Stand: 09.10.2018 18:20 Uhr

Erdogans Männer aus Hamburg

von Philipp Hennig, Jan Lukas Strozyk und Philipp Eckstein

Nuri Harmankaya sitzt in einem Handy-Geschäft in Hamburg-Lurup hinter der Theke und schaut auf seinen Computer-Bildschirm. Der Laden fällt nicht besonders auf: Außen prangt bunte Reklame für günstige Handytarife, im Inneren des kleinen Raums repariert Harmankaya gebrochene Displays und bietet Handy-Hüllen feil. Harmankaya: ein Handy-Verkäufer, wie es Dutzende in Hamburg gibt.

Nuri Harmankaya © NDR Foto: Screenshot

Erdogans Männer aus Hamburg

Panorama 3 -

Bei Deutschland-Besuchen des türkischen Präsidenten Erdogan agiert ein Hamburger Türke als Sicherheitsmann. Wer ihn und seine Männer engagiert, ist unklar.

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Sicherheitsmann für Präsident Erdogan in Deutschland

Einen ganz anderen Menschen zeigen allerdings die Bilder, die der 41-Jährige nicht ohne Stolz auf seinem Computer präsentiert: Harmankaya im feinen Anzug mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und auf der Treppe der Regierungsmaschine der Türkei am Hamburger Flughafen während des G20-Gipfels, Harmankaya als Sicherheitsmann mit Sonnenbrille bei der Eröffnung der Moschee in Köln-Ehrenfeld vor gut einer Woche.

Harmankaya: "Von AKP und Konsulat beauftragt"

Der Türkische Präsident Erdogan bei einer Veranstaltung in Köln. © DPA Picture Alliance Foto: Kayhan Ozer

"Sicherheitscrew" für Erdogan aus Deutschland?

NDR Info - Aktuell -

Beim Erdogan-Besuch in Köln gaben sich mehrere Männer als Sicherheitsmitarbeiter aus, sperrten sogar eine Straße mit Polizeiband ab. Wer sind sie? Wer beauftragte sie?

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Der Mann aus Lurup ist nach eigener Aussage der Kopf einer Gruppe mit dem Namen "Team Yörükoglu Europa", einem losen Verbund von in Deutschland lebenden Türken. Die, so behauptet es Harmankaya selbst, würden immer wieder beauftragt, die Sicherheitsinteressen des Präsidenten in Deutschland zu vertreten - zum Beispiel als Wahlbeobachter bei der Parlamentswahl im Juni. Er sagt, mal sei es die AKP, die ihn beauftrage, mal laufe es über das Konsulat. Die AKP erklärt auf Anfrage nur, dass sie in Deutschland gar keine Vertreter habe. Die Frage nach der Beauftragung beantwortete die Partei nicht. Das Konsulat beantwortet konkrete Fragen zu der Gruppe nicht, sagt lediglich, dass für die Sicherheit beim G20-Gipfel die deutschen Behörden verantwortlich gewesen seien.

Eklat mit der Polizei in Köln

Zuletzt war die Gruppe "Yörükoglu" bei Erdogans Besuch in Köln im Einsatz. Harmankaya und seine Truppe hatten die Straße vor der Moschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld mit Flatterband der Polizei abgesperrt und damit einen kleinen Skandal ausgelöst: Ein Einsatzleiter der Kölner Polizei kritisierte danach in der "Bild"-Zeitung, dass türkische Sicherheitskräfte in Deutschland keine hoheitlichen Aufgaben übernehmen dürften. Harmankaya versteht die Aufregung nicht. "Das war eine direkte Zusammenarbeit mit der Polizei. Wir wollten gerne unserer Polizei helfen." Er und seine Männer hätten für einen deutsch-türkischen Austausch, auch mit der Polizei, werben wollen, "ehrenamtlich". Auf Anfrage des NDR äußert sich die Kölner Polizei mittlerweile zurückhaltender. Es sei unklar, ob es in der konkreten Situation eine spontane Zusammenarbeit gegeben habe, ausschließen könne man das nicht.

