Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Das Jahr unserer Infantilisierung

Stand: 03.12.2020 14:40 Uhr

Wir sind spät dran, es ist Anfang Dezember, und wir hatten immer noch keinen Jahresrückblick im Programm. Alexander Solloch mit einem ersten nachdenklichen Versuch.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Alexander Solloch

Da wir jetzt in den kommenden Wochen bestimmt alle seufzen, meine Güte, endlich geht dieses verfluchte Jahr zu Ende, dürfen wir doch nicht ganz vergessen, dass schon am 1. Januar unfehlbar ein weiteres beginnt. So leicht kommen wir nicht davon! Da müssen wir uns schon was Neues einfallen lassen.

Zum Beispiel: erwachsen werden. Oder immerhin: das Kindsein den Kindern überlassen. Wie wäre denn das? Wenn man nämlich irgendetwas über das gerade ablaufende Jahr sagen kann, dann - abzüglich des fälligen Fäkalvokabulars - doch wohl dies: 2020 war das Jahr unserer Infantilisierung.

Kinder glauben noch an die perfekte Einrichtung unserer Welt

Kindern muss man ja manches erklären, weil nicht schon mit der Geburt alles Weltwissen in ihnen steckt. Dass sie z.B. den Blick nach links wenden müssen, dann nach rechts und schließlich wieder nach links, bevor sie auf die Straße treten, lernen sie so richtig wohl erst mit fünf. Dann aber sitzt das auch - bis sie 18 sind.

Der Eintritt in die Volljährigkeit und die damit verbundenen neuen Freiheiten verwirren ihnen die Sinne, ist Ihnen das auch schon aufgefallen? "Freiheit ist immer auch die Freiheit, blind auf die Straße zu latschen", rufen alle erwachsenen Fußgänger noch mit etwas übertriebenem Pathos, während sie stur auf den Boden schauen oder in den Himmel nicht für möglich haltend, dass es auch Autos gibt und Fahrräder und, bewahre, E-Scooter, deren Vorbeischnurren man sicherheitshalber im Blick haben sollte. Sie glauben noch, wie die Kinder, an die perfekte Einrichtung unserer Welt. Ihr Vertrauen ist ergreifend, man beißt vor Rührung in die Lenkstange. Und bremst.

Neoinfantiles 2020er-Emotionssprech

Das ist ja noch kurios, aber jetzt wird es ernst. Kinder, die von allein wahrscheinlich nicht auf diesen Quatsch kämen, lernen von Erwachsenen: Viel hilft viel. Viel im Unterricht melden, viel Blabla beitragen, egal was. Gute Note, gutes Zeugnis, gute Hochschulreife (dort dann: böses Erwachen). Oder anders gesagt: Viele Maßnahmen durchführen, Corona wegmachen, Buchläden schließen, Literaturhäuser schließen, Museen schließen, Fleischfabriken offen lassen … Corona nicht weg? Komisch. Noch mehr Maßnahmen!

"Wir werden einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen", hat der Bundesgesundheitsminister vor einem Dreivierteljahr im neoinfantilen 2020er-Emotionssprech gesagt, da wurden Steine weich, wie beim lieben Sechsjährigen in unserem Freundeskreis, der, sobald er nur einen tadelnden Elternblick sein Antlitz streifen spürt, rituell zur Melodie von "O Tannenbaum" zu singen beginnt: "Entschuldigung, Entschuldigung. Entschuldi, -schuldi, -schuldigung!"

Regierungen versuchen es eher mit Schwarzer Pädagogik

Leichter fällt es, Fehler zu verzeihen, die nicht wider besseres Wissen begangen worden sind. Das Wissen aber, das es rechtfertigt, die öffentliche Darbietung von Kultur zu unterbinden, jedoch das unhygienische Treiben in den Tierzerlegungshöllen (und in den Unterkünften derer, die da arbeiten) zu erlauben, ist dem Publikum jedenfalls noch nicht in verständlicher Weise präsentiert worden. Die Regierungen in Bund und Ländern versuchen es gerade eher mit Schwarzer Pädagogik: Man muss nicht immer alles erklären. Das Kind braucht klare Ansagen!

Kanzlerin Merkel befindet im Angesicht der ungebärdigen Schulklasse Deutschland: "Wir müssen die Zügel anziehen!" RKI-Präsident Wieler, ein Motivationskünstler wie einst der übergewichtige Sportlehrer, ruft: "Pobacken zusammenkneifen!" Und alle miteinander, Spahnmerkelsöderlaschet, beteuern: Wenn ihr schön brav seid, dann - aber nur dann! - kommt auch das Christkind! Als hülfe uns Kinderkitsch in der Not.

 

Nur, irgendetwas stimmt hier nicht. Sie merken es doch auch! Ist es nicht auf eigene Weise kindisch, oder nein: unreif, das, was einem nicht passt, "kindisch" zu nennen? Wie kann man bloß aus einem Substantiv, das von Wunderbarem spricht - "Kind" -,  das verächtliche Adjektiv "kindisch" bilden? Der kürzlich verstorbene Kinderarzt und Buchautor Remo Largo hat uns doch beigebracht, dass Kinder diese Wesen mit den unfassbaren Entwicklungsmöglichkeiten sind, die alle Anlagen für ein souveränes Leben in sich selbst tragen.

Trotz all der schlimmen Dinge, die wir ihnen gerade zumuten und die sie klaglos und tapfer hinnehmen, dürfen wir hoffen, dass gerade diese aufrichtigen Wesen noch am besten durch die Krise kommen werden. Jeder Schokonikolaus, der ihnen in den Stiefel gesteckt wird, ist noch einer zu wenig.

Wir sollten erwachsen werden, indem wir Kinder bleiben.

Aber zu sagen, wir müssten die Pobacken zusammenkneifen, ist weder kindisch noch erwachsen. Es ist einfach nur blöde und damit dem Jahr 2020 wesensähnlich.

 

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 04.12.2020 | 10:20 Uhr

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