Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Ich will Bundeskanzler werden!

Stand: 10.12.2021 06:00 Uhr

Olaf Scholz ist Bundeskanzler. Wurde aber auch Zeit! Die wahre Dimension des Masterplans, der ihn ins Amt gebracht hat, wurde erst jetzt enthüllt. Ulrich Kühn denkt darüber nach.

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von Ulrich Kühn

Über Olaf Scholz wird gesagt, dass er nur das Nötigste sagt. Ein knappes "Ja", wenn die Bundestagspräsidentin zufällig fragt, ob man Kanzler sein will - schwupp, schon ist man im Amt. Beeindruckend.

Jeder Mensch träumt von etwas anderem

Hier zeigt sich wieder: Die banalsten Einsichten sind die besten. Alle Menschen sind gleich, aber irgendwie auch verschieden. Das habe ich kürzlich gelesen, und es könnte wahr sein. Ein Beispiel: Wovon träumten Sie, als Sie zwölf Jahre alt waren? Na bitte, da haben wir’s schon, alle sind mal zwölf, aber alle träumen was anderes.

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Ich träumte an meinem zwölften Geburtstag zum Fenster des Kinderzimmers hinaus. Ich spürte einen neuen Gedanken: So unbeschwert schön wie jetzt wird es vielleicht nie mehr. Ich ahnte die Beschwernisse der "Pubertät". Und machte mir das Glück des verrinnenden Kindseins bewusst.

Ganz anders Olaf Scholz. Gut, es kann sein, dass er ähnliche Dinge dachte. Aber da war noch viel mehr, ein Wunsch, ein Ziel, ein Lebensmotiv: Ich will Kanzler werden! Ja, das hat er wohl gedacht. Es war eine der schärfsten Erkenntnisse der Woche, oder? Das Kanzlerwahl-und-Vereidigungs-Brimborium ist von den besten Federn der Republik wunderhübsch besungen worden, die eigentliche Sensation aber bleibt: Der Papa von Olaf Scholz hat verraten, dass Olaf im zarten Alter von zwölf den Vorsatz fasste, später Kanzler zu sein. Et voilà! "Das geht er jetzt mit dem Gefühl an, es schaffen zu können. Und er schafft es", meint Papa Scholz.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Als ich das hörte, dachte ich sofort darüber nach, was im Leben der meisten Menschen schiefläuft. Entscheidend ist offenbar, was man im Alter von zwölf Jahren für den Rest des Lebens plant. Das wird zu wenig beachtet. Es sind selbsterfüllende Prophezeiungen: Wer am Fenster stehend ahnt, dass es nicht unbeschwert weitergeht, kann sich auf was gefasst machen. Und wer den Plan hat, Kanzler zu werden, wird von einer freundlichen Bundestagspräsidentinnen-Fee ins Amt geschubst. Man sagt kurz "ja", und alles ist klar.

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Bundesfinanzminister und Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD) spricht beim 7. Ordentlichen Gewerkschaftskongress der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). © dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich

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Okay, die Sache hat einen Haken. Zwischen Wunschformulierung und Wunscherfüllung kann ein bisschen Zeit verstreichen, sagen wir: 51 Jahre. Man braucht also Geduld, muss all die Kinder- und Hafengeburtstage des Lebens überstehen. Dabei kriegt man gut was auf die Mütze, gerade in der SPD. Das liegt nicht jedem, manche rütteln lieber gleich am Kanzleramts-Zaun. Aber das ist riskant. Man kommt dann vielleicht rein, aber spätestens in der Elefantenrunde nach der übernächsten Wahl schrödert man sich peinlich wieder raus. Schlauer ist es, die eigenen Ambitionen mit keinem Sterbenswörtchen zu verraten. Bis eines Tages die Bundestagspräsidentin - Sie wissen Bescheid. Dann gibt man es kurz zu, und zack. Schön, davor ist Wahlkampf, da muss man es auch schon verraten. Abe das ist kein Problem, wer bei 15 Prozent startet, erweckt auf keinen Fall den Eindruck, den Job wirklich zu wollen.

Olaf Scholz - Ein Fuchs und Kanzler

Es gibt noch eine dritte Strategie. Sie besteht darin, beharrlich durch die Gegend zu posaunen, dass einen dieses Amt ü-ber-haupt nicht lockt. Wie in der alten Fabel der Fuchs, der nicht an die hohen Trauben kommt: Wie, Trauben? Och nö, die sind fürchterlich sauer, bin absolut nicht interessiert.

Über Olaf Scholz wird gesagt, dass er ein Fuchs sein kann. Jetzt ist er auch noch ein Kanzler. Es wird spannend zu sehen, nach welchen Trauben der Kanzler sich streckt und welche er für sauer erklärt.

Das nächste Mal lernen wir Baerbockianisch

So. Jetzt wissen Sie, mir sei Dank, wie man den neuen Kanzler knackt. Gern geschehen! Und nächstes Mal lernen wir Baerbockianisch. Wortlaut-Zitat von der ersten Reise der neuen Außenministerin: "Was gibt es Schöneres, als für eine Außenministerin am ersten Morgen im neuen Amt in Paris zu sein." Das darf wirken auf man sich lassen, in all der Freudianischen Drehkraft der Worte. Es bleibt auf ewig fein in diesen verrückt-verrutschen Zeiten. Und irgendwo ist schon wieder jemand zwölf und will mal Scholz oder Baerbock werden.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 10.12.2021 | 10:20 Uhr

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