Stand: 16.11.2017 11:46 Uhr

Beten in der Tiefgarage

von Peter Helling

Die sunnitische Al-Nour-Gemeinde in St. Georg wächst: Jeden Freitag sind inzwischen fast 2.500 Gläubige da - so viele, dass sie in Doppelschichten beten müssen, Frauen exklusive. In der Enge würden diese es noch weniger aushalten als die Männer, so der Gemeindevorsitzende Daniel Abdin. Denn: Die Gemeinde betet in einer ehemaligen Tiefgarage. Auch eine Studie, die 2013 islamische Religionsverbände in Auftrag gaben, kam zu dem Ergebnis, dass diese Moschee viel zu klein ist. Der Wunsch an die Stadt lautet: "Wir wollen in Würde beten". Doch passiert ist bislang kaum etwas.

Ein Ort ohne Tageslicht

Der Hauptraum der Moschee ist ein karger Raum mit niedriger Betondecke. Die Sanitäranlagen sind nach den Worten von Daniel Abdin eine Katastrophe. Auch das Neonlicht an der Decke verbessert den Eindruck nicht. Nur der Teppich auf dem Betonboden, die grün gestrichenen Pfeiler und ein Bücherregal mit Koranausgaben unterscheiden den Raum von einer Tiefgarage und sorgen für etwas religiöse Atmosphäre. Sieben junge Libanesen hatten die Tiefgarage vor inzwischen 24 Jahren aufgetan: Sie hatten damals nach einen günstigen Gebetsraum für wesentlich weniger Gläubige gesucht - und diesen hier gefunden. Doch mittlerweile reicht der Platz längst nicht mehr.

Suche nach einer neuen Moschee

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In der Al-Nour-Moschee müssen sich die Gläubigen zu Gebeten oft in Doppelschichten aufteilen - die Gemeinde ist stark angewachsen.

Zwar kann die Gemeinde 2018 eine neue Moschee beziehen. Aber auch die bietet gerade mal Platz für 350 Menschen. Es handelt sich um die ehemalige Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn, die von der Gemeinde erworben werden konnte. Das Problem mit dem Platz  ist also noch nicht gelöst. Solange bleibt auch die Tiefgarage noch in Gebrauch. Trotzdem freut sich Daniel Abdin auf diesen neuen interreligiösen Ort, der offen für alle sein soll, inklusive einer Teeküche. Daniel Abdin ist eine gute Nachbarschaft auch in St. Georg wichtig. Er betont, wie gerne er die Vielfalt des Stadtteils mag. Mit den christlichen Gemeinden pflege die Moschee fast geschwisterliche Beziehungen, schwärmt Abdin. Er ist aber gleichzeitig sicher, dass es für eine echte Anerkennung muslimischen Lebens wichtig ist, sichtbar zu sein. Außerdem sei es wichtig, in Würde beten zu können.

Imam setzt auf Zusammenhalt

Der Imam ist ein freundlicher Herr mit Lesebrille und braunem Bart. Er ist die religiöse Autorität hier. Die Betenden im Raum wirken entspannt und gleichzeitig konzentriert. Auch der Zusammenhalt in dieser Gemeinde ist groß, das ist spürbar. Passend dazu ist das Bild, das der überzeugte Sozialdemokrat und Gemeindevorsitzende Daniel Abdin von unserer Gesellschaft zeichnet: Er vergleicht sie mit einem Brillanten. "Mit jeder neuen Facette gewinnt dieser Brillant an Strahlkraft, jede Facette lässt ihn mehr funkeln", sagt er. Wer genauer hinschaue, könne diese neuen Facetten erkennen. Für Daniel Abdin ist es daher selbstverständlich, dass der Islam längst Teil der deutschen Gesellschaft ist. Doch so lange Tiefgaragen und Hinterhof-Baracken als Moscheen herhalten müssen, ist der Islam hier nicht angekommen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 16.11.2017 | 20:00 Uhr

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