Danger Dan © picture alliance / Geisler-Fotopress | Annekathrin Linge/Geisler-Fotopr

Danger Dan: Ein Hip-Hopper beim SHMF in Lübeck

Stand: 10.08.2022 08:24 Uhr

Das Schleswig-Holstein Musikfestival ist für seinen Stilmix bekannt. Gestern trat Danger Dan Open Air in der Lübecker Kulturwerft Gollan auf.

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von Anina Pommerenke

Unter anderem wurde Danger Dans im April 2021 erschienenes Album "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" beim Preis der Popkultur als bestes Album des Jahres ausgezeichnet. Anina Pommerenke hat mit ihm über seinen Auftritt beim SHMF gesprochen.

Das vergangene Jahr war wohl das erfolgreichste deiner Karriere! Was geht dir durch den Kopf, wenn du das Revue passieren lässt?

Danger Dan: Um ehrlich zu sein, brauche ich glaube ich noch ein bisschen Abstand, um so richtig zu realisieren, was da alles passiert ist. Denn die Ereignisdichte des letzten Jahres war für mich schon sehr groß. Das fing alles an mit einer drohenden Insolvenz, wir mussten ja unsere ganzen Tourneen absagen, aufgrund der Einschränkungen konnten wir nicht spielen. Und irgendwann wussten wir halt, wenn wir bis da und dahin kein Geld mehr verdient haben, sind wir pleite. Dann haben wir gesagt, wir bringen mal dieses Klavieralbum raus - und das ist total eskaliert. Damit haben wir wirklich nicht gerechnet, wir konnten die Insolvenz so abwenden, aber waren dann am Jahresende alle total überarbeitet. Ich wünschte, man könnte alles, was ich so erlebt habe - auf ein ganzes Leben verteilen. Ich freue mich total, ich habe sehr viele Preise gewonnen. Bester Künstler, bestes Album, bester Song und so. Wenn das alles in einem Jahr passiert, ist das irgendwie schade. Es wäre viel besser, wenn man alle zwei Jahre so einen Preis bekommen könnte.

Dein neues Album ist musikalisch ganz anders als alles, was du bisher gemacht hast. Hast du damit gerechnet, dass du nun ausgerechnet mit einem Klavieralbum so erfolgreich sein wirst?

Danger Dan: Erwartet habe ich diesen Erfolg nicht! So richtige Klugscheißer, die können jetzt sagen: "Das war ja abzusehen. Das Album ist ja voller Hits". Aber ich habe das auch schon vor der Veröffentlichung vielen Menschen aus der Musikindustrie gezeigt. Außer Thees Uhlmann hat niemand diesen Erfolg vorausgesagt. Alle haben gesagt, das ist Nischenmusik und alles andere als zeitgeistig. Hätte ich damit gerechnet, hätte ich auch mehr Platten gepresst und viel mehr Geld verdient. Aber ich habe nur 500 Platten gepresst und dachte, mit ein bisschen Glück, gehen die in den nächsten Jahren weg. Und die waren in einer Nacht dann weg.

Wie erklärst du dir den Erfolg?

Danger Dan: Ich kann das nicht so richtig erklären. Ich wollte schon immer mal ein Klavieralbum machen und mir ist das auch egal, wie aktuelle Musik klingt. Ich finde das sogar sehr langweilig, dass Popularmusik oft sehr gleich klingt. Oder wenn man sich Trends in den USA anguckt - wie rappen jetzt die Rapper dort gerade. Dann weiß man genau: in einem Jahr klingt die Musik in Deutschland so ähnlich. Es gibt ganz wenige Leute, die so unique sind und sich was Eigenes ausdenken. Das ärgert mich so oft, dass ich mittlerweile einfach so drauflosschreibe. In dem Fall habe ich jetzt aber nicht gedacht, dass so etwas noch mal cool sein könnte. Mir war eigentlich ziemlich klar: Klaviermusik - und ein Mann der am Klavier sitzt und Schnulzen singt - das ist eigentlich per se peinlich - also das ist eigentlich nichts Gutes. Ich wundere mich deswegen auch, dass das so angenommen wurde - auch von unseren Hip Hop Fans - also ich habe ja vorher nur Rap-Platten gemacht, und selbst die Leute, die vorher nur die Rap-Platten gehört haben, fanden das total super.

Sound und Inhalt deines Albums erinnern an ganz große deutsche Liedermacher - wie Wecker oder Wader. Haben diese Liedermacher dich beeinflusst?

Danger Dan: Ich kenne das alles auch aus meiner Kindheit! Ich glaube, neben Wader und Wecker würde ich ganz besonders noch Georg Kreisler hervorheben. Den fand ich immer ganz besonders cool wegen seines Zynismus. Der hat eine unglaublich spannende und krasse Lebensgeschichte. Und dem nimmt man alles was er erzählt und auch seine Wut total ab. Und er bleibt dabei so lustig - das finde ich ganz toll. Ich kenne dieses Soundbild und ich weiß, wie diese Liedermacher-Musik klingt. Das ist jetzt nichts, was ich erfunden habe, sondern das ist schon etwas, was ich auch aus meiner Kindheit mitgenommen habe.

