Stand: 12.05.2020 06:29 Uhr

Homeschooling: Eltern an der Belastungsgrenze

Der Familien-Esstisch ist weiterhin ein improvisiertes Klassenzimmer. Für Sylvia Wehde sind es nun mehr als zwei Monate, in denen sie die Schulaufgaben ihrer drei Söhne im Alter von 10n bis 16 Jahren zu Hause im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel betreut. Ihr Mann Jeff ist vor eineinhalb Jahren an Krebs gestorben. Seitdem ist die Sachbearbeiterin zu Hause und kümmert sich um die Kinder. "Man kommt an die Belastungsgrenze. Wenn ich morgens nicht aufstehe, dann steht auch keiner auf. Letztendlich muss ich schon ziemlich antreiben", sagt Sylvia Wehde.

Die Luft ist raus

Bereits Anfang April hatte das NDR Hamburg Journal die Familie besucht. "Es wird immer schwerer die Jungs zu motivieren. Das fällt mir schon auf. Die Luft ist so ein bisschen raus", sagt Wehde. Komisch findet das alles auch ihr zehnjähriger Sohn Keanu: "Ich kann nicht mehr so richtig raus an die frische Luft, weil ich eigentlich nur lernen muss. Und es ein bisschen langweilig wird über die Monate."

Schlechte Laune

EIne Familie sitzt an einem Tisch. © NDR Foto: NDR
Unterricht, Hausaufgabenbetreuung, Lernen: Bei den Wehdes findet alles am Esstisch statt.

Ihr 14-jähriger Sohn Jonah besucht das Gymnasium. Heute macht er die Schulaufgaben in seinem Zimmer und möchte nicht gestört werden. "Jonah ist unheimlich im Stress momentan, Der hat unglaublich viel zu arbeiten. Da werden die Aufgaben auch immer mehr", sagt Wehde. "Die Kinder haben auch manchmal ziemlich schlechte Laune." Die Belastung sei auch für die Kinder da. "Es wird einfach vorausgesetzt, dass man Zuhause so gut arbeiten kann wie in der Schule und das ist eben nicht der Fall."

Initiative für gestresste Eltern

Foto eines Bildschirms auf dem "Eltern in der Krise" steht. © NDR Foto: NDR
Sie sind nicht allein: Mehr als 10.000 Eltern haben sich der Initiative #elterninderkrise angeschlossen.

Die vergangenen Wochen haben auch Juliane Broß viel Kraft gekostet. Die 36-Jährige leitet als Selbstständige eine PR-Agentur und kümmert sich um ihre fünfjährige Tochter. Auf Facebook hat sie eine Eltern-Initiative mit ins Leben gerufen: #elterninderkrise. Mittlerweile haben sich deutschlandweit mehr als 10.000 Mitglieder angeschlossen. "Es wird überhaupt nicht gesehen, was Familien, was Eltern aktuell leisten", sagt Broß, "und ich fühle mich definitiv nach acht Wochen absolut überlastet und werde auch keiner Partei mehr gerecht. Meinem Kind nicht und das ist ehrlicherweise das Schlimmste".

Eine kleine Entlastung

Etwas Entlastung gab es für Broß bereits. Als Alleinerziehende kann ihre fünfjährige Tochter in die Kita-Notbetreuung. Kommende Woche sollen die Kitas dann auch für alle Fünf- bis Sechsjährigen geöffnet werden. "Die Eltern mit kleineren Kindern haben ja noch überhaupt keine Perspektive. Wenn es schlecht läuft geht das noch bis August, oder vielleicht auch noch länger." Wenn sie in die Zukunft blicke, bekomme sie schon graue Haare, sagt sie.

Trotz der Lockerungen in Schulen und Kitas: Für viele Eltern ist jeder Tag eine weitere Kraftprobe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 11.05.2020 | 19:30 Uhr

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