Eine ambulante Pflegerin hilf einer alten Frau bei der Diabetes-Blutkontrolle. © picture alliance/dpa Foto: Jana Bauch

Digitalisierung sichert ambulante Pflege auf dem Land

Stand: 08.01.2021 18:06 Uhr

Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen etwa 800.000 Pflegebedürftige, die in Heimen leben, im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die weitaus meisten Pflegebedürftigen allerdings, etwa 3,3 Millionen, werden zuhause versorgt.

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von Brigitte Lehnhoff

Ambulant vor stationär heißt die Devise der Pflegeversicherung. Was muss getan werden, damit Menschen, die Pflege brauchen, solange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben können? Um diese Fragen geht es im zweiten Teil von "vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen", dem neuen Podcast der Redaktion Religion und Gesellschaft auf NDR Info.

Ambulante Pflege neu organisiert

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Von den 3,3 Millionen Menschen, die zuhause gepflegt werden, nimmt etwa ein Drittel ambulante Hilfe in Anspruch. Das Problem vor allem in ländlichen Regionen Norddeutschlands: Nicht jeder, der Unterstützung von einem ambulanten Pflegedienst anfordert, bekommt sie auch. Es ist einfach zu wenig Personal da und die langen Fahrtwege rechnen sich nicht. Der Emsländische Caritasverband hat deshalb schon vor einigen Jahren die ambulante Pflege neu organisiert. Stefanie Melisch, stellvertretende Pflegedienstleiterin, erläutert das Prinzip: "Wir haben Fachkräfteteams und Pflegeassistententeams. In jedem Team sind ungefähr sechs Pflegekräfte. Die haben einen festen Patientenstamm zu versorgen. Das ist nach Gebieten aufgeteilt, etwa zehn bis 15 Kilometer zwischen den Patienten, sodass die Mitarbeiter wenig Fahrtwege haben."

Besseres Zusammenspiel von Familie und Beruf

Diese kleinen Teams sind weitgehend selbstorganisiert, machen zum Beispiel ihre Dienst- und Urlaubspläne eigenständig, sorgen selbst für Ersatz, wenn eine Kollegin krank wird. Das funktioniert, weil alle Mitarbeitenden mit einem Smartphone ausgestattet sind und jedes Pflegeteam ein eigenes Tablet hat. Für die Pflegedokumentation ist das eine große Erleichterung, sagt Geschäftsführer Marcus Drees: "Heute kann die Dokumentation im Prinzip direkt vor Ort stattfinden. Die Pflegekraft kann aber auch zunächst die Tochter aus dem Kindergarten abholen und anschließend über das Tablet dokumentieren. Wir können also Familie und Beruf nochmal besser kombinieren."

vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen

Was macht gute Pflege aus? Ist Religion für junge Menschen unattraktiv? Muss ich jemanden verzeihen, wenn er seine Schuld eingesteht? Zu wenige Plätze auf der Intensivstation – wie wird entschieden, wer behandelt wird? Unsere Reporter*innen spüren wöchentlich spannenden Glaubens- und Gewissensfragen nach: erhellend, überraschend, lebensnah. Themen auf den Grund gehen, den Horizont erweitern: "vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen" ist der neue Religions-Podcast von NDR Info.

Ein Problem auf dem Land: der Breitbandausbau

Einen Haken gibt es allerdings: der Breitbandausbau lässt gerade im ländlichen Raum zu wünschen übrig. Die Synchronisierung der Pflegedaten funktioniert also nicht immer und überall. Dazu sagt Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann: "Die Gigabitgeschwindigkeit, die wir heute haben, ist extrem verbessert: Wir hatten 2018 eine Quote von fünf Prozent - heute liegen wir bei 51 Prozent. Aber das muss natürlich auch weitergehen. Deshalb haben wir zum bisherigen Ansatz von 220 Millionen Euro weitere 150 Millionen Euro vom Landtag für den Breitbandausbau zur Verfügung gestellt bekommen. Denn die Grundvoraussetzung ist, dass alle diese Anwendungen auch laufen."

Weniger ist mehr statt Expansion

In größeren Städten steht eine andere Frage im Vordergrund: Wie kann es gelingen, das Netz von Versorgungseinrichtungen so eng wie möglich zu knüpfen? Seniorvorstand Alexander Künzel beschreibt die Philosophie der Bremer Heimstiftung, des größten Altenhilfeträgers in der Hansestadt: "Wir als Heimstiftung haben vor knapp 20 Jahren entschieden, dass wir keine neuen Pflegeheime mehr bauen. Wir bauen Plätze eher zurück und richten in jedem Haus zum Beispiel nur einen Kindergarten ein. Wir öffnen unsere Häuser konsequent in die Quartiere und wir haben viele neue Projekte entwickelt: etwa über 30 Tagespflegeangebote in der Stadt, über 20 Pflegewohngemeinschaften und Kooperationen mit Wohnungsbauern, die barrierefreien Wohnraum bieten. Das ist unsere Expansion."

Das Konzept, überschaubare und pflegefreundliche Wohnquartiere zu entwickeln, ver-folgen auch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände, beispielsweise die Diakonie in Braunschweig und die Caritas im Eichsfeld in Duderstadt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen | 10.01.2021 | 07:05 Uhr