in den USA überschattet worden. Falls es da einen Wechsel geben sollte - falls -, könnte ein neuer Präsident, wenn er 2021 dann in Washington tatsächlich im Amt wäre, einer verschobenen Konferenz neuen Schub geben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das wäre eine Art Frischzellenkur für einen Patienten, der ohnehin schon dauerhaft künstliche Beatmung brauchte - und nun auch noch Corona hat.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 02.04.2020 | 17:08 Uhr