Stand: 10.07.2016 10:38 Uhr

Hamburgs Bombensucher: Noch 100 Jahre Arbeit

von Lisa Simonis
Zwei Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg liegen nach einer Entschärfung bereit zum Abtransport. © Feuerwehr Belm/Hendrik Seeger Foto: Hendrik Seeger
Allein 2015 mussten in Hamburg 3,8 Tonnen Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen werden.

Wie tiefe Stachel stecken sie in der Erde - Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Von der Kleingartenkolonie bis zum Villenviertel, von Blankenese bis Wilhelmsburg: Auch über 70 Jahre nach Kriegsende schlummern noch rund 3.000 Bomben unter dem gesamten Hamburger Stadtgebiet. Und teilweise sind die Blindgänger tickende Zeitbomben, denn mit den Jahren werden sie immer zündfreudiger. Sie aus der Luft aufzuspüren, das ist die Aufgabe von Thomas Otto und seinem 37-köpfigen Team von der Gefahrenerkundung / Kampfmittelverdacht (GEKV) der Feuerwehr Hamburg. Im Zentrum stehen 28.000 historische Luftbilder – und eine unvorstellbar kleinteilige und mühsame Detektivarbeit.

37 Mitarbeiter haben nur ein Ziel: versteckte Blindgänger zu finden

Oliver Koeser-Unruh wertet die Luftbilder an einem Stereoskopie-Monitor aus.  Foto: Lisa Simonis
Ein Stereoskopie-Monitor erzeugt aus den zweidimensionalen Luftbildern eine dreidimensionale Aufnahme.

Maximal acht Stunden darf Auswerter Oliver Köser-Unruh an seinem Stereoskopie-Bildschirm arbeiten. Pro Stunde muss er eine Zwangspause einlegen. Sein Job geht auf die Augen. Drei Monitore bilden seinen Arbeitsplatz: links die Luftbildlisten, in der Mitte das Flächeninformationssystem - sozusagen ein Stadtplan von Hamburg – und rechts die dazu passenden historischen Luftaufnahmen, die aus Beständen der Royal Air Force und der US Air Force stammen.

Historische Fotos sind wichtigste Quelle

Die Fotos wurden während der Kriegsjahre von englischen und amerikanischen Aufklärungsflugzeugen geschossen, meist am Tag nach einer Bombardierung. "Die wollten wissen, wo nicht getroffen wurde und wo sie nochmal hin müssen", erklärt Referatsleiter Thomas Otto den eigentlichen Grund für die Luftaufnahmen. Ab den 1960er Jahren stellten die Streitkräfte dann nach und nach das Bildmaterial den deutschen Behörden zur Verfügung.

Die akribische Suche nach Bombenkratern

Für die Bombensucher aus Rothenburgsort sind die historischen Fotos das wichtigste Quellenmaterial. Fast jeder Straßenzug, beinahe jede Zerstörung und am wichtigsten - die tiefen Bombenkrater - sind auf den Schwarz-Weiß-Fotos dokumentiert. "Die Bilder überlappen sich, das heißt, wenn man sie mithilfe einer Software übereinander legt, entsteht ein 3D-Bild", erläutert Thomas Otto die stereoskopische Luftbildauswertung.

Auf einem Bildschirm ist eine Karte mit roten Bombenverdachtspunkten zu sehen.  Foto: Lisa Simonis
Blindgängereinschläge werden als roter Punkt markiert, Bombeneinschläge als roter Kreis mit Kreuz, gelb sind alte Flak-Stellungen oder Rüstungsbetriebe.

"Ich suche jetzt Löcher von zwei Metern Durchmesser, also Krater, die vermutlich Blindgänger-Einschläge sein können", beschreibt Oliver Köser-Unruh seine Arbeit. Zentimeter für Zentimeter kontrolliert er das Luftbild. Er und seine Kollegen widmen sich vor allem den großen Blindgängern, denn nur Einschläge von Bomben ab 100 Pfund aufwärts sind auf den Luftbildern zu erkennen. Findet Oliver Köser-Unruh einen Krater, markiert er ihn mit einem roten Kreis als Verdachtspunkt. Diese Information wird dann im so genannten Verdachtsflächenkataster gespeichert. Ein Drittel von Hamburg ist bereits auf diese Weise erfasst. Auch das Heiligengeistfeld in St. Pauli ist eine solche Verdachtsfläche, denn "von oben sieht es aus wie ein Schweizer Käse", sagt Thomas Otto.

"Sobald du einen Spaten in den Boden stichst, musst du eigentlich mit Kampfmitteln rechnen."

Referatsleiter Thomas Otto und Mitarbeiter Alexander Maiwald bei der Arbeit.  Foto: Lisa Simonis
Referatsleiter Thomas Otto und sein Mitarbeiter Alexander Maiwald analysieren ein Luftbild.

