Stand: 27.09.2018 10:03 Uhr  | Archiv

Drohnen fliegen Spenderorgane

von Katha Janssen

Die Straßen in Indien sind voll - zu voll. Was viele im Feierabendverkehr einfach nur nervt, ist für andere ein Todesurteil. Etwa für Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Immer wieder stecken Organtransporte in Indien so lange im Stau fest, dass die Organe, wenn sie im Krankenhaus ankommen, nicht mehr brauchbar sind. Unter Einsatz einer Drohne wollen zwei Studenten aus Bangalore und ihre Professoren das jetzt ändern, wie die NDR Info Perspektiven berichten.

Zwei Studenten des Produktdesign und ihre Professoren vom Indian Institute of Science mit ihrer Erfindung: der Transportbox der Spenderorgane. © NDR Foto: Katha Janssen
Rohit und Deval, zwei Studenten des Produktdesign, und ihre Professoren vom Indian Institute of Science haben eine Transportbox für Spenderorgane erfunden.

Um die 50.000 Menschen pro Jahr brauchen in Indien eigentlich ein neues Herz. Nur einige Hundert werden tatsächlich Empfänger eines Spenderorgans. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens ist die Operation sehr teuer. Zweitens sind Spender und Empfänger oft viel zu weit auseinander, um das Organ in gutem Zustand transplantieren zu können. Und selbst wenn beide in derselben Stadt sind, wird es schwierig: Auf den Straßen ist einfach zu viel Verkehr, erklärt Professor Gurumoorthy vom Indian Institute of Science in Bangalore: "Organe durch den Verkehr zu transportieren, ist eine große Herausforderung. Die Polizei bildet dann einen grünen Korridor, durch den der Transport fahren kann, aber das funktioniert nicht immer. Da haben wir uns gedacht, mit einer Flugdrohne umgehen wir dieses Problem."

Eine Kühlbox für Drohnen

Eine spezielle Box für den Organtransport per Drohne. © NDR Foto: Katha Janssen
Der Prototyp der Kühlbox liegt bereits vor. Das Besondere: Er ist nicht zu schwer für eine Drohne.

Ursprünglich war das Ganze eine Aufgabe in einem Universitäts-Kurs für Produktdesign. Wenn man heute schon Pakete mit Flugdrohnen ausliefert und so den Stau umgeht, warum nicht auch Organe? Das spart Geld und Zeit, war die Überlegung. Aktuell versuchen mehrere Wissenschaftler und Ingenieure in verschiedenen Ländern so eine Organtransport-Drohne zu bauen, bislang ohne großen Erfolg. Denn Organe benötigen spezielle Umgebungsbedingungen, damit sie brauchbar beim Empfänger ankommen. Um diese Bedingungen zu schaffen, ist viel Technik nötig, und die ist schwer - zu schwer für Drohen, erklärt Student Deval: "Wenn man ein Kühlungs-System an eine Drohne hängen würde, wie wir es heute für die Straße verwenden, würde das nicht funktionieren. Das Gewicht einer Camping-Kühlbox wäre zu viel. Drohnen haben Grenzen, wenn es um Tragkraft und Gewicht geht, die können nichts zu Schweres tragen."

Die LifeBox könnte das Transportproblem lösen

Die Temperaturanzeige der Transportbox für Organe. © NDR Foto: Katha Janssen
Eine digitale Anzeige zeigt die Temperatur des Herzens und der Kammer innerhalb der Box an. Die ideale Temperatur für den Transport liegt zwischen vier und acht Grad Celsius.

Deval und Rohit sind beide Mitte 20, haben gerade ihren Master in Produktdesign gemacht und eine Lösung für das Problem: die LifeBox. Deval erklärt das System: "Das hier ist die Kammer für das Trockeneis. Darüber ist ein kleiner Ventilator und der mischt diese sehr kalte Luft mit Außenluft und kühlt das Organ auf Kühlschranktemperatur. Sensoren kontrollieren die Temperatur." Die LifeBox ist so groß wie eine Mikrowelle und soll später auf eine Drohne montiert werden. Der Innenraum ist mit Styropor unterteilt. In der linken Hälfte ist ein durchsichtiger Behälter für das Organ.

Herzen sind besonders schwer zu transportieren

Das Herz gilt dabei als sehr anspruchsvoll, wie Professor Ghosal erklärt: "Momentan sind Herzen einfach am schwierigsten zu transportieren. Wenn wir also das Herz schaffen, dann geht das System auch für Nieren oder andere Organe."

Kühlung und Spülung in einer kleinen Box

Student Deval erklärt, wie die Herzspülung der Box funktioniert. © NDR Foto: Katha Janssen
Student Deval erklärt, wie die Herzspülung der Box funktioniert.

Die Testläufe finden mit elektronischen Herzattrappen oder mit Herzen statt, die noch frisch sind, aber nicht mehr leistungsfähig genug für einen Körper: "Wir nehmen das Herz, das bei einer Transplantation beim Empfänger entnommen wird, also das, was nicht mehr richtig funktioniert. Zum Testen reicht das aber aus." Die rechte Hälfte der LifeBox ist für die Technik. Neben der Kühlung, die viel leichter ist als bislang, hat sich das Team noch ein anderes System überlegt, das dem Spenderorgan helfen soll, möglichst lange frisch zu bleiben: Es wird gespült. "Im Herz bilden sich, wenn es einfach nur liegt, Stoffwechselprodukte, die das Muskelgewebe schädigen. Wenn wir diese Stoffe ausspülen, hält es länger, und das macht diese Pumpe", erklärt Rohit.

Warten auf Sponsoren

Der Kurs, in dem die LifeBox entstanden ist, ist inzwischen längst vorbei. Deval und Rohit haben ihren Abschluss. Trotzdem wollen sie so lange an der Uni bleiben, bis die LifeBox Sponsoren hat, die die Marktreife finanzieren. Dafür haben sie sogar Jobangebote abgelehnt. Zehn Millionen Rupien brauchen sie laut Professor Ghosal, um das Projekt abzuschließen. Umgerechnet sind das rund 125.000 Euro. "Wir müssen einen Arzt bezahlen, damit er mit uns arbeitet, dann die Drohne selbst. Vielleicht brauchen wir auch zwei, wenn eine kaputtgeht. Ja, mit zehn Millionen Rupien müssten wir hinkommen."

Eine spezielle Box für den Organtransport per Drohne. © NDR Foto: Katha Janssen
AUDIO: Indien: Drohnen transportieren Organe (5 Min)

Erste Schritte sind getan. Das Team hat sich bei Sponsoren beworben, immer mehr Medien werden aufmerksam und bei vielen Ärzten kommt die Idee gut an. Und das beruhigt auch die Familien der Studenten: "Jetzt sind sie endlich glücklich", Die mediale Aufmerksamkeit verschafft uns etwas Zeit. Jetzt glauben sie uns, dass wir hier etwas Sinnvolles, Gutes tun. Sie verstehen jetzt, dass es was bringt. Jetzt lassen sie uns machen, was wir für richtig halten."

Vision: Medizin bezahlbar machen

Und auch für die Zukunft haben die beiden schon Pläne, sagt Rohit: "Wir interessieren uns beide dafür, wie man medizinische Dinge erschwinglicher machen kann. Hier in Indien können sich die Menschen nicht so viel leisten wie in den westlichen Ländern. Hier geht es immer um den Preis. Wir wollen Medizintechnik, die wirklich dringend benötigt wird, so günstig machen, dass sie sich jeder leisten kann."

Weitere Informationen
Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

In der Reihe NDR Info Perspektiven beschäftigen wir uns mit Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 27.09.2018 | 09:20 Uhr

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