Heiner Wilmer © imago

Bischof Wilmer: Kirche hat in Corona-Krise auch Fehler gemacht

Stand: 18.12.2020 11:00 Uhr

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer spricht im Interview mit Florian Breitmeier über das Jahr 2020, Weihnachten und die kommenden Monate.

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Heiner Wilmer will in seinem Bistum an Weihnachten die Kirchen offen halten. Es werde sich streng an die behördliche Vorgaben, an Hygiene- und Abstandsregeln und an eine reduzierte Zahl von Feiernden gehalten, sagte er. Im Interview spricht Heiner Wilmer auch über die Vorgänge rund um die Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln, über Vertrauen und Rücktrittsgründe für Bischöfe.

2020 war und ist ein Krisenjahr für die Gesellschaft, aber auch für die Kirche. Und nun kommt Weihnachten mit Abstands- und Hygieneregeln, Gottesdienste mit Anmeldung und vielleicht auch im schnelleren Durchlauf. Von einem freiwilligen Verzicht auch auf manche Weihnachtsgottesdienste ist die Rede. Werden Sie auch im Bistum Hildesheim empfehlen, lieber zu Hause zu bleiben?

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Heiner Wilmer: Im Bistum Hildesheim werden wir die Kirchen offen halten. Wir haben uns vor wenigen Tagen mit allen Bischöfen Niedersachsens abgesprochen und werden uns streng an die Vorschriften halten, wie in der Pandemie umzugehen ist. Wir werden die Abstände einhalten und die Zahlen beschränken. Die Gottesdienste werden mit Mund-Nase-Bedeckung stattfinden. Aber wir brauchen offene Kirchen, wir brauchen Trosträume, wir brauchen Fundamente für Hoffnung und wir brauchen Zuversicht.

Zu Ostern gab es durch den Lockdown auch Erfahrungen von Menschen, welche die Präsenz der Kirchen bei der Begleitung von Menschen in Altenheimen, bei Beerdigungen etc. vermisst haben. Wie selbstkritisch reflektieren Sie das am Ende dieses Jahres?

Wilmer: In der Zeit, als Corona ausbrach und wir auf Ostern zugingen, waren wir in der Tat in einer Krise. Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir in einer Schockstarre waren. Niemand wusste, was die Pandemie bedeutet, wie vorsichtig wir sein müssen, wie stark wir uns einschränken müssen. Wir können ja schließlich nicht auf der einen Seite das Leben verkünden und auf der anderen Seite das Leben der uns anvertrauten Menschen gefährden. Da waren wir wahrscheinlich sehr ängstlich, was mir persönlich sehr leid tut und was ich nach wie vor entsetzlich finde. Wir haben auch Fehler gemacht und versagt, dass Menschen alleine gestorben sind, völlig vereinsamt, obwohl sie Familienangehörige hatten. Das geht nicht, und das darf sich nicht wiederholen. Da haben wir alle in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche, große Verantwortung.

Die katholische Kirche in Deutschland steckt derzeit - mal wieder - in einer Vertrauenskrise. Es geht um Vertuschungsvorwürfe, aber auch das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen. Zwei Bischöfe stehen besonders im Blickpunkt: Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, und Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg. Beiden wird vorgeworfen, es mit kirchenrechtlichen Bestimmungen, aber auch mit den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz nicht immer allzu genau genommen zu haben. Beide haben nun ihre Fälle nach Rom gemeldet. Der Vatikan soll im nächsten Jahr entscheiden, wie es weitergeht. Wie bewerten Sie diese Situation der katholischen Kirche?

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Wilmer: Zunächst einmal ist für uns als katholische Kirche das Vertrauen der Schlüssel. Ohne Vertrauen geht nichts, das Vertrauen hängt unmittelbar mit dem Glauben zusammen, und wir können nicht das Vertrauen geschmälert wissen und dabei den Glauben verkünden - das wäre ein Paradox. Was die beiden genannten Fälle betrifft, so halte ich das, wie es läuft, auch für unsäglich und sehr bedauerlich. Beide Fälle liegen in Rom. Ich hoffe und wünsche, dass hier bald Klarheit herrscht, dass mehr Licht ins Dunkel kommt und dass beide Geschichten so gelöst werden, dass das Vertrauen wiederhergestellt wird.

