Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Reichelt oder Nicht-Boulevard-Chef, das ist hier die Frage

Stand: 21.10.2021 16:09 Uhr

In dieser Woche hat es auf dem Boulevard der Medienwelt eine sehr prominente Entlassung gegeben. Nachdenker Ulrich Kühn hat das in Identitätsnot gestürzt.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Als ich gestern Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett zu einem ungeheuren Boulevard-Chefredakteur verwandelt. Ich sag's Ihnen, das war ein Schock! Aber nur im ersten Moment. Anders als Kafkas armer Gregor Samsa konnte ich problemlos aufstehen. Ich staunte über den bissigen Kopfschmerz - vermutlich hatte ich am Vorabend was Giftiges eingenommen - und über das Knacken meiner gar nicht so alten Knochen. Dann stand ich vor dem Spiegel und sah, wer ich war: Chefredakteur im Boulevard! Träumchen, oder? Nach Lust und Laune fabulieren, es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen müssen, Regeln, die für alle gelten, sind nicht existent: So lässt sich's leben.

Die wohlige Wärme der Giftigkeit

Neu und fremd war mir nur dieses dringliche Bedürfnis, jetzt, am besten sofort, jemandem eine aufs Maul zu geben, einfach, weil ich es konnte und den Menschen nicht mochte. Es fühlte sich kurz merkwürdig an, dann kam der Tatendrang. Wen könnte man heute mal bloßstellen, dachte es in mir, und schon hatte ich den Laptop aufgeklappt und tippte. Das Opfer war prominent und beliebt. Noch. Heute Nachmittag ist er prominent unbeliebt, grinste ich. Der Text troff mir nur so aus den Fingern. Ich musste nicht den Kopf benutzen, es war, als ströme das Gift von gestern wie von selbst in die Sätze, die alle kurz und knackig waren. Endlich klar und verständlich schreiben! Es machte richtig Spaß.

Gleich nachher, in der Redaktionskonferenz, würde ich meinen lakaienhaft buckelnden Mitarbeitern die Meinung geigen und ihnen zeigen, wie's geht. Leading by example! Es verschaffte mir wohlige Wärme, mich dieser Giftigkeit hinzugeben, den anbrandenden Impulsen, denen ich mich überließ. Der Text war schon fertig, kurz und brutal. Ich steckte mir eine vierte Zigarette an, obwohl ich seit Jahrzehnten nicht rauche, und dachte an diese Frau, die mir mein Leben lang unerreichbar vorgekommen war. Hallo, unerreichbar? Gibt's für mich nicht! Ich suchte ihre Nummer im Handy, da, hatte sie schon, ich übte tiefe Stimme, das kommt immer gut - als plötzlich der Klingelton störte. Wer wagt...? Grimmig meldete ich mich.
"Hier Kühn, mächtiger Boulevard-Chefredakteur."
"So, so, hier Brack, amüsierter Psychiater. Was ist denn bei Ihnen los, Kühn?"

Die erdende Stimme des Lieblingspsychiaters

Ein komischer Moment. Als ob in mir die Blase platzte, die Blase meiner Bedeutsamkeit, meines Allmachts-Bewusstseins, der gigantischen Gewissheit: Es steht mir zu, über euch zu richten, mich über die Welt zu erheben, zu urteilen nach meinem Maß; ich lasse steigen und fallen, hebe empor und vernichte, mache groß und wieder klein. Ja, ich werde gefürchtet.
"Na, Kühn? Noch dran? Sie sind so still. Was ist los?"
Bescheuert. Es brauchte also nur die Stimme meines Lieblingspsychiaters, schon war ich auf dem Boden zurück.

Psychologische Hilfe gegen den Kafka-Albtraum

"Dr. Brack, ich weiß nicht. Als ich vorhin aus unruhigen Träumen erwachte, war ich plötzlich ein ungeheurer Boulevard-Chef - nur, wie können Sie das wissen?"
"Wissen? Ich habe nichts gewusst. Nur geahnt, dass es zu nichts Gutem führt, wenn wir nicht miteinander reden. Dass es aber gleich so schlimm kommt! Nur weil der Dingselt, dieser Kerl, der die Blubb-Zeitung, Sie wissen schon, ich lese das ja nicht - also, der Mann, der jetzt doch noch gehen musste, weil - keine Ahnung, ich verfolge diese Dinge nicht. Das hat gereicht, um Ihnen Wahnträume einzuimpfen? Sie brauchen wirklich dringend eine Sitzung!"

Er hatte natürlich Recht. Aber wenn ich eine Brack-Sitzung brauche, weil ich im Kafka-Albtraum zum Boulevard-Chef mutiere: Was braucht dann der Ex-Chef des Boulevards? Nein, das ist keine rhetorische Frage. Nein, ist es nicht. Ganz sicher nicht. Und das ist die reine Wahrheit. Blubb.

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.10.2021 | 10:20 Uhr

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