Ein Mann des Seebataillon sitzt mit anderen Soldaten in einem Schlauchboot und gibt ein Handzeichen. © Presse- und Informationszentrum Marine Foto: Presse- und Informationszentrum Marine

Kommentar: 65 Jahre Bundeswehr - wir müssen reden

Stand: 12.11.2020 16:55 Uhr

Die Bundeswehr plagen zahlreiche Probleme - etwa die Einsatzbereitschaft aufgrund mangelnder Ausrüstung. Doch das größte Problem ist die mangelnde Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Armee.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Haupstadtstudio Berlin

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich die Bundeswehr rund um ihren 65. Geburtstag eigentlich nicht beklagen. Die Truppe macht Schlagzeilen: manchmal erschreckende, wenn es um Rechtsextremismus in der Eliteeinheit KSK geht oder mal wieder ein Hubschrauber nicht fliegt, manchmal erbauliche, wenn Soldatinnen und Soldaten sich mitfühlend um Pflegebedürftige in der Corona-Krise kümmern oder die deutsche Luftwaffe gemeinsam mit der israelischen trainiert.

Sprachlosigkeit über Leistung und Anspruch

Doch jenseits dieser Schlagzeilen herrscht leider eine erschreckende Sprachlosigkeit: darüber, was unsere Streitkräfte eigentlich leisten können und sollen, vor allem in Auslandseinsätzen. Diese Auseinandersetzung all jener ohne Uniform mit jenen in Uniform kann die Truppe allein nicht meistern. Hier ist die Politik gefragt, angefangen bei der Kanzlerin, bis hin zu uns allen. Geschieht das aber nicht, werden wir beim nächsten Großeinsatz wieder vor denselben ungeklärten Fragen stehen, die uns über nunmehr fast zwei Jahrzehnte in Afghanistan gequält haben. Und weitere Auslandseinsätze werden kommen - auch oder gerade mit Joe Biden im Weißen Haus.

Deutsche sind eher gegen Auslandseinsätze

Das Problem: Mit der Verteidigung der deutschen Freiheit am Hindukusch oder an der NATO-Ostgrenze lassen sich für einen Politiker keine Wahlen gewinnen. Zwei Drittel der Deutschen lehnen es ab, unsere Soldatinnen und Soldaten mit geschulterter Waffe in ferne Länder zu schicken. Obwohl sie es sind, die diese Entscheidung treffen - Stichwort: Parlamentsarmee - unterlassen es unsere Parlamentarier lieber gleich, mit den Wählern komplizierte Gespräche darüber zu beginnen, warum es sinnvoll sein kann, auf dem Balkan Minen zu räumen oder im Indischen Ozean Piraten zu bekämpfen.

Klare Worte oft vermieden

Den besten Beweis dafür, wie schädlich das beredte Schweigen sein kann, lieferte Afghanistan: Über Jahre versuchte die Politik, der deutschen Bevölkerung den Einsatz als eine Art Brunnenbohr-Mission zu verkaufen. Mied auch dann noch das böse K-Wort "Krieg", als deutsche Soldaten in Kundus fast täglich von den Taliban in schwere Gefechte verwickelt wurden. Die Kanzlerin erwähnte den wichtigsten Bundeswehr-Einsatz in den gefährlichen Jahren überhaupt nur dann, wenn es wirklich gar nicht mehr anders ging. So viel Sand hat die Politik den Deutschen in die Augen zu streuen versucht, dass selbst die beste Bundeswehr-Schutzbrille nur begrenzt Wirkung gezeigt hätte.

Soldaten bemängeln fehlende Rückendeckung

All das hat zwei Dinge bewirkt. Erstens: Diejenigen, die weit entfernt von zu Hause täglich ihr Leben aufs Spiel setzten oder schwer traumatisiert zurückkamen, empfanden das als mangelnde Rückendeckung. Zweitens fällt es heute noch schwerer, der deutschen Bevölkerung weitere Auslandseinsätze schmackhaft zu machen.

Ehrliche Debatte muss geführt werden

Die bisherige Taktik, Bundeswehr-Missionen wahlweise totzuschweigen oder schönzureden, lässt sich so nicht durchhalten. Was wir brauchen, ist eine schonungslos ehrliche Debatte darüber, warum wir die Bundeswehr in Auslandseinsätze schicken; was wir da erreichen wollen; und wie gefährlich es dort ist. Das täte der Gesellschaft gut und den Soldaten sowieso. Weit mehr noch als das kostenlose Bahnfahren in Uniform.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
indopazifik fregatte ©  Bundeswehr Foto: Schönbrodt

Der Indo-Pazifik - bald Operationsgebiet der Bundeswehr?

China ist eine große Herausforderung. Deutschland will sich daher stärker in Asien engagieren - auch mit der Bundeswehr. mehr

Die Füße und der Schatten eines Soldaten auf sandigem Gelände © fotolia Foto: Getmilitaryphotos

Podcast: Streitkräfte und Strategien

Die Sendereihe Streitkräfte und Strategien über aktuelle Themen der Sicherheits- und Militärpolitik. Alle 14 Tage sonnabends um 19.20 Uhr und sonntags um 12.35 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 12.11.2020 | 17:08 Uhr