Sendedatum: 29.10.2013 21:15 Uhr  | Archiv

Zwangsrente für Arbeitslose mit 63?

von Philipp Hennig & Dörte Petsch

Michael Lange wünscht sich eigentlich nichts mehr als einen Job. Er ist Diplom-Psychologe und der Markt ist eng, gerade für ältere Arbeitslose. Seit Jahren sucht er nach einer geeigneten Stelle. Bisher hatte der 63-Jährige auch auf das Jobcenter gehofft, dass er vermittelt werde - doch stattdessen erhielt er vor einigen Wochen einen Brief.

VIDEO: Zwangsrente für Arbeitslose mit 63 (6 Min)

Darin die Aufforderung, seine Rente zu beantragen, die "vorzeitige Altersrente". Der Hartz-IV-Empfänger kann diese Aufforderung nicht nachvollziehen: "Ich will doch arbeiten, ich bin gut ausgebildet, wieso schickt man mich jetzt in Rente? Die Politiker wollen doch, dass die Menschen sogar bis 67 Jahren arbeiten sollen."

Die Arbeitslosen haben keine Wahl

Michael Lange soll zwangsverrentet werden. © NDR
Würde gerne arbeiten, soll aber zwangsverrentet werden: Michael Lange.

Rente statt Arbeitsvermittlung - so wie Michael Lange könnte es bald vielen älteren Hartz IV–Empfängern ergehen. Seit Anfang des Jahres bekommen immer mehr 62- und 63-Jährige die Aufforderung, Altersrente zu beantragen. Eine Wahl haben sie nicht - wer den Aufforderungen nicht nachkommt, für den stellt das Jobcenter den Rentenantrag kurzerhand selbst.

Grundlage hierfür ist eine Änderung des Sozialgesetzbuchs aus dem Jahre 2008, die nach einer Übergangsfrist jetzt verstärkt umgesetzt wird. Das Problem: Wer früher in Rente geht, der muss zum Teil massive Abschläge hinnehmen. Für jeden Monat Frührente werden den Betroffenen rund 0,3 Prozent der Altersrente gekürzt. Für Michael Lange sind das insgesamt rund 8,7 Prozent. Geld, das er eigentlich zum Leben braucht.

Downloads

Zangsverrentung ab 63

Die Gewerkschaft IG BAU informiert über die Zwangsverrentung und die Möglichkeiten dagegen vorzugehen. Download (88 KB)

Klagen gegen das Gesetz

Dagegen wehren können sich Betroffene offenbar kaum - diese Erfahrung musste zumindest Heike Domhardt aus Arnstadt machen. Auch sie wurde aufgefordert, ihren Rentenantrag zu stellen. Bei Weigerung drohte das Jobcenter gar mit Leistungsentzug. Heike Domhardt legte Widerspruch ein. Ohne Erfolg. Der Widerspruch wird abgelehnt.

Die Folge: Heike Domhardt muss nun auf bis zu 70 Euro ihrer Rente verzichten. Viel Geld für sie und ihren Mann. Bieten lassen will sie sich das nicht. Die 63-Jährige hat sich nun einen Anwalt genommen und will klagen. In der Hoffnung, dass das Gesetzt gekippt wird. Damit ihr und vielen anderen älteren Arbeitslosen nicht noch die letzte Würde genommen wird.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.10.2013 | 21:15 Uhr

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