Stand: 19.06.2020 10:20 Uhr

Im Gewitter des schlechten Gewissens

von Alexander Solloch

Unfassbar, aber anscheinend wahr: In der Krise, die uns ja doch einigermaßen unvorbereitet traf, ist nicht alles perfekt gemacht worden. Alexander Solloch bittet im Namen mancher Männer um Nachsicht.

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Mann, was war das für ein seltener Stoff, der in den letzten Tagen so einfach vom Himmel fiel. Regen - konnte man sich über ihn freuen? Der Freiburger Fußballtrainer Christian Streich, dessen Mannschaft sich im Wolfsburger Gewitter gerade zu einem Unentschieden gekämpft hatte, meinte, wunderbar, diesen Regen habe es schon lange gebraucht. Aber das ist die Stimme eines Mannes, dann noch eines Fußballers, Doppelpfui. Ich bin sicher und zuversichtlich, dass die bekannte Monokolumnistin Margarete Stokowski diese meteorologische Gemengelage zum Anlass nehmen wird, auf SPIEGEL online eine Abrechnung mit Regentropfen zu verfassen, die einer noch zu verfertigenden Studie der Universität Rostock zufolge vorrangig Frauenköpfe benachteiligen. Auf höchst angenehme Weise poliert Regen Männerglatzen, zerstört aber Frisuren, die zu den wenigen von Männern nicht beanspruchten Besitztümern gehören. Regen begünstigt Männer und benachteiligt Frauen. Regen ist ein Faschist.

Zugestanden. Nur: Hat Frau Stokowski vielleicht mal darüber nachgedacht, warum der moderne Mann von heute schon mit Ende zwanzig anfängt, sein Haar büschelweise zu verlieren? Ein Leben im dauerhaft schlechten Gewissen ist interessant, aber nicht übermäßig geruhsam. Täglich möchte man sich dafür entschuldigen, dass man ein Mann ist. "Wir erleben eine entsetzliche Retraditionalisierung", entsetzt sich die Soziologin Jutta Allmendinger. Die Rollen zwischen Vätern und Müttern seien verteilt wie zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern. Dabei hatte man sich - möchte man schüchtern einwenden - doch irgendwie auch ein bisschen bemüht, es anders zu machen. Ja, wirklich: Auch Väter geben sich manchmal Mühe, in den paar Augenblicken, in denen sie grad nicht Fußball gucken oder ihre Familie unterdrücken.

Das Gefühl des eigenen Ungenügens

Wie ist die Lage? Die Krise, die sich kein Schurke und - bewahre - keine Schurkin ausgedacht hat, traf alle mit harten Hieben. Tausende und abertausende von Menschen - Frauen, Männer, Mütter und Väter allerlei Geschlechts - haben Tag für Tag gerungen um die Möglichkeit, einigermaßen das Beste aus dem ganzen Mist zu machen. Sie haben gestritten, sie haben gemeinsam geflucht, sie haben sich geeinigt. Und sie sind doch jeden Abend mit einer unguten Gestimmtheit ins Bett gegangen: Alles, was ich geben kann, reicht bei weitem nicht. Das Gefühl des eigenen Ungenügens ist eine Macht, die sich nicht in die Knie zwingen lässt. Warum, Frau Professor Allmendinger, warum, Frau Stokowski, stärken wir diese finstere Macht noch durch unser allzu hurtiges Gejammer? Warum geben wir den Familien in diesem Land nicht ein paar Sekunden Zeit, sich auf die Krise einzustellen, bevor wir ihren Mangel an emanzipatorischer und sonstiger Perfektion rügen?

Die Rollenverteilung in der Krise

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Schlimm genug, dass es Männer gibt, aber böse sind sie zum größeren Teil nicht. Schon klar: Dass ich höchstpersönlich keinen einzigen Mann kenne, der es sich leicht gemacht hätte, hingegen sehr viele, die dann eben morgens um fünf, von den Rufen der Amseln geweckt, schon aus dem Bett getapert sind, um immerhin die letzten Stunden der Nacht zum Arbeiten zu nutzen, ehe sie sich, im Wechsel mit ihren Partnerinnen, in den Abnutzungskampf ums Toilettenpapier bzw. um die Beschulung der Kinder gestürzt haben, um dann, zum Gesang zuklappender Augenlider, immerhin die ersten Stunden der Nacht noch zum Arbeiten zu nutzen - das liegt natürlich daran, dass ich sowieso zu wenige und dann auch noch die falschen Leute kenne. Man hängt ja alles in allem doch arg im eigenen Milieu fest. Aber zum einen kann immerhin festgestellt werden, dass diese Geschichten doch existieren. Jeder kann sie sich anhören, selbst wenn sie im Einzelfall dem erwünschten Bild von der allgemeinen Frauenfeindlichkeit unserer Gesellschaft einen winzigen Kratzer zufügen.

Zusammenleben ist ein Kompromiss

Zum anderen aber gilt das Recht der freien Partnerwahl. Keine Frau in diesem Land ist gezwungen zum Zusammenleben mit einem Kerl, der ihren Willen zur Entfaltung nicht achtet. Kein Mann ist gezwungen zum Zusammenleben mit einer Frau, die ihm sein Mannsein anlastet. Darüber hinaus ist eben alles: Kompromiss. Mühsam, langweilig, aber doch irgendwie ganz gut.

Corona hat alle im Regen stehen lassen, die Kinder vor allem, sodann Frauen und eben dieses sonderbare Geschöpf, das nun einmal, hilft ja alles nichts, auch noch existiert, Mann!

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
AUDIO: Im Gewitter des schlechten Gewissens (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 19.06.2020 | 10:20 Uhr

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