Stand: 10.09.2020 18:12 Uhr

Das soll jetzt keine Beleidigung sein

von Alexander Solloch

Alexander Solloch möchte ein neues Gesellschaftsspiel anzeigen: Es ist ein Suchspiel mit dem Ziel, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Gelegenheiten zu tiefer Betroffenheit aufzuspüren. Sehr emotional!

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Früher schrieb Grass Bücher, Reich-Ranicki rezensierte sie, und Grass war beleidigt. Nichts konnte klarer und natürlicher sein. Heute schreibt eine Autorin Bücher, und der Kritiker ist beleidigt. Man zweifelt, ob man diesen Rollentausch mögen muss.

Volker Weidermann, der vor zehn bis 15 Jahren so ziemlich die tollsten, farbigsten, mitreißendsten Kritiken der Republik verfasste und dem immer dafür zu danken sein wird, dass er uns 2008 mit dem "Buch der verbrannten Bücher" ein funkelndes Wunderhorn schenkte, aus dem man sein Leben lang trinken darf, dieser fabelhafte Volker Weidermann ist aus weitgehend unklaren Gründen seit einiger Zeit immer so beleidigt.

Volker Weidermann und seine Empfindungen

Der Kritiker ist beleidigt, wenn Christoph Hein Erinnerungstexte schreibt, ohne das über jeden Zweifel erhabene SPIEGEL-Archiv zu Rate zu ziehen; er ist angefasst, wenn Juli Zeh ihm gerade mal kein Interview gewährt; und er ist betroffen, wenn die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem neuen Roman "Artur Lanz" den "modernen Mann" einer mitleidigen Betrachtung unterzieht - bei Maron ist das der Mann, der etwa die Sprache gendert und sich sein Baby auf den Bauch bindet.

Weidermann fühlt sich gemeint und sagt im Gespräch mit der Autorin: "Das empfinde ich schon als kleinen Angriff. Und als traurig." Zieht der Kritiker etwa Lektüre vor, die ihn nicht angreift? In dem Fall sind Vanillepuddingrezepte auch interessant.

Die Träne ersetzt das Wort

Nun muss man nicht dem jungen Weidermann nachtrauern und seiner federleichten Souveränität, die der mittelalte Weidermann leider irgendwo zwischen Fernsehstudio und Literaturbetriebseitelkeit verloren hat. Sie wird ihm bald schon wieder zuwachsen, womöglich am Ende dieser Kolumne, und dann sind wir auch wieder froh.

Festzuhalten ist aber, dass ganz allgemein der beleidigte Überschlag zum Sound dieses Landes geworden ist. Wann immer jemand etwas sagt oder schreibt oder tut, was im Ablauf gerade nicht vorgesehen ist, wallt tiefe Betroffenheit auf. Diese neue Empfindsamkeit bringt nur leider überhaupt nichts Poetisches hervor, birgt nicht die geringste ästhetische Kraft. Sie beendet jede Diskussion, bevor diese überhaupt beginnen könnte. Die Träne ersetzt das Wort, ersetzt den Witz, ersetzt das Nachdenken - dem, der sie erzeugte, bleibt Schulterzucken oder, womöglich vom Empfindsamen beabsichtigt, das schlechte Gewissen. War ich vielleicht doch zu hart?

Horst Seehofer sagt Termin ab - na, dann eben nicht

Denn so sieht es doch gegenwärtig aus: Der Schiedsrichter ist beleidigt, wenn ein Spieler ihm ironisch Beifall spendet. Er könnte zurückklatschen; lieber zückt er empört die rote Karte. Der Kunde im Fahrradladen herrscht die Verkäuferin beleidigt an, die ihn freundlich um etwas Abstand bittet. Er könnte sagen, oh pardon, ich hatte es kurz vergessen; stattdessen schimpft er: "Reden Sie freundlich mit mir, dann halte ich auch Abstand!"

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann
AUDIO: Das soll jetzt keine Beleidigung sein (4 Min)

Und Horst Seehofer? Sagt jetzt beleidigt: Na, dann eben nicht. Er hatte sich ja, nachdem er von seiner drohend im Raum stehenden Anzeige gegen eine "taz"-Kolumnistin abgesehen hatte, eigentlich mit der Chefredaktion der Zeitung zum Gedankenaustausch treffen wollen. Jetzt hat er diesen Termin wieder abgesagt - empört darüber, dass der Presserat die fragliche Kolumne über Polizisten auf einer Mülldeponie nicht rügen möchte, und offenbar beleidigt davon, dass die "taz" eine ganz andere Gesprächsagenda hat als er.

Es ist ihm nicht die einfache Idee zugeflogen, dass er, sobald er den Chefredakteurinnen gegenübersitzt, durch seine Worte und seine Überzeugungskraft ja höchstselbst den Verlauf des Gesprächs beeinflussen könnte. Es geht wohl doch eher ums tief Empfundene, nicht um gedankliche Tiefe.

Fiktion oder nicht?

Fallen uns denn jetzt aber wirklich nur männliche Darsteller beleidigter Gefühle ein? Ist denn die Krise des Mannes, von der Monika Maron schreibt, womöglich gar keine Fiktion? Das sind ja nur Fragen, mögen sie keinen beleidigen, schon gar nicht den hoch respektierten Volker Weidermann, von dem in ein paar Tagen ein neues Buch zu erwarten ist: "Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko". Darin finden sich wunderschöne Sätze, vor allem diese: "Kunst war wirksam. Literatur war wirksam."

Es ist nur ein Traum, den der Autor hier beschreibt, ein schöner Traum in tiefer Not. Träumen können wir alle, wenn wir auf dem Weg dahin unseren Verdruss, unsere Empfindsamkeit, all dieses Geröll sanft wegräumen.

 

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 11.09.2020 | 10:20 Uhr

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