Ferda Ataman © Florian Gaertner/photothek.net

Wie hat George Floyds Tod die Rassismusdebatte verändert?

Stand: 25.05.2021 15:13 Uhr

Ein Jahr ist seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd vergangen. Ein Jahr, in dem mehr denn je über strukturellen Rassismus und Polizeigewalt diskutiert wurde - auch hierzulande. Ein Gespräch mit der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Ferda Ataman.

Ferda Ataman © Florian Gaertner/photothek.net
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Frau Ataman, beginnen wir am 25. Mai 2020. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag?

Ferda Ataman: Ich habe das in der Dimension erst später mitbekommen. Man muss dafür verstanden haben, dass es nicht nur ein weiterer Toter durch Polizeigewalt gewesen ist - was es leider immer wieder gibt -, sondern wie brutal das abgelaufen ist. Man muss verstanden haben, dass es dieses Video gibt, was das mit vielen schwarzen Menschen, aber auch anderen gemacht hat, und was für eine schockierende Dokumentation das Ganze ist.

Der Fall wird immer wieder als eine historische Zäsur beschrieben. Stimmen Sie dem zu?

Ataman: Der Fall ist de facto eine Zäsur geworden, aber der Fall an sich ist nicht so viel anders als andere, die es davor und danach gab. Aber die weltweite Debatte und dass Rassismus einen Monat lang Top-Thema war, das hatten wir so vorher noch nie. Insofern ist das natürlich schon eine Zäsur.

In Deutschland wird seither auch sehr viel über Rassismus struktureller Natur und über Polizeigewalt debattiert. Ist dieses Problem eins zu eins auf Deutschland übertragbar?

Ataman: Ich würde da widersprechen. Ich finde, dass hier wenig über Rassismus als strukturelles Problem gesprochen wird, sondern wir sprechen ganz viel über Einzelfälle. Da wird gesagt: Die Person ist ein Rassist. Oder: Die Person hat Rassismus erlebt. Aber strukturell heißt, dass es relativ egal ist, wer die Person ist, die die Handlung begeht, oder wer das Opfer ist. Zum Beispiel müssen Menschen mit einem türkisch oder arabisch klingendem Namen bei einer Behörde in der Regel damit rechnen, dass sie anders behandelt werden als jemand mit einem amerikanischen Namen. Das sind strukturelle Themen, über die wir viel mehr reden müssen als über diese Einzelfälle.

Wie sieht es denn aus bei denen Expert*innen, die zu Wort kommen - sind das die richtigen?

Ataman: Ich hätte mir gewünscht, dass eine Analyse oder Studie darüber gemacht worden wäre, wie diese Debatte letztes Jahr gelaufen ist. Ich persönlich habe das so wahrgenommen, dass ganz viele Einzelpersonen zwar gefragt wurden, aber erstaunlich wenig Nichtregierungsorganisationen, die sich schon lange damit befassen. Etwa Initiativen für die Interessen Schwarzer Menschen, die sich schon seit vielen Jahren damit auseinandersetzen und auch Lösungen anbieten oder Forderungen stellen. Auch Wissenschaftler*innen wurden damals kaum gefragt. Natürlich muss man sich die einzelnen Fälle angucken und Menschen sprechen lassen - das ist damals sehr gut gelungen. Aber es ist nicht gelungen, in die nächste Ebene zu gehen und Expert*innen zu befragen, was die Studienlage dazu sagt. Was sagen eigentlich politische NGOs? Wie kann man das lösen? Mit den Forderungen kann man wiederum die Politik konfrontieren und fragen, was sie dazu sagt. Das alles hat bis heute nicht stattgefunden.

Sprechen wir üer den Tonfall. Der Begriff "struktureller Rassismus" scheint zum Reizwort geworden zu sein. Wie könnte man die Hitzigkeit aus der Debatte rausnehmen? Haben Sie eine Idee?

Ataman: Ich würde mir wünschen, dass der ganze Trigger-Faktor rausgenommen wird. Es ist relativ neu, dass in Deutschland überhaupt eine ernst zu nehmende Rassismus-Debatte stattfindet. Das braucht jede Gesellschaft, weil in jeder Gesellschaft Rassismus vorhanden ist. Das ist genauso wie beim Thema Sexismus: Männer und Frauen werden nicht gleich gesehen, und darüber muss man reden. Wir müssen der Tatsache ins Auge blicken, dass in Deutschland manche Menschen mit bestimmten Namen oder einem bestimmten Aussehen anders wahrgenommen werden, oder als nicht zugehörig oder fremd. Damit muss muss man umgehen lernen und Antworten finden. Es wird schon sehr stark emotional aufgebauscht, und es wird so ein Fronten-Diskurs daraus gemacht, der es, glaube ich, am Ende des Tages gar nicht ist.

Die Debatte in Zusammenhang mit Rassismus hat sich intensiviert. Es gab auch hierzulande breite Proteste auf den Straßen und in den sozialen Medien. Sind hier langfristige, nachhaltige Entwicklungen in Gang gekommen?

Ataman: Was Anti-Schwarzen-Rassismus angeht, ist überhaupt mal etwas in Gang gekommen, was vorher nicht da war. Das ist sehr gut. Auch die Aufarbeitung von kolonialgeschichtlichen Mechanismen ist total wichtig, weil viele Menschen denken, dass das historisch abgeschlossen ist - aber das ist es eben nicht.

Was mir fehlt, ist die Übertragung auf die Situation in Deutschland. Einer der starken Rassismen ist auf jeden Fall antimuslimischer Rassismus. Ist das anders oder ist das das gleiche? Müssen wir da vielleicht besonders hingucken? Wir haben im Jahr der Corona-Pandemie auch sehr starken anti-asiatischen Rassismus festgestellt. Wir wissen, dass es auch antislawischen Rassismus gibt - das klingt ungewohnt, aber tatsächlich gibt es gegenüber Osteuropäer*innen immer wieder rassistische Debatten. Ich würde mir wünschen, dass wir da die Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrnehmen und sehen, wie viele Menschen das im Alltag daran hindert, ganz normal teil zu haben. Da ist debattenmäßig auf jeden Fall noch was zu tun.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 25.05.2021 | 18:00 Uhr

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