Ohne Akkreditierung in geschütztem Bereich am Hamburger Flughafen

Aus 30 bis 40 Erdogan-Getreuen besteht die "Yörükoglu"-Gruppe. Im Notfall könne Harmankaya auch 300 Leute aktivieren, behauptet er. Rund 100 seien es beim G20-Gipfel vor eineinhalb Jahren in Hamburg gewesen. Harmankaya und seine Männer schossen damals sogar ein Erinnerungsfoto in einem besonders geschützten Bereich am Hamburger Flughafen. Sie stehen vor Erdogans Präsidenten-Maschine auf dem Rollfeld, tragen Anzüge und Sonnenbrillen, einer von ihnen zeigt den Gruß der islamistischen Muslim-Brüder. Wie die Männer dorthin gelangen konnten, ist unklar: Das Bundeskriminalamt, zuständig für die Akkreditierungen beim G20-Treffen, erklärte lediglich, für Harmankaya habe man keine Akkreditierung ausgegeben. Die Frage, wie die Gruppe auf das Rollfeld gelangte, ließ die Behörde unbeantwortet.

Martialische Sprüche auf Facebook

Harmankaya nennt sich selbst auf Facebook einen "Soldaten Erdogans". Er postet martialische Bilder in Kampfkleidung und schreibt: "Wer unseren Anführer unglücklich macht, den machen wir unglücklich." In einem Video, aufgenommen in der Kölner Innenstadt, sagt ein Mitglied der Gruppe, er sei "bereit für sein Vaterland zu sterben".

Vorbestraft wegen unerlaubten Waffenbesitzes

Auf zahlreichen Bildern sind Harmankaya und seine Männer beim Zeigen des Grußes der Muslim-Brüder oder der "Grauen Wölfe" zu sehen. Die "Grauen Wölfe" werden vom Hamburger Verfassungsschutz beobachtet und gelten als türkische Rechtsradikale. Harmankaya ist zudem seit Juni 2017 wegen unerlaubten Waffenbesitzes vorbestraft. Die Polizei fand bei ihm eine halbautomatische Kurzwaffe und Munition. Eine Erlaubnis konnte er nicht vorweisen. Das belegen Recherchen des NDR. Im Gespräch versucht er, den Vorgang herunterzuspielen: Die Waffe sei sehr alt gewesen, ein vergessenes Erbstück. Auf Facebook hingegen veröffentlichte er Bilder von einer Pistole und geladenen Magazinen mit dem Hinweis: "Die Nächte bieten für jedes Problem eine Abhilfe." Auf seinem Profil veröffentlichte er zudem Drohungen gegen einen Erdogan-kritischen Comedian.

Deutsche Sicherheitsbehörden äußern sich nicht

Warum Harmankaya trotz der Verurteilung und seiner Nähe zu rechtsradikalen türkischen Nationalisten offenbar Zugang zu besonders geschützten Bereichen bekam, wie im Rahmen des G20-Treffens, oder als Sicherheitsmann anheuern durfte, wie bei der Moschee-Eröffnung in Köln, ist unklar. Deutsche Sicherheitsbehörden wollten sich auf Anfrage zu dem Mann und seiner Truppe nicht äußern. Auch das Bundesinnenministerium schweigt auf Anfrage - ebenso der islamische Verband Ditib, der die Zentralmoschee in Köln betreibt. Das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg teilte mit, dass es die Gruppe nicht beobachtet.

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Die Linken-Politikerin Cansu Özdemir steht Nuri Harmankaya kritisch gegenüber.
"Erstarken des türkischen Nationalismus in Deutschland"

Cansu Özdemir, Linken-Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft, beobachtet ein "Erstarken des türkischen Nationalismus in Deutschland" schon seit Längerem, wie sie im Gespräch mit dem NDR sagte. Gerade Hamburg spiele dabei eine zentrale Rolle für die AKP. Hier gebe es viele Anhänger. Harmankaya sei ihr in der Vergangenheit als jemand aufgefallen, der gute Kontakte zur AKP und den "Grauen Wölfen" pflege und Demonstrationen organisiere.

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