Stand: 23.11.2019 20:42 Uhr  - Hamburg Journal

Obdachlose Frauen: Oft unsichtbar in Hamburg

Cheyenne mit ihren Hunden unter der Brücke in Hamburg, unter der sie schläft.

Von fünf Obdachlosen in Hamburg ist gerade einmal eine weiblich, schätzt die Sozialbehörde. Initiativen halten dagegen: Das Dunkelfeld weiblicher Obdachlosigkeit sei riesig, schließlich machten sich obdachlose Frauen oft "unsichtbar". Gewalt zu erleben sei für viele von ihnen selbstverständlich. Zwei Frauen, ein Einblick.

von Lisa Hentschel

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Cheyenne lebt seit sieben Jahren auf der Straße.

"Als Indianer würde ich sagen: Es ist ein schöner Tag zu sterben." Cheyenne zuckt mit den Schultern. Ihre dunklen Augen sind glasklar. Den Mund verzieht sie zum Lächeln. Nie die Lockerheit verlieren, keine Verletztheit zeigen, das hat sie gelernt. Die 51-Jährige spricht gerade über Momente, in denen sie andere oder sich selbst verteidigt. Ohne nachzudenken drauf. Helfen sollen ihre beiden kleinen Hunde, das klappt nur nicht immer: "Er sitzt schon auf meinem Rucksack, ist da am Fletschen und du sagst: 'Lass mich doch einfach in Ruhe'. Dann rennen die hinter dir her, versuchen, dich anzutatschen. Ich meine, wenn eine Frau Nein sagt, dann ist es Nein." Aus dem Weg geht sie der Gefahr nicht, macht dafür die Nacht zum Tag und sammelt Flaschen, dann ohne weibliche Konkurrenz: "Frauen treffe ich beim Sammeln nicht. Schau dich doch mal um: Hier gibt es so gut wie keine."

Obdachlose Frauen: Wo tauchen sie unter?

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Uta war noch bis vor drei Monaten obdachlos, schlief in der Hamburger Innenstadt.

Eine steht heute an dem Ort in der Hamburger Innenstadt, an dem sie bis vor drei Monaten noch Platte gemacht hat. Die 49-jährige Uta trägt eine weite Jeansjacke, hat ihre Haare bis auf einen Zopf kurz geschoren, lässt die Hände nur selten raus: zum Beispiel dann, wenn sie zur Zigarette greift. Und auch, als sie auf ihren ehemaligen Schlafplatz zeigt, direkt vor einem Sportgeschäft. "Ich habe immer in der Mitte geschlafen, falls mal etwas passiert." Zu viert waren sie unterwegs: sie, ihr damaliger Freund und zwei Kumpels. Nur in einer Nacht im Sommer nicht, da ist Uta auf sich gestellt. "Ich kam von der Toilette zurück, da liegt da wer anderes drin. 'Das ist meiner', habe ich gesagt, ihn verscheucht, und dann kam er doch wieder zurück und hat mich getreten, mitten ins Gesicht."

"Gewalt ist für obdachlose Frauen Alltag"

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Andrea Hniopek von der Hamburger Caritas betont: "Gewalt an obdachlosen Frauen ist Alltag."

Heute ist sie dankbar für den Zwischenfall, sagt Uta. Direkt am nächsten Tag geht es ins Krankenmobil, dann in eine Praxis. Dort trifft sie auf den Straßensozialarbeiter, der ihr einen Platz im Containerprojekt für Frauen der Caritas anbietet. Zehn Plätze gibt es dort. Wird einer frei, ist er sofort wieder weg, betont Andrea Hniopek, Leiterin des Fachbereichs Existenzsicherung der Caritas Hamburg. Hniopek weiß: Wer als obdachlose Frau auf der Straße nicht zurechtkommt, taucht auch bei Männern unter, die ihre Machtposition ausnutzen: "Viele Frauen nutzen Schlafplatzgelegenheiten bei Männern und leisten dafür Haushaltsdienstleistungen oder sexuelle Dienstleistungen. Das zeigt, wie prekär die Situation von obdachlosen Frauen ist." Gewalt auf der Straße sei für weibliche Obdachlose schlicht Alltag: "Sozialarbeiterinnen der Wohnungshilfe gehen davon aus, dass 90 Prozent der Frauen Gewalterfahrungen gemacht haben. Die Frauen, die ich kennengelernt habe, haben eingeräumt, mindestens einmal im Leben vergewaltigt worden zu sein. Für sie ist das normal und selbstverständlich, dass ihnen das passiert."

Aufklärung für weibliche Obdachlose entscheidend

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Das Containerprojekt für obdachlose Frauen bietet zehn Wohnungslosen in Hamburg einen Schlafplatz.

Eine Lösung: Aufklärung leisten und niedrigschwellige Angebote für obdachlose Frauen anbieten, betont Hniopek. Sie unterstützt Uta dabei, einen festen Job zu bekommen. Bis dahin strukturiert Uta ihren Alltag, erhält dreimal die Woche eine Aufwandsentschädigung für Garten-, Reinigungs- und Holzarbeit. Auch eine Wohnung soll her. Zehn Besichtigungen hatte Uta bereits, bisher nur Absagen. Aber sie gibt nicht auf. Schließlich hat ihre jüngste Tochter ihr versichert, sie wiedersehen zu wollen. "Ich möchte sie so gerne wieder alle an einem Tisch haben. Dass mich meine Kinder besuchen kommen, das wäre das Größte für mich."

Und Cheyenne? Der steht ihre siebte "Saison" bevor, wie sie sagt, und meint damit den Winter auf der Straße. Das Winternotprogramm nutzt sie nicht. Hunde sind dort schließlich tabu. "Lieber erfriere ich", sagt sie.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.11.2019 | 19:30 Uhr

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