Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Von der Schwierigkeit, neu anzufangen

Stand: 15.10.2021 00:00 Uhr

Die Bereitschaft, ohne Zähneknirschen Ämter und Posten abzugeben, ist selten so da gewesen wie zurzeit. Sollte einem Neustart doch jetzt kaum etwas entgegenstehen, meint Claudia Christophersen.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Wenn die Dinge richtig im Argen liegen, muss aufgeräumt werden. Alles neu, weil das Alte einfach nicht mehr funktioniert, sich als untauglich erwiesen hat. Auch Vokabular, Duktus, Ton und Klang sprachlicher Formulierungen unterliegen dann dieser Veränderungsoffensive. Eine "brutal offene" Aufarbeitung will ein Generalsekretär nach dem trüben Wahlergebnis seiner Partei jetzt auf die Agenda setzen. Eine "Totalsanierung" sei nötig. Der Sündenbock für fast alles, was in der Union falsch gelaufen ist, heißt hier Armin Laschet.

Auch Söder verdient keine Siegerkrone

Der bayerische Ministerpräsident Söder stichelt wo es geht, weil er ja schließlich 31,7 Prozent bei der Wahl in seinem Bundesland geholt hat. Aber Achtung: Auch das verdient keine wirkliche Siegerkrone, sondern war ein Verlust von immerhin über sieben Prozent. Trotzdem ist Söder felsenfest der Überzeugung: Wäre er Kanzlerkandidat gewesen, wäre die Union jetzt nicht dort, wo sie gelandet ist. Mit ihm wäre alles anders, alles gutgegangen. Das kann er meinen. In Bayern ticken die Uhren fast immer anders. Die Kulisse in Blau-Weiß getüncht, garniert mit imposanten Bergen, wasserklaren Seen und saftgrünen Wiesen, lässt die Wirklichkeit immer etwas schöner als anderswo erscheinen.

Lassen wir mal Bayern. Was ist auf der langen Strecke falsch gelaufen? Die Probleme, die längstens existierten, kommen jetzt, bei der Verlockung eines kompletten Strukturwandels mit voller Kraft ans Tageslicht und das trifft nicht nur die Union allein. Die Parteien, ihre Mitglieder und Funktionsträger, sind zu alt. Bereits eingesehen von der Verteidigungsministerin und vom Wirtschaftsminister. Die Konsequenz: Kramp-Karrenbauer und Altmaier wollen auf ihre Bundestagsmandate verzichten.

Alt weg, neu her - aber wie und mit wem?

Wirklich gemurrt hat darüber niemand. Und auch Wolfgang Schäuble, die graue Eminenz der CDU, möchte zwar sein Mandat noch behalten, aber mit 79 Jahren nicht wieder für den Bundesvorstand kandidieren. Und laut wird geklagt: Frauen kämen bei der Postenvergabe zu wenig und zu selten zum Zug. Wahrscheinlich braucht es grundsätzlich mehr unabhängige Geister, die sich trauen, die Mut und Gestaltungswillen haben.

Der große Wechsel wird in diesen Tagen geradezu beschworen: Alt weg, neu her. Noch wird verhandelt, wie das Regierungskarussell besetzt wird. Wer mit wem. Und wer hält das zähe Ringen bis zum Schluss durch? Es wird bezirzt, geschmeichelt, denn irgendwie muss man ja zusammenkommen, man muss sich mögen, das große Projekt "Regierung" forcieren und trotzdem das Gesicht wahren, an dem festhalten, was vor der Wahl so groß versprochen wurde.

Die Welt wird nicht einfach neu erfunden

Die Programme stehen und können nicht gänzlich im Meer der Kompromisse aufgeweicht werden. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Gebetsmühlenartig wird wohl auch deshalb immer das Gleiche posaunt: Schlussstrich, Zäsur, Neuanfang, Aufbruch, einfach alles anders. Nur wie? Die Welt wird nicht einfach neu erfunden. Das Neue muss mit dem alten Personal irgendwie gezimmert werden.

Erinnern wir uns an die zähen, am Ende völlig verkorksten Gespräche und Verhandlungen vor vier Jahren. Ganz schwindelig wird einem da bei dem Gedanken, dass noch wochenlang, monatelang die Züge auf dem Machtschachbrett gezogen werden könnten, mit dem Ergebnis, dass am Ende eine eher lustlose Mannschaft das Ruder übernimmt. Dieses Mal, verheißen die vielen Politik- und Parteienexperten, wird es anders. Hoffen wir das.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 15.10.2021 | 10:20 Uhr

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