Stand: 19.12.2018 12:51 Uhr

Hamburger lockt türkische Arbeiter

von Karaman Yavuz und Peter Hornung
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Viele Mikrofone, bunte Kulisse: In einer aufwendigen Pressekonferenz verspricht der Hamburger Unternehmer Osman Taş, 2019 bis zu 10.000 Türken nach Deutschland zu holen.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den Entwurf für das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz beschlossen. Das Ziel: Künftig sollen nicht nur Akademiker aus Nicht-EU-Ländern zum Arbeiten nach Deutschland kommen können, sondern auch Facharbeiter. Dieses Gesetz nahm nun ein Hamburger Unternehmer zum Anlass, vollmundige Versprechungen in den türkischen Medien abzugeben.

Deutschland habe erklärt, heißt es im Staatssender TRT, neue Arbeitskräfte aus dem Ausland holen zu wollen. Und die würden nun auch in der Türkei gesucht. Das Gesicht dieser Kampagne in der Türkei ist ein Hamburger, der Deutschtürke Osman Taş. Demnächst werde in Deutschland ein Gesetz verabschiedet, so Taş im Fernsehinterview, das es ermögliche, Arbeitskräfte von außerhalb der EU nach Deutschland zu holen: "Wir sind gekommen, um Arbeitskräfte hier aus der Türkei nach Deutschland zu bringen."

Bis zu 10.000 Arbeitnehmer sollen allein 2019 kommen

Der 42-Jährige vertritt nach eigenen Angaben die deutsch-türkische Firmengruppe OBM mit Sitz in Hamburg. In zahlreichen Interviews mit landesweiten Zeitungen und Fernsehsendern weckt er große Hoffnungen. So spricht er davon, 2019 fünf- bis zehntausend Arbeitnehmer nach Deutschland vermitteln zu wollen. "Eigentlich möchte ich noch mehr holen", sagt Taş, "aber ich gehe davon aus, dass das Konsulat nicht ausreichend Personal hat und die Bearbeitung der Visa lange dauern wird."

Pflegekräfte, Lastwagenfahrer, Bodenpersonal für Flughäfen - in Deutschland würden viele gebraucht. Und das geplante Arbeitskräfteeinwanderungsgesetz soll es ermöglichen, dass sie kommen können. Es lockten attraktive Gehälter, sagte Taş in einem Fernsehinterview - und nennt Beträge, die deutlich über den tatsächlichen Einstiegsgehältern der jeweiligen Branchen liegen. Seine Firma suche eigentlich Fachpersonal, aber auch Ungelernte seien willkommen, sagt Taş: "Unsere Bedingungen sind: ein Führungszeugnis und ein ärztliches Attest. Den Rest erledigen wir."

Stellenanzeige für eine Fachkraft © picture alliance/chromorange Foto: Christian Ohde

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Riesige Resonanz - falsche Hoffnung

Große Versprechungen, und die Resonanz war entsprechend. Die Telefonleitungen der OBM-Büros in Ankara, Antalya und Istanbul waren zeitweise völlig überlastet. Anrufer erhalten die Auskunft, dass es 400.000 Bewerbungen für die Arbeit in Deutschland gebe. Doch es bleiben viele Fragezeichen. Ist das neue Gesetz tatsächlich geeignet, so viele Arbeitskräfte hierher zu holen - und auch noch Ungelernte? Der auf Arbeits- und Ausländerrecht spezialisierte Hamburger Rechtsanwalt Mahmut Erdem ist sehr skeptisch: "Das ist nicht realistisch. Es wird eine falsche Hoffnung geweckt."

Das neue Gesetz gebe das gar nicht her, sagt Erdem. Die Bundesagentur für Arbeit will sich zu dem Fall nicht äußern. Doch aus Kreisen der Arbeitsverwaltung heißt es: Was OBM verspreche, könne die Firma sicher nicht halten - gerade mit Blick auf die genannten Berufsgruppen. Auch die Deutsche Botschaft in Ankara hat sich auf ihrer Internetseite bereits von OBM distanziert: "Absprachen zwischen dem Unternehmen OBM und der Bundesregierung über die Rekrutierung türkischer Fachkräfte existieren nicht. Auch hat die Bundesregierung mit der türkischen Regierung kein spezielles Anwerbeprogramm für die in der Presseberichterstattung genannten Berufsgruppen zwecks Arbeitsaufnahme in Deutschland abgeschlossen."

Mehrere Merkwürdigkeiten

Nach NDR Recherchen gibt es ohnehin einige Merkwürdigkeiten bei OBM. Osman Taş, der in türkischen Medien behauptet, Chef von OBM Deutschland zu sein, ist nach deutschem Handelsregister weder Geschäftsführer noch Gesellschafter. Auch auf den Internetseiten der deutschen OBM-Firmen taucht er nicht auf. Warum das so ist? Diese und weitere Fragen des NDR haben Taş und die OBM nicht beantwortet. Ist das Ganze also nur eine Luftnummer? Gut möglich. Aber vielleicht gehe es dem Hamburger Unternehmer auch nur darum, in der Türkei bekannt zu werden, vermutet Rechtsanwalt Erdem, um künftig geschäftlich einen Vorteil zu haben. Sollte das so sein, dann ist dies Taş gelungen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 19.12.2018 | 06:00 Uhr

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