Eine leere Fußgängerzone in abendlicher Lichtstimmung. © picture alliance/dpa Foto: Bodo Marks

Kommentar: Freiheit beschränken, um sie wiederzugewinnen

Stand: 31.03.2021 17:19 Uhr

Um die anhaltend hohen und weiter steigenden Corona-Inzidenzen in den Griff zu bekommen, hat Hamburg am Mittwoch eine nächtliche Ausgangssperre beschlossen. In Niedersachsen gilt sie bereits in mehreren Städten und Kreisen. Ist der Schritt gerechtfertigt oder geht er zu weit?

Ein Kommentar von Sabine Rein, NDR Info

Sabine Rein © NDR Foto: Klaus Westermann
Sabine Rein meint, dass Ausgangssperren für viele Menschen keine große Umstellung bedeuten dürften - da sie eh auf Kontakte verzichten.

Freiheit ist uns extrem wichtig - gut, dass das Grundgesetz sie auf vielfältige Weise garantiert. Und gut auch, dass dort in unterschiedlicher Weise klar gemacht wird, dass diese Freiheit endet, wo sie andere einschränkt, verletzt und damit ihrer Rechte auf Unversehrtheit und Entfaltung beraubt.

Das Infektionsschutzgesetz, das seit einem Jahr ja diese schmerzlich große Rolle in unserem Leben spielt, bezieht sich indirekt darauf - nämlich auf die anderen fast 84 Millionen Menschen im Land, deren Unversehrtheit geschützt werden muss: vor einer schweren Erkrankung oder der Gefahr, nicht mehr behandelt werden zu können, weil alle Intensivbetten voll sind.

Es wird Zeit für Ausgangssperren

Und jetzt soll das Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund in der Nacht in immer mehr Regionen verboten werden? Bis Mitte April sogar in der Millionenstadt Hamburg? Ja - und es wird Zeit! Und das nicht nur, weil Bund-Länder-Spitzen - gerne auch "die Regierenden da oben" genannt - dies bei steigenden Inzidenzen so beschlossen haben. Entscheidend ist doch: Nach einem Jahr braucht das Land wieder Perspektiven, die Hoffnung, nicht erst im Herbst wieder ins Restaurant oder ins Theater gehen oder sich mit Freunden und Großfamilie treffen zu können.

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Peter Tschentscher bei einer Pressekonferenz im Hamburger Rathaus. © picture alliance / dpa Foto: Georg Wendt

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Und nach allem, was wir hören, tragen immer noch private abendliche Treffen dazu bei, dass die Infektionszahlen steigen. Nicht nur, wohlgemerkt. Anstecken kann man sich auch tagsüber: im Bus, am Arbeitsplatz, in der Kita, vielleicht auch bei der Verabredung zum Osterspaziergang.

Härterer Lockdown wäre noch zielführender

Wahrscheinlich wäre ein noch umfangreicherer Lockdown für ein, zwei Wochen - so wie von Virologen schon lange gefordert - noch besser. Denn dass nächtliche Ausgangssperren kein Allheilmittel sind, zeigt die dramatische Entwicklung in Frankreich, wo seit etlichen Wochen ab 19 Uhr niemand mehr unterwegs sein darf und die Intensivstationen trotzdem völlig überlastet sind. Jetzt werden dort wahrscheinlich die Schulen wieder geschlossen.

Aber dass ein abendliches, nächtliches Ausgehverbot, ein strikteres Kontaktverhindern also, die Zahlen senken kann, hat bei uns in Norddeutschland unter anderem schon Flensburg bewiesen. Für die allermeisten, davon bin ich fest überzeugt, wird ein solcher Schritt gar nichts verändern - weil sie ohnehin seit einem Jahr auf abendliche Treffen verzichten.

Leere Straßen akzeptieren, damit sie bald wieder voll sein können

Für junge Leute, die dringend ihre Freunde brauchen, ist das besonders hart. Und denke niemand, nur sie seien vom Nacht-Lockdown betroffen: Die meisten halten sich seit vielen Monaten an Kontaktbeschränkungen, und sie leiden darunter. Dass die Politik in Deutschland so lange mit dem Verhängen von Ausgangsverboten gezögert hat, zeigt, wie groß in unserem Land die Scheu ist, auch diese Freiheit noch zu nehmen - nach all den anderen, wie etwa der Freiheit der Berufsausübung für Gastronomen und Künstler, der Reisefreiheit oder dem Bahnfahren mit unverdecktem Gesicht. 

Aber die Aussicht, schneller wieder eine umfassende Freiheit für alle zurückzugewinnen, sollte uns das Bild der geschlossenen Haustür, der leeren Straßen und Wege am späten Abend und in der Nacht wert sein.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 31.03.2021 | 17:08 Uhr