Große Trauer nach dem Tod von Esther Bejarano

Stand: 11.07.2021 16:19 Uhr

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano ist am Sonnabend im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Bundesweit wurde ihr politisches Engagement gegen rechts gewürdigt.

Das Auschwitz-Komitee hat Bejarano am Sonntag am Platz der Bücherverbrennung in Hamburg gedacht. Freunde und Bekannte legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf. Nach der Nachricht ihres Todes am Sonnabend gab es zahlreiche Würdigungen durch Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft und der Politik.

Tschentscher: Bejarano "eine außergewöhnliche Bürgerin"

"Mit dem Tod von Esther Bejarano verliert Hamburg eine außergewöhnliche Bürgerin, die sich bis ins hohe Alter für das Gemeinwohl engagierte", sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) laut einer Mitteilung am Sonnabend. Die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) erklärte: "Hamburg und Deutschland haben einen ganz besonderen Menschen verloren. Darüber bin ich sehr traurig." Bejarano habe wie kaum jemand an die Gräuel der NS-Verbrechen erinnert und jahrzehntelang Menschen aller Altersgruppen für dieses Thema wachgerüttelt. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme schrieb auf Twitter: "Eine engagierte, eine wichtige und laute Stimme gegen rechts ist verstummt."

Musikerin und Auschwitz-Überlebende

Bejarano hatte das NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt, weil sie dort im Mädchenorchester spielte. Später gründete sie das Auschwitz-Komitee in Deutschland. Bis ins hohe Alter engagierte sie sich gegen das Vergessen und gegen Rechtsextremismus. Hierfür besuchte sie auch zahlreiche Schulen und erzählte Kindern und Jugendlichen von ihrem Leben.

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Brosda: "Ihr Kampf gegen rechts bleibt uns Auftrag"

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda erklärte auf Twitter: "Es war ein Geschenk, diese große Frau zu kennen. Ihr Kampf gegen rechts bleibt uns Auftrag." Bejarano habe "die Erinnerungskultur unseres Landes geprägt wie kaum eine zweite Persönlichkeit", erklärte er. Sie habe als Künstlerin und Aktivistin ein Leben lang an die Shoah erinnert und diese Arbeit mit dem Kampf gegen Hass, Diskriminierung und rechte Gewalt verbunden.

Die Justizsenatorin der Hansestadt, Anna Gallina (Grüne), twitterte: "Ihre Stimme hatte Gewicht und sie wird fehlen. Es ist an uns, das Erlebte, das Erzählte von Menschen wie Esther Bejarano weiterzutragen, zu erinnern und für die Zukunft nie zu vergessen."

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Linken-Fraktion: Bejarano war "Kämpferin gegen Faschismus"

Die Linken-Fraktion der Hamburgischen Bürgerschaft bezeichnete Bejarano als "eine unermüdliche Kämpferin gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus". "Sie hat uns über viele Jahre inspiriert, angespornt und ermutigt - ob es darum ging, Nazis auf der Straße entgegenzutreten, die Aufklärung der NSU-Morde einzufordern oder im Parlament für antifaschistische Politik zu streiten", sagte die Fraktionsvorsitzende Sabine Boeddinghaus.

"Bis zuletzt warnte sie vor der Rechtsentwicklung und dem Wiedererstarken des Nazismus. Unendlich traurig", hieß es von der Hamburger Linken-Politikerin Christiane Schneider.

Bürgerschaftspräsidentin Veit würdigte Bejarano

Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit würdigte Bejarano als "eine bewundernswerte, beeindruckende Persönlichkeit mit einer starken klaren Haltung". Sie habe sich niemals den Mut nehmen lassen, mit der Macht der Worte und der Musik gegen Unterdrückung und Diktatur anzugehen. "Ihre Botschaften gegen das Vergessen und für den Frieden werden bleiben, sie sind eine immerwährende Aufgabe, der wir uns voller Überzeugung gemeinsam stellen."

Würdigung durch den Bundespräsidenten

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) kondolierte den beiden Kindern Bejaranos. "Wir verlieren mit ihr eine mutige Persönlichkeit, die sich bis zuletzt für die Verfolgten des Naziregimes eingesetzt hat", schrieb er. Es sei der Verstorbenen eine innere Verpflichtung gewesen, die Erinnerung an die Gräueltaten des Naziregimes wachzuhalten. Steinmeier erinnerte auch an Bejaranos Auftritte als Sängerin. "Wer sie je in ihrem musikalischen Element erlebt hat, wird sich immer daran erinnern: So mitreißend war sie!"

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: "Heute Nacht ist eine wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus von uns gegangen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 10.07.2021 | 13:00 Uhr

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