Martin Becker © picture-alliance / dpa Foto: Frank May

Wolfgang Borcherts Sprache: "Pure Emotionen"

Stand: 20.05.2021 18:05 Uhr

Mit dem Drama "Draußen vor der Tür" von 1947 wurde Wolfgang Borchert zu einem der bedeutendsten Vertreter der "Trümmerliteratur". Der Autor und Regisseur Martin Becker hat Wolfgang Borchert mit einem Feature für den NDR gewürdigt.

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Herr Becker, Wolfgang Borchert hat viele deutsche Schriftsteller mit seiner Sprache und seiner Haltung geprägt. Auch Sie und Ihr Schaffen sind von seinen Werken maßgeblich beeinflusst. Können Sie sich an Ihre erste Borchert-Lektüre erinnern?

Martin Becker: Daran kann ich mich sehr gut erinnern, das war zur Schulzeit. Ich glaube, mit Borchert endet die moderne Literatur fast. Wir haben in der Schule "Die Küchenuhr" gelesen, diese ganz kurze Kurzgeschichte. Das hat mich damals in vielerlei Hinsicht gepackt und beeindruckt. Das hat mich richtig berührt. Tatsächlich war diese Borchardt-Lektüre für mich der Auslöser, selber mit dem Schreiben anzufangen. Damals hatte ich noch nichts geschrieben, und es waren Borchert und Kafka, die mich an den Schreibtisch getrieben haben.

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Können Sie konkretisieren, was Sie an Wolfgang Borcherts Schreiben so nachhaltig beeindruckt hat?

Becker: Ich glaube, es ist dieses Unmittelbare. Da ist nichts gekünstelt, das ist ganz direkt. Borchert selber hatte ja sehr wenig Zeit, und ich finde, das merkt man diesen Texten an. Irgendwie findet man sich in diesen puren Emotionen wieder - so ging mir das zumindest damals. Diese Traurigkeit, die in den Texten steckt, dieses Resignative, dieses irgendwie doch noch Hoffnung haben, obwohl man eigentlich völlig hoffnungslos ist, wie in der "Küchenuhr" - das habe ich damals schon intuitiv gemerkt. Später im Leben hat man selber Verluste, und dann merkt man plötzlich, wie aufrichtig diese Emotionen sind, die da auf knappstem Raum in dieser Kurzgeschichte zusammengefasst sind. Es ist die kristallklare Sprache und eine wahnsinnige Aufrichtigkeit, die einen sehr ins Mark trifft, die das Herz immer noch berührt, bei mir zumindest.

Wolfgang Borchert, so hat es Siegfried Lenz formuliert, sei der erste Autor, der nach dem Krieg die Sprache wiedergefunden habe. Können Sie diese Sprache beschreiben?

Becker: Es ist eine Sprache, die knapp ist, es gibt immer diese kurzen Sätze, dieses Rhythmische, was ich nach wie vor für äußerst modern halte. Ich fand Borchert gerade durch diese Sprache, die so knapp und präzise ist, die einem reinhämmert, was da gesagt werden soll, sehr beeindruckend. Ich habe erst kürzlich gelernt, dass die Musik seiner Zeit, also der Jazz, wohl auch Borcherts Schreiben geprägt hat. Das passt natürlich umso besser, wenn man sich vorstellt, dass diese Swing-Musik die rhythmische Grundlage für sein Schreiben gebildet hat. Man merkt, dass die Sprache einen ganz eigentümlichen, eigenartigen, treibenden Rhythmus hat, und das hat mir immer daran sehr gefallen.

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Dass "Draußen vor der Tür" inhaltlich noch immer Relevanz besitzt, belegen Sie in Ihrem Feature für den NDR. In "Draußen vor den Türen" lesen Sie Borcherts Werk neu. Wer sind denn die Menschen vor den Türen? Und was kann Borchert uns heute erzählen?

Becker: Die Geschichte in "Draußen vor der Tür" ist ja: Ein Soldat kommt aus dem Krieg zurück nach Deutschland, und irgendwie sind alle Türen zu, sowohl äußerlich, aber auch innerlich, weil er ein ganz anderer ist. Wie fühlt sich das an? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, wenn man zum Beispiel für die Bundeswehr im Auslandseinsatz war. Und da sind wir auf Nariman Hammouti gekommen, eine Soldatin, die nach Deutschland kommt. Diesen Aspekt wollten wir auf jeden Fall beleuchten und haben ein sehr berührendes Interview mit ihr geführt.

Dann haben wir Chris Schlapp gefunden, der in Hamburg Stadtführungen für das Magazin "Hinz & Kunzt" macht. Er selber war viele Jahre obdachlos, war also auch quasi draußen vor der Tür und hat sieben Jahre seines Lebens kein einziges Mal drinnen geschlafen. Mit ihm haben wir auch ein Gespräch geführt.

Das berührendste Interview haben wir mit einer Geflüchteten aus Hannover geführt, die in der Situation ist, dass ihr Mann und ihre Kinder noch in Griechenland sind. Sie kann nicht nach Griechenland, ihre Familie kann nicht hierher, und sie ist quasi in jederlei Hinsicht draußen. Da landet man im traurigsten Sinne mitten in dem, was Borchert schon vor vielen Jahrzehnten geschrieben hat.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.05.2021 | 18:00 Uhr

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