Hattest du denn vor deinem Engagement beim SHMF Berührungspunkte mit klassischer Musik?

Danger Dan: Nein, gar nicht! Mit klassischer Musik hatte ich bisher ganz wenig Berührungspunkte. Aber ich merke: ganz besonders wenn das live ist und mit einem Orchester, dass das etwas ist, wovor ich mich gar nicht schützen kann. Das mich das dann emotional total mitnimmt. Aber da bin ich noch voll der Anfänger. Also ich glaube Leute, die wirklich klassische Musik hören, die können mit dem, was ich so mag, nichts anfangen. Und ich mag so zeitgenössische Musik nicht, die dann so disharmonisch ist - das verstehe ich überhaupt nicht. Oder Zwölftonmusik - das fühle ich einfach nicht!

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Kanntest du denn das SHMF vorher und weißt du, was dich da erwartet?

Danger Dan: Ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht so richtig, was das ist! Ich kenne mich überhaupt nicht aus in dieser Welt. Programmfestivals - das gebe ich ganz ehrlich zu - da wäre ich selber in meinem Leben gar nicht hingegangen. Ich freue mich total, dass ich da auftauche und ich finde es eh spannend, dass es jetzt Jazz-Festivals gibt, die mich buchen wollen, aber auch das größte deutsche Punk-Festival. Ich freue mich auf alles, was jetzt passiert. Ich wette auch, dass dieses Jahr genauso chaotisch wird, wie das letzte Jahr. Wo genau ich da jetzt eigentlich landen werde, weiß ich nicht. Ich bin aber wohlwollend gespannt! Wie geil ist das denn, auf so einem riesigen Klassik-Festival stattzufinden und gleichzeitig in kleinen, autonomen Zentren aufzutreten. Also dass ich diesen Spagat mit diesem Album so machen kann, das ist doch wundervoll und das gefällt mir alles sehr gut.

Einen ersten Berührungspunkt mit der klassischen Musikwelt hattest du ja im vergangenen Jahr, als du gemeinsam mit Igor Levit in der Show von Jan Böhmermann aufgetreten bist. Kanntet ihr euch schon vorher?

Danger Dan © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner
Mehrmals traten Igor Levit und Danger Dan gemeinsam auf - unter anderem auch beim Festival "Jamel rockt den Förster".

Danger Dan: Also ich kannte ihn vorher nicht wirklich. Wir haben einen gemeinsamen Bekannten und ich hatte ihn vorher schon mal kontaktiert, ob er Bock hat, was Gemeinsames zu machen. Und ich wusste auch, dass er sehr zugänglich ist und Lust hat, Leute kennenzulernen. Dass er jetzt nicht so ist, wie man sich einen klassischen Pianisten vorstellt. Man stellt sich das ja sehr spießig vor, wenn man aus meiner Lebenswelt kommt. Jemand der halt unbedingt einen Klavierstimmer braucht, bevor er da jetzt einen Ton spielt - und so ist er gar nicht. Das wusste ich. Und ich habe ihn natürlich auch mit seinen politischen Aussagen verfolgt, und da dachte ich, da gibt es doch Berührungspunkte. Mittlerweile kennen wir uns etwas besser und wir haben auch mal ein, zwei Abende zusammen Bier getrunken. Und ich kann nur sagen - ich komme ja aus dieser Punkwelt - einen schlimmeren Punker als Igor Levit habe ich letztes Jahr nicht getroffen. Also ich habe mich auch schon mit den Leuten von Slime in einer Bar getroffen - da ist Igor Levit auf jeden Fall der krassere Punker!

Inwiefern das denn?

Danger Dan: Der ist ein riesiger Chaot! Ich habe mit ihm ein Konzert zusammen gespielt und ich hatte die Hoffnung, man könnte überlegen, welches Lied wollen wir denn spielen - die Leute von der Bühne haben gefragt: Wo sollen wir denn die Klaviere hinstellen? Welches soll links, welches soll rechts stehen? Wollt ihr die eindrehen oder frontal zum Publikum? Und er war so: ist mir völlig egal, hauptsache ich kriege ein Bier. Ich musste mich dann mit ihm da so durch improvisieren, das macht ihm total Spaß. Der ist halt Rock'n'Roll und sehr abgebrüht! Für mich so als Anfänger in diesem Genre - also ich bin ja Autodidakt - Klavier ist für mich immer noch ein schwieriges Instrument. Da wäre es schon gut gewesen, sich vorher ein bisschen abzusprechen, aber das ist mit so einem Punker wie Igor gar nicht möglich. Dem war einfach nur wichtig, dass er ein Bier kriegt vorher.

