Eine Frau sitzt vor einem Computer, im Hintergrund spielt ein Kleinkind © picture alliance / PhotoAlto

Kommentar: Die schöne, neue Arbeitswelt braucht Regeln

Stand: 01.05.2021 09:25 Uhr

Die Corona-Pandemie verändert die Arbeitswelt nachhaltiger, als wir es anfangs vermutet haben. Das Homeoffice beginnt Normalität zu werden, die Digitalisierung macht einen Entwicklungssprung. Aber das darf nicht zu Lasten sozialer Errungenschaften und gesellschaftlicher Bindungen gehen.

Ein Kommentar von Stephan Richter, Freier Autor

Eigentlich müssten sich heute viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um einen freien Arbeitstag betrogen fühlen. Fällt doch der 1. Mai als gesetzlicher Feiertag in diesem Jahr auf einen Sonnabend. Doch ein Drittel aller Beschäftigten arbeitet inzwischen laut Münchner Ifo-Institut Corona-bedingt im Homeoffice. Da fällt der kalendarisch Arbeitnehmer-unfreundliche Feiertag gar nicht mehr auf.

Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben, zwischen Werktag und Feiertag. Aber auch kein Flurfunk mehr, kein privater Plausch unter Kolleginnen und Kollegen in der Büro-Teeküche. Die Corona-Pandemie wird zum Digitalisierungs-Katalysator - auch in der Arbeitswelt. Viele Unternehmen, die bislang die digitale Transformation vor allem mit Automatisierung und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz verbunden haben, entdecken unter dem Druck des Infektionsschutzgesetzes die Chancen moderner Arbeitsorganisation.

Homeoffice schafft mehr Flexibilität und Freiheit

Stephan Richter, freier Autor, ehemals Chefredaktion Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag sh:z. © sh:z Foto: Marcus Dewanger
Die Corona-Pandemie wird zum Digitalisierungs-Katalysator, meint Stephan Richter.

Bei der schönen, neuen Arbeitswelt geht es nicht nur um das Arbeiten im Homeoffice, das - glaubt man den Umfragen - von einer Mehrzahl derjenigen, die die Schreibtisch-Arbeit von daheim erledigen, positiv bewertet wird. Mehr Flexibilität schafft mehr Freiheit, und das oftmals zeitraubende Pendeln zum Arbeitsplatz fällt weg.

Männer loben die Vorzüge des Arbeitens im Homeoffice übrigens deutlich häufiger als Frauen. Kein Wunder. Denn nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat die veränderte Erwerbssituation in vielen Haushalten noch nicht zu einer faireren Verteilung der Kinderbetreuung unter den Sorgeberechtigten geführt.

Selbstdisziplin bei der Heimarbeit ist gefragt

Immer seltener zu hören sind die Arbeitgeber-Vorbehalte gegenüber der Heimarbeit. Homeoffice, so die Erkenntnis, wirkt sich offenbar nicht zwingend negativ auf die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten aus. Zwar fällt die soziale Kontrolle durch die Kollegenschaft weg. Aber weil das Homeoffice vielen Beschäftigten gefühlt mehr Lebensqualität beschert, werden auch schon mal unbezahlte Überstunden geleistet. Die Frage ist, wie lange diese Motivation anhält. Werden Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen die hohe Selbstdisziplin, die bei Heimarbeit notwendig ist, dauerhaft aufbringen?

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Eine Selbstdisziplin, die nicht nur für den beruflichen Einsatz gilt. Zu ihr gehört auch das Achten auf Pausen. Wer sieben Tage die Woche rund um die Uhr für den Arbeitgeber präsent ist, brennt aus. Nicht umsonst begannen vor 135 Jahren Arbeiter in Chicago am 1. Mai gegen den 12-Stunden-Arbeitstag zu demonstrieren und mehr Arbeitnehmer-Rechte einzufordern. Ihr Arbeitskampf führte zum heutigen Feiertag - zu geregelten Arbeitszeiten, zu Arbeitsschutz-Vorschriften und Mitbestimmungsrechten. Homeoffice macht sie keineswegs überflüssig.

Immer höhere Ansprüche an die Beschäftigten

Im Gegenteil: Die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wird in der digitalisierten, automatisierten und vom Einsatz Künstlicher Intelligenz bestimmten Arbeitswelt wichtiger denn je. Alte Arbeitsplätze fallen weg, weil Roboter die Aufgaben übernehmen. Traditionelle Berufsgruppen verschwinden, neue entstehen. Voran die "Cloudworker", die sich von überall auf der Welt auf digitale Arbeitsplattformen einloggen können und Aufgaben erledigen - oft ohne Festanstellung und Sozialleistungen. Unabhängig von diesen disruptiven Veränderungen werden an alle Beschäftigten immer höheren Ansprüche in der Aus- und Weiterbildung gestellt.

Hier geht es nicht nur um ökonomische Fragen. Technischer Fortschritt schafft Freiräume, eröffnet Chancen. Aber er darf nicht zu Lasten sozialer Errungenschaften und gesellschaftlicher Bindungen gehen. Was bedeutet es zum Beispiel für die Gesellschaft, wenn die Kontakte zwischen unterschiedlichen Gruppen schwinden? In der Betriebskantine ist es möglich, dass sich Beschäftigte an einen Tisch setzen - vom Chef bis zum "kleinen Angestellten". Homeoffice beschleunigt dagegen das, was Soziologen "soziale Entmischung" nennen.

Um solchen Folgen vorzubeugen, kann der "Tag der Arbeit" einer breiten gesellschaftlichen Debatte dienen. Die schöne, neue Arbeitswelt braucht Regeln, die ausgehandelt werden müssen. Dazu bedarf es nicht zuletzt starker Arbeitnehmer-Vertretungen.  

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 01.05.2021 | 09:25 Uhr