Aber auch andere Informationen werden im Verdachtsflächenkataster registriert. Entdecken die Auswerter alte Flak-Stellungen oder Rüstungsbetriebe, werden diese Gebiete sofort als Munitions-Verdachtsflächen gekennzeichnet. "Man hatte Hamburg zur Festung ausbauen wollen und war wahnsinnig aufgerüstet", erläutert Thomas Otto die Situation während der Kriegsjahre. "Als die Alliierten dann einmarschierten, warf man alles, was man an Verteidigungs-Munition hatte, ins Wasser oder verbuddelte es. Und genau das findet man dann heute bei der Gartenarbeit. Verklumpte Granaten, kleine Munition".

Was tun beim Fund von Kampfmitteln?

Wer Granaten, Munition, Munitionsteile, Waffen, Waffenteile oder gar eine Bombe findet, sollte höchste Vorsicht walten lassen:

  • Die Fundstücke auf keinen Fall anfassen!
  • Sofort die Feuerwehr oder Polizei verständigen (112/110)
  • Die Fundstelle absperren

Gerade diese Kleinmunition, die sehr dicht unter der Oberfläche liegt, ist gefährlich. "Sobald du einen Spaten in den Boden stichst, musst du eigentlich mit Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg rechnen", warnt Thomas Otto, der bereits seit 26 Jahren bei der Gefahrenerkundung der Hamburger Feuerwehr arbeitet. Und er übertreibt nicht: Allein 2015 hat der Kampfmittelräumdienst vier Tonnen Kampfmittel beseitigt, darunter elf große Sprengbomben, 133 Granaten und 53 Kilogramm Munition.

Und wozu das alles? Die Kampfmittelfrage

Jeder, der in Hamburg einen Bauantrag stellt, ist gesetzlich dazu verpflichtet, von der Feuerwehr Hamburg die "Kampfmittelbelastung" des Grundstücks prüfen zu lassen. Vorher darf niemand baggern geschweige denn bauen. Läuft ein Antrag ein, sind Thomas Otto und sein Team gefragt: Sie durchforsten dann ihre Datenbanken und das Verdachtsflächenkataster, erfassen weitere Luftbilder, recherchieren in Archiven. Liegt ein Grundstück tatsächlich auf einer Verdachtsfläche, muss der Grundstückseigentümer den Kampfmittelräumdienst bestellen; auf eigene Kosten.

Ungefährliche Detektivarbeit – mit großer Sprengkraft

Bombenbuch aus dem Zweiten Weltkrieg.  Foto: Lisa Simonis
Während der Kriegsjahre wurden der Feuerschutzpolizei in sogenannten Bombenbüchern die Bombeneinschläge gemeldet.

Neben den Luftbildern nutzen die Mitarbeiter der Gefahrenerkundung auch andere historische Quellen: Bombenbücher. In diesen über 70 Jahre alten, in blaues Leinen gebundenen Wälzern hat die Feuerschutzpolizei während des Zweiten Weltkriegs Bombeneinschläge notiert. "Da steht dann auch schon mal drin: Bombe bei Bauer Hingst im Hühnerstall eingeschlagen", erzählt Thomas Otto. Aber mit den meisten Hinweisen dieser Bombenbücher könne die Gefahrenerkundung sehr gut arbeiten. Zusätzlich wertet das Referat noch 10.000 historische Straßenfotos aus dem Staatsarchiv aus. Auch alte Angriffsberichte dienen zur Gefahreneinschätzung eines Grundstücks. Seit 1940 wurden 11.100 große Sprengbomben in Hamburg geborgen. Rund 3.000 Bomben müssten sich laut Thomas Otto noch im Hamburger Boden verstecken - zumindest sei das die offizielle Zahl.

Noch 100 Jahre Arbeit

Referatsleiter Thomas Otto von der Feuerwehr Hamburg.  Foto: Lisa Simonis
Referatsleiter Thomas Otto von der Feuerwehr Hamburg arbeitet seit 26 Jahren bei der Gefahrenerkundung.

Thomas Otto ist auf die umfassende Rechercheleistung seines Teams stolz. Seit 1990 leitet der gelernte Vermessungstechniker das Referat für Gefahrenerkundung bei der Hamburger Feuerwehr. Als er anfing, waren sie noch zu dritt, brauchten 26 Wochen für die Bearbeitung eines Antrags. Heute benötigen sie nur noch wenige Tage. Thomas Otto hat sein Referat seiner Aussage zufolge zur größten Luftbildauswertungsstelle Deutschlands ausgebaut. Die Leidenschaft für seinen Beruf merkt man dem 50-Jährigen jede Minute an, auch wenn er weiß, dass ihm eigentlich noch 100 Jahre Arbeit bevorstehen. "Es gibt in Hamburg keine Fläche, die nicht belastet ist", betont Thomas Otto. "Aber jede Bombe ist zu viel. Das Zeug muss weg!"

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.01.2017 | 19:30 Uhr

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