Stand: 01.06.2016 10:40 Uhr

Moscheen: "Raus aus dem Hinterhof - nur wie?"

"In manche Hamburger Moschee trau' ich mich selbst als Moslem nicht 'rein": Daniel Abdin, Vorsitzender der Hamburger Al-Nour-Gemeinde, lacht. Doch eigentlich findet er den aktuellen Zustand vieler islamischer Gotteshäuser in Hamburg alles andere als witzig. Ein Großteil der etwa 50 Moscheen ist wenig einladend in düsteren Hinterhöfen, Hochhäusern oder Garagen untergebracht. "Würdelos", meint Abdin. Die Mitglieder seiner Gemeinde beten derzeit in einer ehemaligen Tiefgarage im Stadtteil St. Georg und weichen zum Teil sogar auf die Straße aus. "Wir sind beim Freitagsgebet mittlerweile so viele, dass wir in zwei Schichten beten", beschreibt Abdin die Situation. In den vergangenen Jahren sei seine Gemeinde auf mittlerweile etwa 2.500 Mitglieder gewachsen. Zum einen wegen der vielen muslimischen Flüchtlinge, zum anderen "weil wir einen sehr liberalen Islam vertreten". Menschen aus 30 Nationen versammeln sich seinen Angaben zufolge wöchentlich zum Gebet im Parkhaus.

"Moscheen müssen transparenter werden"

Wie schwierig es für die islamischen Gemeinden in Hamburg ist, geeignete Orte zum Beten zu finden und zu finanzieren, zeigt das Beispiel Al-Nour. Acht Jahre lang habe sich der Vorstand vergeblich nach Alternativen zum Parkhaus umgeschaut, berichtet Abdin. "Dabei ist es so wichtig, dass unsere Moscheen transparenter werden", sagt er mit Nachdruck. Das Unbehagen mancher Nicht-Muslime gegenüber den Islam-Gläubigen rührt seines Erachtens auch daher, dass die Orte, an denen sich die Menschen zum Gebet versammeln, häufig abgelegen und in tristem Ambiente angesiedelt sind. "Das wird von vielen leider gleich mit Extremismus oder Terrorismus verknüpft", bedauert der 52-Jährige.

Skepsis bei Umbau ehemaliger Kirche

Die Al-Nour-Gemeinde hatte Glück: 2012 ergab sich die Möglichkeit, das Gebäude der ehemaligen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn von einem Investor zu kaufen. Angesichts des Umbaus eines ehemals christlichen Gotteshauses zur Moschee meldeten sich viele skeptische Stimmen. So sprach der ehemalige Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen von einem "Dammbruch". Der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannte den Verkauf ein "Missgeschick".

Vision eines interreligiösen Zentrums

Mittlerweile sind die Wogen weitgehend geglättet, was auch an Abdins Engagement liegen dürfte. "Die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee muss eine Ausnahme bleiben", betont der gebürtige Libanese, nach dessen Vorstellung die ehemalige Kapernaumkirche zu einer interreligiösen Begegnungsstätte werden soll. Regelmäßig lädt die Al-Nour-Gemeinde zu Informationsveranstaltungen auf die Baustelle ein. Ihre Mitglieder beteiligen sich an lokalen Veranstaltungen wie dem Horner Stadtteilfest, um mit den Menschen aus der Umgebung ins Gespräch zu kommen.

Projekt weit teurer als gedacht

Bild vergrößern
"Sieht doch schon ganz gut aus": Nachbar Jens Jarmuth kommt gern auf die Moschee-Baustelle und unterhält sich mit dem Vorsitzenden der Al-Nour-Gemeinde, Daniel Abdin.

Nachbar Jens Jarmuth schaut jedenfalls gern auf der Baustelle vorbei, auf die an diesem Abend die Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hat. "Na, das sieht doch schon gut aus", sagt der 83-Jährige zu Abdin und blickt auf die weiße Wandverkleidung, die die verwitterten Backsteinmauern im Inneren des Gebäudes mittlerweile verdeckt. "Danke", erwidert Abdin und seufzt, "aber leider gibt es noch sehr viel zu tun."

