Eine Wissenschaftlerin hält eine Ampulle mit Impfstoff gegen das Coronavirus. © imago images/Cavan Images

Kommentar: Knapper Impfstoff ist ein doppeltes Desaster

Stand: 10.01.2021 00:00 Uhr

In der EU und auch in Deutschland ist eine Debatte darüber entbrannt, warum bisher so wenig Corona-Impfstoff bestellt wurde - und warum zumindest zum Teil bei den falschen Herstellern.

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke, "Cicero"-Chefredakteur

Als vor knapp fünf Jahren eine hauchdünne Mehrheit der Briten für einen Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union stimmte, fiel dieses Referendum in die Hochphase der Flüchtlingskrise. Viele sahen damals einen Zusammenhang zwischen dem Alleingang einer deutschen Bundeskanzlerin und dem Ausgang der Abstimmung, weil die Furcht vor zu vielen Migranten als entscheidendes Quäntchen obendrauf kam auf die ohnehin existierende EU-Skepsis der Insulaner jenseits des Kanals.

Briten impfen millionenfach gegen das Virus an

Christoph Schwennicke (Archivbild vom 18.12.2013) © Will Media Foto: Wolfgang Borrs
Christoph Schwennicke meint, dass in der EU nur der Mangel an Impfstoffen verwaltet wird.

Jetzt fällt der endgültige Vollzug des Brexit in die Phase des vorläufigen Zenits der Corona-Pandemie - und auch hier sind die Zusammenhänge und vor allem die Wechselwirkungen größer als sie zunächst scheinen. Und größer als sie uns Kontinental-Europäern lieb sein können. Denn Tatsache ist: Der britische Premier mag am Anfang alles falsch gemacht haben im Kampf gegen das Virus. Im entscheidenden Moment, in dem das Virus wie nie grassiert und der erlösende Impfstoff endlich da ist, hat Boris Johnson alles richtig gemacht.

Während hierzulande und noch schlimmer in Ländern wie Frankreich Impfzentren leer stehen, weil kein Vakzin da ist, impfen die Briten millionenfach gegen das Virus an. Die britische Regierung hatte sich Kaufoptionen auf alle erwartbaren Präparate gesichert, dabei in Kauf genommen, dass die eine oder andere Milliarde in einem Fehlkauf verpulvert sein würde - und sich mit diesem Prinzip "Viel hilft viel" mehr Impfdosen des Präparats von Biontech und Pfizer gesichert als die ganze Europäische Union zusammen.

Großes Bangen vor dem Impftermin

Die Europäische Union und auch Deutschland haben dadurch einen doppelten Schaden. Der erste Schaden liegt in der Sache selbst. Während in Großbritannien absehbar bald alle besonders gefährdeten Menschen unter den Schutzschirm des Impfstoffes geschlüpft sind, bangen sich bei uns die Alten und Vorerkrankten zu ihrem Impftermin - immer in der Hoffnung, dass das Telefon nicht klingelt und er wegen fehlenden Impfstoffs abgesagt wird. Und immer in der Hoffnung, dass das aufgeflammte Virus bis zum erlösenden ersten Pieks nicht noch im letzten Augenblick zuschlägt.

Das ist schon bitter und schlimm genug. Der politische Schaden ist aber noch weit schlimmer und kommt obendrauf. Denn die Brexiteers haben jahrelang argumentiert: "Raus aus der EU - und es geht uns besser." Wir sind dann flexibler, können mehr auf unsere eigenen Interessen achten und müssen uns nicht von einer langsamen und regelwütigen Bürokratie Krümmungen von Gurken vorschreiben lassen. Immer haben sie das gesagt. Ich habe es selbst mehrere Male vom britischen Botschafter in Berlin gehört, der selbst gar kein Freund des Ausstiegs war, aber natürlich die Regierungslinie vertreten musste.

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Hin- und Herschieben der Verantwortung in der EU

Und jetzt erweist sich, nicht bei einer Banalität wie der Form eines Gemüses, sondern beim Zulassen und Beschaffen eines lebenswichtigen medizinischen Präparats diese Argumentation als scheinbar oder tatsächlich richtig. Die Briten sind keine zehn Tage von den empfundenen Fesseln der EU befreit und haben schneller gehandelt und sind besser dran. Sie schwimmen in Impfstoff, pieksen in Abertausende von Oberarmen - während unterdessen in der Europäischen Union der Mangel verwaltet wird und alle mit dem Blame Game, dem Hin- und Herschieben der Verantwortung, für dieses Debakel beschäftigt sind. 

Es ist dabei überhaupt nicht wichtig, ob dieser Vorteil, dieser Vorsprung beim Impfen, scheinbar oder tatsächlich auf die wiedererlangte Unabhängigkeit zurückzuführen ist. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse wird bei vielen EU-Skeptikern auf dem Kontinent dazu führen, dass sie sich in ihren Vorbehalten bestätigt sehen. Zumal der angekündigte logistische Kollaps ebenso einstweilen ausbleibt wie lange Lkw-Schlangen in Calais und Dover oder der sofortige Einbruch von Börse und Wirtschaft auf der Insel.

Daher ist der fehlende Impfstoff in der EU ein doppeltes Desaster. Ein medizinisches im Kampf gegen die schlimmste Seuche, die wir seit Jahrhunderten auf diesem Kontinent gesehen haben. Und ein politisches, weil es die Fliehkräfte und Separationsgelüste in ohnehin europafrustrierten Ländern stärken wird. Großbritannien in diesen Tagen zeigt, oder scheint jedenfalls zu zeigen: Es gibt ein Leben nach der Mitgliedschaft. Und es kann sogar ein besseres sein.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 10.01.2021 | 09:25 Uhr