Stand: 09.08.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Politik hat beim Thema Schule versagt

Auch wenn die Corona-Infektionszahlen wieder steigen: In diesen Tagen und Wochen beginnt die Schule in allen Bundesländern wieder mit Präsenzunterricht. Gleichzeitig soll bald wieder Fußball vor Publikum gespielt werden. Die jeweiligen Vorbereitungen sind jedoch ziemlich unterschiedlich verlaufen. Wie ist das zu bewerten?

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke , "Cicero"-Chefredakteur

Christoph Schwennicke (Archivbild vom 18.12.2013) © Will Media Foto: Wolfgang Borrs
Christoph Schwennicke meint: Die Fußballmanager haben ihre Hausaufgaben gemacht - die Bildungspolitiker nicht.

Corona entblößt, entblättert und fördert die Dinge zutage. Manchmal auch die offensichtlichen. Zum Beispiel, dass es sich beim Fußball hierzulande um eine Art Grundrecht handelt. Schon zu Beginn der Pandemie wurde nur wenigen betroffenen Bereichen eine ähnlich hohe Aufmerksamkeit gewidmet wie der Frage, was denn dieses verdammte Virus für die Bundesliga bedeutet und ob nicht doch weitergespielt werden kann. Und das, obwohl schon damals klar war, dass alle Stadien mit Sprechgesängen und Menschen, die sich bei Toren in die Arme fallen, ein maßgeblicher Treiber bei der Verbreitung von Sars-Cov-2 waren. Bald schon, früher als in jeder anderen Sportart, wurde ein Corona-Spielbetrieb wieder ermöglicht, um den Fans wenigstens zu Hause am Bildschirm das Samstagsritual zu ermöglichen. Und den Clubs die Einnahmen aus den TV-Rechten zu sichern. Als Fußballabstinenzler, zu denen ich gehöre, konnte man da schon gehörig staunen über die Wirkmacht dieses Sports. Er scheint in Deutschland systemrelevant zu sein.

Wie immer man dazu steht - Fußball hat konkreten Plan

Insofern war es nur folgerichtig und erwartbar, dass die Bundesligavereine und ihr Verband für den Start der neuen Saison ein Konzept vorlegen würden, demzufolge der Spielbetrieb wieder inklusive Publikum aufgenommen werden könnte. Bis hin zum Zapfhahn fürs Bier, der abgedreht bleiben soll, haben sich die Verantwortlichen Gedanken dazu gemacht. Wie immer man zu der Frage steht, wie unter Corona-Bedingungen 15.000 Menschen auf einem Haufen zusammenkommen sollen ohne akute Ansteckungsgefahr - es ist immerhin ein konkreter Plan.

Fußballmanager haben ihre Hausaufgaben gemacht

Ob das Konzept umgesetzt wird und wann das erste Stadion im Land wieder Zuschauer auf den Tribünen zulassen kann, ist allerdings völlig unklar. Denn das Go müsste die Politik geben. Gleichwohl ist bis hierher festzuhalten: Die Fußballmanager haben ihre Hausaufgaben gemacht und sich für den Saisonstart etwas Durchdachtes einfallen lassen.

Schulen sind dagegen erbärmlich vorbereitet

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Für die Politik und einen ganz anderen Saisonstart kann man das leider nicht sagen. Bundesland für Bundesland werden in den kommenden Wochen die Schulen wieder öffnen, und obwohl dieser Schulbeginn nicht unverhofft und aus dem Blauen kommt wie vor Monaten die Seuche selbst, sind die Vorbereitungen auf diesen großen Corona-Feldversuch erbärmlich. Es mag von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein, aber Rat- und Orientierungslosigkeit sind ein bundesweites Phänomen unter den Betroffenen. Maske im Klassenzimmer oder nicht? Verkleinerte Klassen oder nicht? Wie soll das gehen bei einem geschrumpften Lehrerkontingent, weil viele von ihnen mit einem Attest wedeln? Wer dieser Tage mit Lehrern und auch Eltern spricht, trifft auf eine Mischung aus Wut und Ohnmacht.

Kinder tragen vergleichsweise hohe Virenlast

Dabei sind Kinder noch lebendiger und schwerer zu disziplinieren als Fußballfans im Torrausch. Und es hat sich inzwischen, außer beim Chefredakteur der "Bild"-Zeitung in seinem Privatkrieg mit dem Virologen Christian Drosten, die studiengestützte Erkenntnis durchgesetzt: Kinder mögen die Krankheit leichter wegstecken als Erwachsene. Sie sind aber nicht minder ansteckend und tragen sogar eine vergleichsweise hohe Virenlast, was ein wichtiger Faktor bei Ansteckung und Verlauf von Covid-19 ist.

System Schule erweist sich als dysfunktional

Es war einfach, seinerzeit beim Beginn der Pandemie die Schulen zu schließen. Der Shutdown wurde einfach verfügt und die Folgen auf die Schultern der Eltern gelegt, die das seither gestemmt haben. Irgendwie und mit viel Energieaufwand und Einfallsreichtum. Es wäre eine politische Bringschuld, nein: eine Selbstverständlichkeit, diesen Helden des neuen Corona-Alltags zum Ende der Sommerferien ein schlüssiges Konzept zu präsentieren. Stattdessen erweist sich von der Kultusministerkonferenz über die Schulämter bis in die einzelnen Einrichtungen hinein das System Schule als dysfunktional.

Es geht um essenzielle und existenzielle Dinge

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister hat diese Woche erklärt, dass von den getesteten Urlaubsheimkehrern etwa 2,5 Prozent das Virus aus den Ferien mitbringen. Das ist eine ausgesprochen hohe und alarmierende Zahl. Ebenso der Umstand, dass die täglichen Fallzahlen des Robert Koch-Instituts wieder vierstellig geworden sind. In diesem zeitlichen Kontext ist der Schulbetrieb ein Wagnis, ein notwendiges Wagnis, aber ein Wagnis, das penibler Vorbereitung bedurft hätte und klarer Kommunikation auf allen Kanälen. Es geht um essenzielle und existenzielle Dinge. Die Bildung unserer Kinder, die kollektive Gesundheit der Gesellschaft und darum, die Wirtschaft vor einem zweiten verheerenden Lockdown zu bewahren.

Klägliches Versagen der Politik

Bisher hat sich die Politik auf Bundes- wie Landesebene in Deutschland gut geschlagen im Kampf gegen Corona. In der Frage eines wieder einigermaßen normalen Schulbetriebs aber hat sie kläglich versagt.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 09.08.2020 | 09:25 Uhr