Stand: 10.07.2020 19:00 Uhr

Evangelische Kirche: Zwischen Absicht und Aufarbeitung

von Michael Hollenbach

"Die Vertreter der Kirche dürfen nicht in der Mehrheit sein"

Ein weiterer Diskussionspunkt: In vielen Kommissionen der evangelischen Landeskirchen, die sich um Fälle sexualisierter Gewalt gekümmert haben, saßen und sitzen vor allem Mitarbeitende der Kirchen. Dass sei zum Teil eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt Fehrs: "Zum Beispiel ist es in der Nordkirche ganz bewusst der Gedankengang gewesen, dass man als Kirchenleitung klar Verantwortung übernehmen muss, indem Personen das bewusst entgegennehmen."

Heiner Keupp © picture alliance / dpa Foto: Andreas Gebert
Heiner Keupp ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Experten kritisieren, dass in diesem Zusammenhang von unabhängigen Kommissionen nicht gesprochen werden könne. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, erwartet deshalb von der evangelischen Kirche, "dass in all den Kommissionen, die jetzt entstehen müssen, die Vertreter der Kirche nicht in der Mehrheit sein dürfen. Es müssen immer mindestens mehr als 50 Prozent der Beteiligten in den Kommissionen von unabhängiger Seite benannt werden."

UBSKM gegen zentralisierte Strukturen

Kirsten Fehrs hat ihrerseits erklärt, dass sich die Kirche an diese Kriterien halten wolle, wenn entsprechende Aufarbeitungskommissionen entstehen. Diese sind ein weiterer strittiger Punkt. Heiner Keupp vom UBSKM wendet sich zum Beispiel gegen zentralisierte Strukturen, wie sie in der evangelischen Kirche diskutiert worden sind: "Wir haben immer wieder argumentiert, dass das nicht reicht, weil die Landeskirchen in ihrer Struktur sehr unterschiedlich sind. Und so eine zentralistische Lösung ist gerade für die Betroffenen aus den Landeskirchen, aus den Regionen, ein ziemlich langer Weg."

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Keine der insgesamt 20 Landeskirchen werde wohl künftig eine eigene Aufarbeitungskommission haben, sagt Kirsten Fehrs. Die EKD tendiert eher dazu, "dass wir höchstens auf regionale Verbünde zugehen können. Die 20 Landeskirchen sind zum Teil wahnsinnig kleine Kirchen, und da jeweils eine Aufarbeitungskommission mit 14 Mitgliedern, dazu noch einen Betroffenenbeirat - das kann auch eine Form von Überbürokratisierung sein."

So gesehen könnte es bundesweit vier regionale Aufarbeitungskommissionen geben - im Norden, Osten, Westen und Süden.

Leistungen: individuell oder pauschal?

Auch über die Frage einer möglichen Entschädigung wird kontrovers diskutiert: Bislang haben 16 evangelische Landeskirchen Summen in Höhe von 7,4 Millionen Euro an Betroffene gezahlt. Die evangelische Kirche setzt dabei auf individuell vereinbarte Leistungen. Das sei der falsche Weg, meint der Sozialpsychologe Heiner Keupp: "Das kann nicht das letzte Wort sein. Denn das ist immer wieder die Kritik, dass die individuellen Regelungen für manche Betroffenen ein bisschen willkürlich erscheinen. Es müssen einheitliche Standards aufgestellt werden, die für die Betroffenen einsichtig und nachvollziehbar werden und die letztlich für alle gelten. Die Transparenz in diesem Bereich ist, wie in allen anderen Bereichen, absolut notwendig."

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Die Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt, Kirsten Fehrs, betont dagegen die positiven Erfahrungen, die man mit individuellen Leistungen statt pauschalen Zahlungen gemacht habe: "Pauschal bedeutet auch, nicht in die Beziehung mit Betroffenen zu gehen. Meine Erfahrung ist, dass der andere Weg der bessere ist."

Eine individuelle Leistung ist aber nicht zwingend gleichbedeutend mit einer finanziellen Summe oder gar einer Entschädigungsleistung.

"Wichtig ist, dass die Aufarbeitung als Chefsache angesehen wird"

Bei allem Engagement der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs und anderer kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - Heiner Keupp, der bereits an einige Aufarbeitungsstudien beteiligt war, vermisst derzeit auch ein eindeutiges Signal des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm: "Eigentlich müsste die Spitze der EKD, also der Ratsvorsitzende, sich deutlicher und klarer bei dem Thema positionieren. In vielen anderen Bereichen ist seine Stimme viel deutlicher und vernehmlicher zu hören."

Und auch der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig sagt: "Wichtig ist, dass Aufarbeitung des Unrechts durch Missbrauch als Leitungsaufgabe und als Chefsache angesehen wird."

Kirsten Fehrs geht davon aus, dass die EKD im September mit dem Unabhängigen Beauftragten eine Vereinbarung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung abschließen wird. Von Oktober an sollen zudem Studien starten, die sich mit sexualisierter Gewalt in der Kirche beschäftigen. Es wartet also viel Arbeit auf die EKD - das weiß auch Fehrs: "Null-Toleranz ist ein wichtiges Wort - ihn aber zu einer Haltung zu machen, dass die Menschen wirklich begreifen, was damit verbunden ist, das ist mein persönliches Ziel und das Ziel des Beauftragtenrates und nicht zuletzt auch mit einem 'letter of intent'."

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NDR Info | Blickpunkt: Diesseits | 12.07.2020 | 12:05 Uhr