Du hast in deinem Leben schon sehr unterschiedliche Musik gemacht und arbeitest auch gelegentlich mit Referenzen - zum Beispiel zu Lou Reed - wie kommt es zu dieser Bandbreite?

Danger Dan: Ich habe immer ein großes Spektrum an Musik gehört. Also zuhause hatten wir eine große Schallplattensammlung. Da war alles mögliche drin, was vermutlich bei den meisten Leuten meiner Generation zu Hause in der Schallplattensammlung dabei war: Beatles und sowas. Und ich komme aus der Kleinstadt Aachen. Die ist halt nicht groß genug, sodass man verschiedene Subkulturen haben könnte. Es gibt nicht die Punker und die Hip-Hoper und die Breakdancer, die sich alle geschlossen treffen, sondern alles, was sich so ein bisschen alternativ geschimpft hat, hat sich eigentlich am selben Ort getroffen. Da waren dann Leute dabei, die Reggae gehört haben, irgendwelche Ska-Skinheads, Punker, Rapper und so weiter. Auf den Parties waren immer dieselben Leute, da gab es auch eine große Drum 'n' Bass-Szene. Durch diese kleinstädtische, alternative Szene hatte ich dann immer Kontakt zu Protagonisten aus allen möglichen verschiedenen Genres. Wobei ich schon sagen musste, es war schon in allererste Linie Jazz und Popularmusik und Punk-Rock.

Warum hast du beschlossen, jetzt mal ganz andere Musik zu machen?

Danger Dan: Ich hatte nie so eine Leidenschaft, dass ich eine bestimmte Musikrichtung machen muss. Ich spiele ja in einer Hip-Hop-Band und bei den anderen beiden sieht das anders aus, die wollen auch nur Rap-Musik machen. Ich würde mit denen auch Bratwürste braten muss ich sagen. Ich mache das mit denen, weil wir Freunde sind und nicht weil die Musikrichtung mir so wichtig ist. Für die stand das nie zur Debatte, dass wir was anderes machen. Ich war vorher aber auch in einer Roots-Reggae-Band und habe Hammondorgel gespielt. Mir kann alles mögliche Spaß machen. Ich wollte da nie irgendetwas ausschließen für mich.

Bleibst du denn jetzt bei dieser Stilrichtung nach dem einschlagenden Erfolg?

Danger Dan: Ich kann das alles nicht ausschließen, ich kann mir vorstellen, weiter Klavier zu spielen und zu singen. Vielleicht mache ich das auch noch ein Album lang weiter. Aber bei mir war das bisher immer so, dass wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dass das nicht wirklich funktioniert hat. Wenn ich mich da so konzeptionell ran bewege, dann geht der Plan eigentlich nie auf. Also ich kann nicht so richtig voraussagen, was da passiert. Da will ich mich etwas zurückhalten, nicht dass sich alle auf ein neues Klavieralbum freuen und am Ende ist es doch Country oder Gabba.

Hast du irgendwelche Erwartungen an deinen Auftritt beim SHMF?

Danger Dan: Ich freue mich sehr, auf einem Klassik-Festival zu spielen und ich hoffe, dass die Begegnung für alle Beteiligten schön wird. Bin aber total gespannt - ich weiß wirklich nicht, was mich da erwartet - und umgekehrt vielleicht auch. Ich finde es immer schön, wenn so zwei verschiedene Welten aufeinander treffen und dann passiert oft was Gutes! Ich kenne das aus meinem Leben: ich habe jahrelang nicht Geburtstag gefeiert, weil ich Angst hatte, dass meine verschiedenen Freundeskreise aufeinander treffen. Ich hatte das Gefühl, dass könnte nicht so gut harmonieren. Irgendwann habe ich es dann trotzdem einfach gemacht, habe eine Party gefeiert, wo ich einfach alle eingeladen habe. Irgendwelche delinquenten Graffiti-Maler und Leute aus der philosophischen Fachschaft, mit denen ich rumgehangen habe. Und die haben sich alle super verstanden und am Ende ist das ein großer Freundeskreis geworden. Also das ist jetzt nicht mein Anspruch, dass wenn ich auf einem Klassikfestival spiele, dass wir dann alle ein großer Freundskreis sind. Aber ich glaube, dass es vielleicht spannend sein kann, wenn da unterschiedliche Leute zusammenkommen: die Hip-Hop-Fans von Danger Dan und die Antifas aus der Umgebung, genauso wie die Leute, die eigentlich Klassik-Liebhaber sind. Wenn ihr Freunde sucht: vielleicht ist das auch ein guter Anlass, sich da mal umzugucken!

Das Gespräch führte Anina Pommerenke. Am 9. August 2022 ist Danger Dan beim SHMF aufgetreten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.03.2022 | 08:20 Uhr

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