Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Deutsche Krämpfe zwischen Streik und Wahlkampf

Stand: 12.08.2021 18:01 Uhr

Lokführer-Streik, so was hatten wir doch schon mal. Und der letzte Bundestagswahlkampf war auch nicht vom Feinsten. Kolumnist Ulrich Kühn fragt sich: Was ist los, kommen wir gar nicht mehr voran?

von Ulrich Kühn

Da stehen wir also wieder, weil sein starker Arm es will. Lokführer Weselsky bringt die Bahn zum Stillstand und die Deutschen sind perplex. Sind wir jetzt in Frankreich, wird wirklich gestreikt, bis es quietscht? Aber es quietscht ja nicht. Stille auf den Gleisen, bis auf ein paar Züge, in die man sich quetschen darf, damit die Delta-Variante Party feiern kann. Monsieur Weselsky verkündet grimmig, es gebe ja noch andere Verkehrsmittel. Und am Bahnsteig schwanken wir zwischen Verständnis-Opportunismus und Wut - die typische neudeutsche Innenverkrampfung, die das öffentliche Leben beherrscht.

Zustand des Landes, August 2021: Wir stehen in Krämpfen, es geht lahm voran, wir haben es kommen sehen und sind völlig überrascht. Das kann sich wiederholen, wenn Delta, Lambda oder sonst ein griechenbuchstäbliches Monster die Politik oder was von ihr übrig ist wieder in verspätete Aktionismus-Krämpfe treibt. Schon bestaunen die Zeitungen des berühmten Medienkonzerns die kraftvoll anschwellenden Inzidenzen - während sie mit Gebrüll eine Anti-Corona-Maßnahmen-Attacke nach der anderen reiten, als gälte es mit Macht zu verhindern, dass Angela Merkel Kanzlerin wird.

Kritiker werden lebensgefährliche Phantomschmerzen erleiden

Ist Ihnen das auch aufgefallen? Das Trommelfeuer gegen die Corona-Politik kommt als dermaßen inbrünstige Merkel-Kritik daher, dass man sich echt Sorgen machen muss. Diese Kritiker werden lebensgefährliche Phantomschmerzen erleiden, wenn Ende September gewählt ist. Aber was heißt schon Ende September.

Wir werden wählen, klar, aber wann gibt es die neue Regierung? Bei diesem Brillanz-Personal, das regelmäßig winzige Umfrage-Minderheiten davon überzeugt, Kanzlerin oder Kanzler sein zu müssen? Wenn der Wahlkampf ein Krampfgebilde ist, wie sollen die Koalitionsverhandlungen werden?

Mix aus Apokalypse-Angst und krudem Unernst

Hannover, Innenstadt, Fußgängerzone. Wir nähern uns bunten Wahlkampfständen, behutsam, sonst wird uns schwindlig angesichts des Bewegungstaumels, den diese Orte abstrahlen. Aber im Ernst, all die Ehrenamtlichen müssen einem leidtun. Weniger Politiklust hat kein Wahlkampf erzeugt, weniger zur Parteinahme keiner eingeladen, so lange ich zurückdenken kann. Es ist, als ob alle bei Weselsky nachgefragt hätten, wie man sich maximal beliebt macht.

Themen liegen auf der Straße und betteln um Debatten, aber in der politischen Arena gönnen wir uns einen peinlichen Mix aus Apokalypse-Angst und krudem Unernst. Gilt so ziemlich für alle Parteien. Dass die AfD Straßenwahlkampf mit Einstein macht, diesen Brachialpopulismus übergehen wir mal. Bedenklich stimmen andere Wahlkrampf-Geschichten, der demokratisch fragwürdige, kläglich gescheiterte Saarland-Stunt der Grünen, die Debattenverweigerung des angeknockten CDU-Kanzlers in spe, der sich jetzt, super beraten, öffentlich im Boxring zeigt - ja, das hat er wirklich getan -, die neue Liebesbekenntnis-Freude des SPD-Kandidaten.

Unseren Gedanken Beine machen

Immerhin, der letzte SPD-Kanzler und beste Schröder aller Zeiten ergreift mit Urinstinkt die Chance und holt per Tweet Genossen zurück, denn, schauerlicher Gedanke: Volkswagen schafft in einer Werkskantine die heilige Currywurst ab, darf nicht wahr sein! Die anderen merken es gar nicht erst, viel zu beschäftigt damit, sich wegen misslungener SPD-Videos und giftiger Anti-Grünen-Plakate zu befehden. Schon ein mittleres Elend, wie?

Aber Obacht, nur schimpfen gilt nicht. Sie alle wollen uns gefallen, weil sie uns repräsentieren wollen, und das bedeutet doch: Das sind wir! Ja, wir müssen tapfer bekennen, wir sind schon auch selbst schuld, ein bisschen. Vielleicht sollten wir mal die Krämpfe aus den Gliedern schütteln. Auch wenn das alles schon wahnsinnig viel ist mit Virus, Flut, Bränden und den eigenen Sorgen. Wenn Bahn- und Geistesstillstand herrschen, müssen wir halt unseren Gedanken Beine machen. Hilft ja nichts. Schließlich sind wir erwachsen.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 13.08.2021 | 10:20 Uhr

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