Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Der nächste Kanzler muss ein Bayer werden?

Stand: 01.10.2020 16:23 Uhr

Wegen der Corona-Pandemie reisen viele Menschen nicht ins Ausland. Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper auch. Sie war in Bayern unterwegs und deshalb denkt sie vor allem über einen Bayer nach.

von Stephanie Pieper

In einer Höhe von 1.731 Metern scheint die Welt noch in Ordnung: Wer im Bayerischen Voralpenland am Gipfelkreuz des Herzogstands steht, der blickt bei wolkenlosem Himmel bis nach München, sieht in der Ferne das Karwendel und betrachtet zu seinen Füßen den schönen Walchensee, der an seiner tiefsten Stelle 190 Meter tief ist. Was für ein herrliches Panorama. Corona - war da was? I wo!

In den Dörfern hier hängen weiter Blumenkästen mit roten Geranien an den Holzbalkonen, reichen die Portionen in den Gasthäusern über den Tellerrand hinaus, sind die Menschen fröhlich und herzlich. Bayern wie aus dem Bilderbuch - und durchaus imposant, wie man selbst als norddeutsche Flachländerin zugeben muss.

Söder mal wieder omnipräsent

Da mag man es sogar dem Söder Markus verzeihen, dass er immer so schwärmt von seiner Heimat - und dass der moderne Sonnenkönig bei öffentlichen Auftritten stets eine Maske trägt, die das bayerische Landeswappen schmückt. Der Söder Markus ist dieser Tage nämlich mal wieder omnipräsent: Ob auf dem digital abgehaltenen CSU-Parteitag, ob beim Corona-Gipfel der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin, ob bei seiner Initiative für eine Corona-Warnampel - es gibt kein Entkommen, der Söder Markus ist auf allen Kanälen, irgendwie überall und vor allem: immer in der ersten Reihe.

In Umfragen erreicht er Zustimmungswerte, von denen andere nur träumen können - auch und gerade die um den Parteivorsitz konkurrierenden Kollegen in der Schwesterpartei CDU. Nicht nur der Merz Friedrich und der Röttgen Norbert dürften dieser Tage bisweilen grün sein vor Neid.

"Best buddies", "Schattenkanzler" und "Der Machtmenschliche"

Und auch der Laschet Armin arbeitet sich am Mann aus München ab. Diese Woche war der Söder Markus mal wieder in Berlin und immerhin so nett, die neu erschienene Biografie "Der Machtmenschliche" über seinen NRW-Kumpel vorzustellen. Soll bloß keiner denken, da konkurrierten hinter den Kulissen zwei Herren um die Kanzlerkandidatur der Union - nein, nein, nein, auf offener Bühne geben sich die beiden, wenn sie mal aufeinandertreffen, als "best buddies". Und der Laschet Armin ist auch total nett - der wird bald eine neue Biografie über den Söder Markus vorstellen, die allerdings nicht zufällig den Titel "Der Schattenkanzler" trägt, was dem Mann aus Aachen kaum schmecken dürfte.

Wird der nächste Kanzler tatsächlich ein Bayer werden? Erinnerungen werden wach an das Jahr 1998, als in ganzseitigen anonymen Zeitungsanzeigen, finanziert vom Unternehmer Carsten Maschmeyer, zu lesen war: "Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein". Das war natürlich auf Gerhard Schröder gemünzt, gegen seinen damaligen saarländischen Rivalen Oskar Lafontaine - die Älteren unter uns erinnern sich. Ja, ja, ja, es gab einmal, dies für die Jüngeren unter uns, eine SPD mit echten Regierungsambitionen auf Bundesebene.

"Mia san mia" in Reinform

Logisch wäre es ja irgendwie, wenn der nächste Kanzler nun ein Bayer wird, wo die blöden Fußball-Bayern aus München sowieso gerade alle Titel abräumen. Die nicht nur mitspielen in der Champions League - sie gewinnen! Alle Ausfälle, alle Pannen, alles Poltern vom Söder Markus und seiner CSU scheint plötzlich: vergeben und vergessen.

Der heftige Streit mit der Kanzlerin über eine Flüchtlingsobergrenze, die Drohung mit Koalitionsbruch? War vom Seehofer Horst und vom Söder Markus doch gar nicht so gemeint. Das PKW-Maut-Debakel vom Scheuer Andy, seinem Parteifreund? Kann ja mal passieren. Die Panne bei den Corona-Tests in Bayern? Dumm gelaufen, aber halb so wild. Zwischenzeitlich sehr hohe Infektionszahlen? Ja mei, die Nähe zu Österreich halt. Der Söder Markus kann komischerweise nie was dafür, verantwortlich sind immer die anderen. "Mia san mia" in Reinform.

Beobachten, abwägen und zuschlagen

Bleiben wir doch lieber auf dem Herzogstand und am Walchensee, die übrigens im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen liegen. Moment mal, da war doch was? Genau, im Januar 2002, da machte die CDU-Chefin beim berühmten Wolfratshauser Frühstück dem Stoiber Edmund ihre Aufwartung und überließ ihm großzügig die Kanzlerkandidatur der Union. Ein weiterer kluger Merkel-Schachzug, denn Stoiber scheiterte später an Schröder. Der Söder Markus wird daraus lernen; beobachten, wen die CDU zu ihrem Chef wählt; abwägen, wie gut oder schlecht die Chancen der Union 2021 stehen. Und dann zuschlagen bei der Kanzlerkandidatur. Oder nicht.

 

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
AUDIO: Der nächste Kanzler muss ein Bayer werden? (4 Min)

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 02.10.2020 | 10:20 Uhr

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