Könnten Sie sich vorstellen, dass es aufgrund des Umgangs mit Fällen sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit noch zu Rücktritten von Bischöfen in Deutschland kommt?

Wilmer: Wenn wir in die gesamte Welt der katholischen Kirche schauen, dann sind in anderen Ländern Bischöfe, die aktiv im Dienst waren, wegen der sexualisierten Gewalt zurückgetreten oder mussten zurücktreten, wie zum Beispiel in den USA, in Irland oder auch in Australien. Von daher halte ich es grundsätzlich nicht für ausgeschlossen, dass so etwas auch bei uns in Deutschland in der Deutschen Bischofskonferenz möglich ist.

Wann wäre ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen, es geht nicht mehr?

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Wilmer: Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, zumal ich selbst kein Kirchenrechtler bin. Ich bin grundsätzlich dafür, dass die Basis des Rechts zunächst einmal geprüft wird. Wir leben in einem Rechtsstaat, auch unsere Kirche hat eine Verfassung, und die Experten müssen genau prüfen, inwieweit gegen das allgemeingültige Kirchenrecht verstoßen wurde. Inwieweit und in welcher Schwere wurde gegen die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz verstoßen? Das andere ist, wie massiv der Vertrauensverlust sein könnte. Wenn ein Bischof in eine Lage kommt, dass ihm niemand mehr vertraut, dann muss er sich ernsthaft fragen, ob er dort richtig ist.

Wege aus dieser Krise hat sich der Synodale Weg auf die Fahnen geschrieben, der Reformdialog, angestoßen von der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Laiengremium Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Wie bewerten Sie die Entwicklung? Fremdelt Rom mit dem Synodalen Weg?

Wilmer: Der Synodale Weg in Deutschland ist sehr komplex. Es sind viele Themen, die auch weltweit, auch in anderen Bistümern ein Thema sind. Von daher sind wir in Deutschland dabei, auch Dinge anzugehen, die woanders brennen. Gleichzeitig müssen wir als Deutsche aufpassen, dass wir nicht Lehrmeister der Welt sind, dass wir nicht unbewusst sagen: Selig werden nur nach deutscher Fasson! Ich bin froh, dass der Synodale Weg weitergeht. Ich glaube nicht, dass Rom am Ende mit Deutschland fremdelt. Ich glaube schon, dass es bestimmte Stimmen in Rom gibt, die fremdeln. Niemand in Deutschland will eine Abspaltung von Rom, niemand will ein Schisma. Wir wollen schon Veränderungen, wir wollen ernst genommen werden, und wir müssen auch andere Bischofskonferenzen mit ins Boot nehmen.

Aber es gab doch Hinweise aus Rom, wo man nicht sagen kann, dass das Rückenwind ist. Warum wird man dort nicht richtig verstanden?

Wilmer: Es wäre mein Wunsch, dass wir uns stärker in die Augen schauen und an einen Tisch kommen. Im Moment gibt es zu viele Dokumente und zu viel Post, die hin und her läuft, statt dass wir uns an einen Tisch setzen und miteinander ringen. Dass Römer, Deutsche, aber auch Vertreter aus anderen Ländern zusammenkommen und wir uns gemeinsam aufmachen zu einem größeren Synodalen Weg. Von daher wäre ich sehr dafür, wenn wir den deutschen Synodalen Weg ausweiten zu einem Synodalen Weg in Europa.

Wie lautet Ihre Hoffnung für das Jahr 2021?

Wilmer: Mit Blick auf 2021 ist meine Hoffnung, dass wir die kollektive Pandemie weiterhin in den Blick nehmen - aber nicht in Schockstarre, sondern dass wir aktiv unterwegs sind. Gerade als katholische Kirche ist es unsere Pflicht, dass wir auch ein Bewusstsein für die Menschen in Übersee wachhalten und auch für eine Gerechtigkeit unter den Völkern und den Nationen.

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NDR Info | vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen | 20.12.2020 | 07:05 Uhr