Der Umbau ist weit teurer als anfangs gedacht. Erst im Zuge der Arbeiten sei klar geworden, wie marode das Gebäude wirklich ist, sagt Abdin. Kürzlich habe die Gemeinde erfahren, dass allein die Sanierung des denkmalgeschützten Turms 630.000 Euro kosten wird. Zwar hat der Staat Kuwait die Hamburger bereits mit 1,1 Millionen Euro unterstützt, dennoch fehle noch eine hohe Summe, um das allein aus Spenden finanzierte Projekt abzuschließen. Entsprechend ist die Eröffnung der Al-Nour-Moschee bereits mehrfach verschoben worden, einen neuen Termin mag Abdin derzeit nicht nennen. "Wir sind so etwas wie eine Mini-Elbphilharmonie", nimmt er den Rückschlag mit Humor.

"Stadt hat das Thema über Jahre versäumt"

Für Architekt Joachim Reinig ist die Kostensteigerung keine Überraschung. "Bei alten Gebäuden ist so etwas nicht ungewöhnlich", sagt er. Reinig ist an diesem Abend als Experte geladen. Er hat bereits vor drei Jahren für die Stadt Hamburg eine umfangreiche Studie zur Situation der Hamburger Moscheen erstellt. "Geändert hat sich seither kaum etwas, es wird dringend Zeit, dass sich etwas tut", resümiert er. Im Stadtbild sichtbare Moscheen seien wichtig, damit sich die Muslime in ihrem Glauben als Teil der Gesellschaft akzeptiert fühlten. Dies sei auch ein Weg, um Parallelgesellschaften vorzubeugen.

Grünen-Politikerin für Vorschlag wild beschimpft

Bild vergrößern
Grünen-Politikerin Stefanie von Berg, hier im Gespräch mit Daniel Abdin, hält einen städtebaulichen Moschee-Entwicklungsplan für dringend notwendig.

Einen Moschee-Entwicklungsplan hält auch die religionspolitische Sprecherin der Hamburger Grünen, Stefanie von Berg, für dringend notwendig. Derartiges habe die Stadt jahrzehntelang versäumt, sagt sie bei der Veranstaltung. Wie schwierig ein sachlicher Umgang mit diesem Thema allerdings ist, zeigen Reaktionen auf einen Tweet, den von Berg im Anschluss an die Diskussionsrunde bei Twitter absetzte. Für ihre Forderung nach einer "Planung für Hamburg zum Bau von Moscheen" wurde sie von vielen Nutzern des sozialen Netzwerks wild beschimpft. "Ich habe den Eindruck, dass das Wort 'Moschee' bereits ausreicht, um einige Rassisten auf den Plan zu rufen, die wieder vor der Islamisierung des Abendlandes warnen", sagt von Berg im Gespräch mit NDR.de. Glücklicherweise hätten sich aber viele Nutzer dem Shitstorm entgegengestellt.

"Generelles Misstrauen ist nicht angebracht"

Natürlich gebe es auch Moscheevereine, bei denen der Verfassungsschutz genauer hinschauen müsse, betont von Berg. "Selbstverständlich dürfen wir nicht naiv sein und denken, wir haben uns alle lieb und sind Brüder und Schwestern im Geiste." Ihrer Ansicht nach ist religiöser Fanatismus aber ein Problem, das in vielen Religionsgemeinschaften vorkommen kann. "Ich denke da zum Beispiel an manche Freikirchen." Daher sei ein genereller Misstrauensverdacht gegenüber allen muslimischen Gemeinden falsch und nicht angebracht. "So etwas schürt nur weiter Vorurteile und Ängste."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.10.2016 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:36

Verkehrschaos nach Rohrbruch in Amsinckstraße

25.07.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
05:30

Vorwürfe gegen Hamburger Feuerwehr

25.07.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:01

HSV: Zwischen Aufbruch und Neuanfang

25.07.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal