Stand: 10.07.2020 19:00 Uhr

Evangelische Kirche: Zwischen Absicht und Aufarbeitung

von Michael Hollenbach

Die Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt beschäftigt die beiden großen christlichen Kirchen seit Jahren. Vor wenigen Wochen hatte die katholische Kirche auch infolge einer im September 2018 vorgestellten Missbrauchsstudie eine Vereinbarung unterzeichnet mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Darin ging es um einheitliche und verbindliche Standards bei der Aufarbeitung auf Ebene der 27 katholischen Bistümer. Ein entsprechendes Dokument mit der Evangelischen Kirche in Deutschland steht noch aus. Weshalb jüngst auch Kritik laut wurde. Ausgehend von einem Fall aus der hannoverschen Landeskirche, der in dieser Woche öffentlich wurde, schauen wir auf die aktuelle Debatte um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der evangelischen Kirche.

Sexueller Missbrauch: Ex-Konfirmandin berichtet

Hallo Niedersachsen -

Anfang der 1990er-Jahre wurde eine damalige Konfirmandin von einem Pastor im heutigen Rosengarten sexuell missbraucht und geschwängert. In der evangelischen Kirche ist dies kein Einzelfall.

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Katharina Sörensen - so ihr Pseudonym - hat als Konfirmandin sexualisierte Gewalt durch ihren damaligen Pfarrer erlitten. Sie hat sich nun gemeinsam mit der Landeskirche in ihrer damaligen Gemeinde an die Öffentlichkeit gewandt: "Meine erste Motivation ist, das an den Ort des Geschehens zu bringen. Ich habe sehr lange gebraucht, um überhaupt den Mut zu haben. Ich will damit das Schweigen brechen, weil das Schweigen immer nur Tätern etwas bringt. Das ist eine Strategie der Täter: Sie zeigen den Betroffenen, den Jugendlichen, dass sie schweigen müssen - und das soll nicht mehr sein. Und das jetzt zu brechen, nach 25 Jahren, erfordert immer noch Mut."

Der evangelische Pfarrer, der sie damals sexuell missbraucht hatte, ist 2013 verstorben. Erst danach fasste Katharina Sörensen den Entschluss, sich an die hannoversche Landeskirche zu wenden. Von der Kirche habe sie eine Schadensersatzsumme in Höhe von 35.000 Euro erhalten. "Ich habe diese Summe ausgezahlt bekommen, und ich glaube, die Kirche hätte es gern gehabt, wenn ich dann still gewesen wäre. Ich konnte das nicht ertragen. Es muss Mechanismen geben, dass die Leute auch informiert werden." Denn die Kirchengemeinde wurde erst vor einigen Monaten informiert, was sich dort in den 80er- und 90er-Jahren ereignet hatte.

Aufarbeitung: "Ein sehr mühsamer Prozess"

Bei dem Pressetermin in Hittfeld erklärte die hannoversche Landeskirche, es gelte bei sexuellem Missbrauch weiterhin eine Null-Toleranz-Strategie. Nichts werde unter den Teppich gekehrt. Katharina Sörensen, heute Anfang 40, sagt, sie habe von kirchlichen Stellen auch Unterstützung erfahren, aber: "Ich glaube, dass an vielen Stellen immer noch Leute sitzen, die es nicht so gut finden, dass das Thema öffentlich gemacht wird, die es lieber hätten, wenn das vorbeginge."

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Kerstin Claus ist Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Eine Erfahrung, die auch Kerstin Claus gemacht hat. Sie ist Mitglied im Betroffenenrat beim UBSKM, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie bemängelt, dass innerhalb der evangelischen Kirche die Aufarbeitung nur schleppend vorankomme: "Aus meiner Sicht ist das ein sehr mühsamer Prozess, dem die konkreten Zusagen fehlen."

"Betroffenenbeteiligung ist für die EKD noch Neuland"

2018 hat die EKD auf ihrer Synode einen Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt beschlossen. Im Oktober sollen wissenschaftliche Studien über den Missbrauch in der Kirche starten. Und im Sommer soll ein Betroffenenbeirat seine Arbeit aufnehmen. Derzeit besteht zwischen der EKD und dem UBSKM aber lediglich eine Absichtserklärung, ein sogenannter "letter of intent".

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Johannes-Wilhelm Rörig erwartet "einen Vorschlag der EKD für Strukturen, verbindliche Kriterien und Standards der Aufarbeitung von sexueller Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche."

Der Unabhängige Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig verweist etwas ungeduldig auf eine Vereinbarung, die er im Juni mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz abgeschlossen hat. Dort sollen zum Beispiel auf Bistumsebene oder in regionalen Verbünden unabhängige Aufarbeitungskommissionen entstehen: "Ich erwarte einen Vorschlag der EKD für Strukturen, verbindliche Kriterien und Standards der Aufarbeitung von sexueller Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche. Da wird es um die Zusammensetzung von Kommissionen gehen; inwieweit - vergleichbar zur katholischen Kirche - Betroffene in den Kommissionen mitvertreten sind; inwieweit externe Experten und Expertinnen in den Kommissionen vertreten sein werden und wer den Vorsitz hat. Ich werde auch darauf achten, dass in den evangelischen Kommissionen die evangelische Kirche nicht die Mehrheit hat, sondern dass die Mehrheit hier in den Händen der Expertinnen und Experten und der Betroffenen liegt."

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ist Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt. Dass den Protestanten von Experten und Betroffenen zuweilen der Vorwurf gemacht wird, die Aufarbeitung zu langsam voranzubringen, ärgert sie: "Wir sind ausgesprochen überrascht, dass dieser Eindruck entstanden ist." Es habe viele Kontakte zum UBSKM gegeben, die EKD arbeite mit Hochdruck an der Aufarbeitung, versichert Fehrs.

Die Kritik von Betroffenen wie Kerstin Claus richtet sich beispielsweise gegen die ihrer Meinung nach mangelhafte Einbeziehung von Betroffenen in die kirchlichen Entscheidungsprozessee: "Viel zu häufig holt man da zwar inhaltlich die Meinung Betroffener immer wieder ein, aber das Mandat der Betroffenen ist nicht gegeben", so Claus. "Betroffenenbeteiligung ist für die EKD noch Neuland."

"Betroffenenbeteiligung ist der Schlüssel für erfolgreiche Aufarbeitung von Unrecht", sagt auch der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig.

Kirsten Fehrs kündigt Betroffenenbeirat an

In dieser Woche hat Kirsten Fehrs erneut Gespräche mit Betroffenen geführt, um auf EKD-Ebene einen Beirat einzusetzen, der demnächst seine Arbeit aufnehmen soll. "So ein Gremium braucht ein starkes Mandat, eigeninitiativ handeln und nachfragen zu können, und eine Kirche, die sich einem Betroffenenrat auch rechenschaftspflichtig fühlt", findet Claus.

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Kirsten Fehrs ist Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt.

"Er soll aus sich selbst heraus Themen setzen", versichert Kirsten Fehrs. Der Betroffenenbeirat soll auch einen kritischen Blick auf die Umsetzung des Elf-Punkte-Planes werfen: "Wir hoffen das sogar, weil aus den verschiedenen Kontexten der Betroffenen - ob Heim, Pfadfinder, Jugendarbeit oder Pfarrhaus - diese ganzen verschiedenen Aspekte eine eigene Dynamik entfalten werden."

Und die Hamburger Bischöfin hofft auf einen weiteren Effekt des Betroffenbeirates: "Dass es ein Betroffenennetzwerk gibt, an das sich Betroffene wenden können und wo sie gemeinsam schauen, wie sie in den Landeskirchen weiterkommen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Blickpunkt: Diesseits | 12.07.2020 | 12:05 Uhr